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Film zum Mord an Walter Lübcke : Tödliche Gesinnung

  • -Aktualisiert am

Niederschmetternde Erkenntnisse: Joachim Krol spielt den ermittelnden Kommissar Norbert Bartels. Bild: HR

Hydra und Hybris: Raymond Leys Dokudrama über den Lübcke-Mord ist emotional eindrücklich: Ebendas ist problematisch, man hätte den Prozess abwarten sollen.

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          Politische Morde von links kannte die Bundesrepublik Deutschland schon, rechtsextreme Anschläge auf Politiker ebenfalls. Aber der Schuss, mit dem am 1. Juni 2019 im hessischen Wolfhagen-Istha der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke für seine liberal-konservativen, christlich inspirierten Überzeugungen auf der eigenen Terrasse regelrecht hingerichtet wurde, ist eine Zäsur. Der erste offen rechtsradikal motivierte Mord an einem Politiker in Deutschland seit der NS-Zeit markiert den Übergang des seit Jahren zunehmenden Rechtsterrorismus in eine neue Phase. Die im großen Gerichtsprozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main sichtbar werdende Armseligkeit des – in der Szene bestens vernetzten – Täters Stephan Ernst, der zwischenzeitlich nur Mitläufer sein wollte und sich auch sonst vielfach widersprochen hat, darf niemanden beruhigen: Armselig wirkten die nationalsozialistischen Schläger in der frühen Weimarer Republik auch.

          So ist große mediale Aufmerksamkeit für den Mord und seine Aufklärung absolut gerechtfertigt. Aber hätte es, diese Frage muss man stellen, nicht einer gewissen Abklingzeit bedurft, bevor die Tat zum Sujet eines Fernsehfilms wird? Und das nicht nur aus Respekt vor dem Opfer und Hinterbliebenen, sondern schlicht, weil der Prozess noch läuft und so quasi notwendig ein nicht mehr ganz aktueller Sachstand vermittelt wird? Der Wettlauf, das „Thema“ als Erster für das Fernsehen aufbereitet zu haben („emotional und zugleich faktenreich“, wie der HR wirbt), wirkt in diesem Fall zumindest fragwürdig. Und der Einwand, der renommierte Regisseur Raymond Ley habe ein Dokudrama (Buch: Raymond und Hannah Ley) gedreht und so die Wirklichkeit in den Film hineingeholt, vergrößert die Zweifel eher noch: Warum dann überhaupt Spielszenen? Oder warum keine gänzlich fiktive Parabel?

          Es sollte jemanden treffen, der sich für Flüchtlinge einsetzte

          Was Ley als Reenactment zeigt, sind neben möglichen Tatversionen vor allem die Vernehmungen Ernsts inklusive des freimütigen, später widerrufenen (der Mitangeklagte Markus H. sollte nun geschossen haben) und dann doch erneuerten Geständnisses (Markus H. sei aber der Anstifter). Den Täter im Film spielt Robin Sondermann so überzeugend, dass er emotional glaubwürdig und ehrlich rüberkommt. Das stimmt mit der realen Person trotz meist identischer Aussagen nicht unbedingt überein. Ernsts emotionale Bezugnahmen auf die Silvesternacht von Köln oder den Anschlag von Nizza, womit er seine Tat zu legitimieren versuchte – es sollte jemanden treffen, der sich für Flüchtlinge einsetzte –, wirken in dem im Netz in Ausschnitten zugänglichen Vernehmungsmitschnitt deutlich aufgesetzter. Auch der Psychiater Norbert Leygraf hat vor zwei Wochen im Prozess ein Gutachten präsentiert, das darauf abhebt, dass ein „offenes Gespräch“ mit dem zu langatmigen Erklärungen neigenden Angeklagten kaum möglich gewesen sei. Die Gefühlsausbrüche in den Vernehmungsvideos bezeichnete er als „wenig glaubwürdig“. Filmisch macht ein solcher Charakter freilich weniger her als ein Täter, zu dem sich eine irgendwie geartete Beziehung aufbauen lässt.

