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Nachruf auf Bettina Gaus : Die Unbestechliche

Bettina Gaus Bild: picture alliance / dpa

Klug, ernsthaft und immer mit einem eigenen Blick: Die große Publizistin Bettina Gaus ist gestorben. Ein Nachruf.

          3 Min.

          Es ist nicht so, dass die meisten Journalistinnen und Journalisten zum Zynismus neigten, beileibe nicht. Aber es gibt eine Form von Ernsthaftigkeit, die schon immer selten war und es heute vielleicht mehr denn je geworden ist. Mit dieser Haltung war Bettina Gaus, die drei Jahrzehnte lang für die taz und zuletzt für den Spiegel arbeitete und daneben oft in Radio und Fernsehen auftrat, in der deutschen Publizistik ein Solitär. Wenn ein Gesprächspartner in einer Talkshow, ein Kollege in einer Redaktionskonferenz einfach nur gedankenlos etwas dahinsagte, musste er bei ihr stets damit rechnen, dass sie das Argument für bare Münze nahm, mit Leidenschaft darauf einging und Schwachstellen offenlegte.

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie tat das auch mit Humor, man konnte herzhaft mit ihr lachen, auch über die Schwächen von Politikern, ohne dass sie deshalb die Person verachtete. Sie liebte es, die Dinge von einer ungewohnten Seite zu betrachten, noch in ihrer letzten Kolumne, in der sie vor einer neuen Prüderie warnte, die sich bei aller berechtigten Kritik am Chefredakteur der Bild-Zeitung in die Debatte über Beziehungen am Arbeitsplatz eingeschlichen hatte.

          Bürgerlich und links

          Die Art und Weise, wie Bettina Gaus einen bürgerlichen Habitus mit einer linken politischen Grundhaltung verband, ist hierzulande selten. Beides war ein Erbteil ihres Vaters Günter Gaus, des früheren Spiegel-Chefredakteurs und Ständigen Vertreters der Bundesrepublik in Ostberlin, dessen Fernsehgespräche „Zur Person“ bis heute Maßstäbe setzen. An Förmlichkeiten hielt sich die Tochter nicht fest, aber Formlosigkeit behagte ihr nicht, vor allem, wenn sich dahinter Gleichgültigkeit verbarg.

          Wissen war nie wertvoller

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          Eines ihrer großen Themen waren die Fragen von Krieg und Frieden. Früh kritisierte sie die deutschen Militäreinsätze im Ausland – auch schon zu einer Zeit, als das nach der rot-grünen Regierungsübernahme 1998 und dem Kosovokrieg 1999 vielen als hoffnungslos altmodisch erschien, auch in der eigenen Zeitung. Am Ende sollte sie recht behalten: Auch die deutsche Kanzlerin entwickelte mit der Zeit eine Merkel-Doktrin der Nichtintervention, und spätestens mit dem unrühmlichen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan bestätigten sich vor wenigen Monaten die düsteren Prognosen endgültig.

          Sie schrieb über ihr eigenes Afrika

          Bettina Gaus, die noch in Bonn das Parlamentsbüro der taz leitete und anschließend in Berlin als die politische Korrespondentin der Zeitung arbeitete, war eine exzellente Kennerin und scharfe Analytikerin der deutschen Innenpolitik, die sich von vielen Angehörigen des Betriebs durch ihren Blick nach außen grundlegend unterschied. Ihre journalistische Prägung erhielt sie, nach Anfängen bei der Deutschen Welle, zwischen 1989 und 1996 als Afrikakorrespondentin der taz mit Sitz in Nairobi. Ihrer kenianischen Wahlheimat blieb sie auch danach aus familiären und freundschaftlichen Gründen eng verbunden. Auch journalistisch blieb Afrika eines ihrer großen Themen, von dem auch ihr vielleicht persönlich­stes Buch handelte, das 2011 erschien: Sie bereiste den Kontinent nicht auf der Suche nach Exotik oder menschlichem Elend, sondern sie schrieb über ihr eigenes Afrika, über das Alltagsleben der wachsenden Mittelschicht.

          Als ihre Tochter in Kairo studierte, legte sie sich dort gemeinsam mit ihr eine Zweitwohnung in der ägyptischen Hauptstadt zu, die sie darüber hinaus noch behielt, auch dort stets mit wachem Interesse am politischen Geschehen. Eine weitere Leidenschaft galt den Vereinigten Staaten von Amerika, über deren Wahlkämpfe sie für die Zeitung regelmäßig berichtete – und über die sie ebenfalls ein Reportagebuch schrieb: Sie folgte 2008 der Reiseroute John Steinbecks aus dem Kennedy-Wahlkampf 1960 und beschrieb anschaulich die politische Spaltung des Landes, wohlgemerkt acht Jahre bevor die angeblich so überraschende Wahl Donald Trumps die Aufmerksamkeit der hiesigen Öffentlichkeit auf das Thema richtete.

          Oft heißt es, die taz sei so etwas wie die Journalistenschule der Nation. Wenn das stimmt, dann hat die Zeitung diesen Ruf vor allem einer Person zu verdanken: Bettina Gaus. Kaum jemand ließ jüngere Kollegen so selbstlos am eigenen Erfahrungsschatz teilhaben, nicht weil sie irgendwelche Karrieren fördern wollte, sondern weil sie in ihnen dieselbe Ernsthaftigkeit erkannte, die ihr selbst zu eigen war. Sie war zur Freundschaft fähig, sie forderte und förderte, sie lobte und tröstete, sie half selbstlos bei umfangreichen Buchprojekten. Im Alter von nur 64 Jahren ist sie am vorigen Mittwoch nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Ihre Stimme, die sie bis zuletzt erhob, wird fehlen.

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