          Das sich hier über den realen Täter legende Psychogramm muss man noch nicht Fake News nennen, sondern allenfalls eine Verzerrung, zu der die Kunst durchaus berechtigt ist. Aber vielleicht sollte ein Film, der so deutlich urteilt, doch das reale Urteil erst abwarten. Problematisch sieht es auch auf der Gegenseite aus: Joachim Król und Katja Bürkle geben ein so formidables Ermittlerpaar ab, dass man gar nicht anders kann, als sich in einem Fernsehkrimi zu wähnen. Da kommt man nicht ohne gewisse Überführungsleistungen aus, was hier (fiktiv) so gelöst wird, dass die Ermittler den Widerruf des anfänglichen Geständnisses mit Aplomb und dramatischer Musikuntermalung auseinandernehmen. Als Schlüsselmoment dient dabei die Präsentation des bei Ernst gefundenen Messers, an dem DNA-Spuren des 2016 niedergestochenen Irakers Ahmed I. festgestellt wurden. Die Indizien wiegen in der Tat schwer; abgeschlossen ist aber auch dieser Teil des Prozesses – Ahmed I. ist Nebenkläger – noch nicht. Soeben tauchte eine möglicherweise entlastende Quittung über den Kauf des Messers auf.

          Ernsts Name taucht elfmal im geheimen NSU-Bericht auf

          Nicht minder bedenklich erscheint der dramaturgische Kniff, Spannung wie Relevanz durch die Andeutung eines bislang zumindest unbelegten Verfassungsschutz-Komplotts samt Verbindungen zum Kasseler NSU-Mord an dem Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat zu erhöhen. Bekannt ist bis heute nur, dass Stephan Ernsts Name elfmal in einem geheimen NSU-Bericht des hessischen Verfassungsschutzes auftauchen soll. Eine Querverbindung zwischen den Taten ist durchaus denkbar, auch eine grobe Fehlleistung oder gar Verwicklung des Verfassungsschutzes (über seine V-Leute) nicht ausgeschlossen, aber das sollte unbedingt politisch und juristisch untersucht, nicht raunend durch einen Film unterstellt werden, der hier – wie ganz ähnlich Wolfgang Schorlau in seinem NSU-Roman „Die schützende Hand“ – am Rande einer Verschwörungserzählung operiert.

          In harten Schnitten hat Ley bewegende, doch oberflächlich bleibende Interviews mit Weggefährten des Opfers inseriert. Im Chor verlesen werden dann jene berühmten, durch Anpöbeln provozierten, aber inhaltlich völlig korrekten Sätze Lübckes, mit denen dieser im Oktober 2015 bei einer Informationsveranstaltung zur Flüchtlingsunterbringung den Hass des Angeklagten auf sich gezogen haben soll: „Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten. Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“ Emotional erreicht der Film hier seinen Höhepunkt.

          Ley ist es erkennbar und laut einer „Director’s Note“ auch explizit darum zu tun, das Motiv der Tat zu durchleuchten. Er vermutet es – mit guten Gründen – in einer bis zum Wahn gesteigerten Angst vor dem Verlust der nationalen Identität. Genährt habe diese Angst, heißt es in der „Note“, „jene Politik, die gern von der ,Überfremdung der Deutschen‘, von ,Umvolkung‘, von der ,Vertreibung der Deutschen‘ spricht“. Das erklärt wohl die inhaltlich sonst wenig beitragenden Aufnahmen von einer AfD-Veranstaltung in Kassel.

          Derart engagiert ist Ley, dass er sogar zu unlauteren Mitteln greift. So werden Ernsts Mordphantasien gegenüber Ausländern untermalt mit Alexander Gaulands Worten: „Wir werden sie jagen. Und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Dabei wurde der Zwischensatz weggeschnitten, der klarmacht, dass sich diese Aussage nach dem Einzug der AfD in den Bundestag auf die Bundesregierung bezog. Es gäbe genug entsetzliche Aussagen von Gauland: Warum musste man da noch eine zurechtfälschen? Unwidersprochen darf an anderer Stelle ein CDU-Parteifreund Lübckes ausführen, dass er zwar ein Gegner der Todesstrafe sei, aber den Täter Ernst verhungern lassen würde. Dieses Detail allein kann stellvertretend für den ganzen Film stehen, der sich so sehr darin eingerichtet hat, Haltung gegenüber der Hydra des Rechtsradikalismus zu zeigen, dass er nicht merkt, wie diese, dem Recht vorauseilend, zur Hybris werden kann.

          Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes, heute um 22.15 Uhr im Ersten.

          Lauernd: Robin Sondermann spielt den (mutmaßlichen) Täter Stephan Ernst.
          Lauernd: Robin Sondermann spielt den (mutmaßlichen) Täter Stephan Ernst. : Bild: HR

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