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„Till Eulenspiegel“ im Ersten : Das Kind hält uns den Spiegel vor

Noch ist er in seinem Element, aber schon bald wird er selbst in den Spiegel schauen müssen, den er anderen so gern vorhält: Till Eulenspiegel (Jacob Matschenz) Bild: NDR/Boris Laewen

Im Buch stehen Till Eulenspiegels Streiche für sich, in der Verfilmung der ARD bilden sie einen erkennbaren Spannungsbogen: Denn der Narr verfolgt ein höheres Ziel.

          Man kennt das: Zwei Diebe klauen nachts einen riesigen Bienenkorb. Sie tragen ihn auf einem Gestell zwischen sich, der eine Dieb vorne, der andere hinten. Doch in dem Korb versteckt sich ein Kind, und das zieht nun im Schutz der Dunkelheit mal dem einen, mal dem anderen Spitzbuben an den Haaren. Die beiden halten sich gegenseitig für den Aggressor und prügeln sich bald tatsächlich. Das Kind sieht feixend zu. Dann läuft es davon.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte ist eine der bekanntesten unter vielen Streichen, die Till Eulenspiegel zugeschrieben werden, der mutmaßlich in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts im niederdeutschen Raum lebte. Sein Weltruhm als weiser Narr rührt von einem kurz nach 1500 erschienenen Volksbuch her, das seine Abenteuer in fünfundneunzig nur sehr locker miteinander verbundenen Episoden schildert. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, nacherzählt, zum Opernstoff genommen und mehrfach verfilmt.

          Der anarchische Possenreißer

          Die neueste Adaption, die Christian Theede nun nach einem Drehbuch von Dieter und Leonie Bongartz geschaffen hat, läuft als Weihnachts-Zweiteiler im Ersten. Sie setzt gleich am Anfang den entscheidenden Akzent, indem der anarchische Possenreißer hier als gutherziger Freund der Armen erscheint: Er beobachtet, wie sich eine Marktfrau grundlos grausam gegenüber einem kleinen Jungen verhält, dann luchst er ihr mit einem Trick ihre Hühner ab und schenkt sie wiederum dem Kind. Anders als im Buch dient nahezu alles, was der von Jakob Matschenz gespielte Eulenspiegel im Film unternimmt, einem Zweck, der außerhalb der jeweiligen Posse liegt.

          Und auch aus der losen Abfolge der Streiche wird hier ein Spannungsbogen: Eulenspiegel, der zu Beginn des Films in Lübeck den aufgeblasenen Bürgermeister (den Devid Striesow großartig verkörpert) öffentlich verkaspert hatte, muss vor dessen Rache fliehen und sucht ausgerechnet im Haus seiner ehemaligen Geliebten Kathrin Hilfe. Als er entkommt, wird Kathrin eingekerkert, so dass dem Narren ein klares Ziel gesetzt ist: Kathrin befreien, den Bürgermeister besiegen und selbst unbeschadet aus dem Schlamassel herauskommen.

          Ausflüge in die Gegenwart

          All das vollzieht sich zwei Stunden lang in einer Kulisse, die nach Museumsdorf aussieht und auch daher stammt. Kleidung, Werkzeuge und Waffen sind irgendwo zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit angesiedelt, mit netten Ausflügen in die Gegenwart, und wie die besten und bekanntesten Eulenspiegel-Abenteuer in diesen Film eingebunden werden, sieht man sich gern an: Da ist der Esel, der in Erfurt vor den versammelten Würdenträgern der Universität sein „I-Ah!“ schreit, als Beweis seiner Lesefähigkeit, schließlich hat Eulenspiegel ihm gerade ein Buch mit den betreffenden Buchstaben vorgehalten. Oder die Wunderheilung der Spitalbewohner, denen Eulenspiegel zuvor gedroht hatte, aus dem Kränksten von ihnen Suppe zu kochen. Und natürlich findet auch die Episode mit dem Bienenkorb in den Film.

          Doch während die übrigen Possen Till auf unterschiedliche Weise vom Dietrich bis zum Schlaftrunk die Mittel in die Hand spielen, Kathrin zu befreien, dient die Geschichte mit den gezausten Dieben einem anderen Zweck. Denn das schadenfrohe Kind im Korb ist natürlich nicht der erwachsene Till, sondern ein etwa zehnjähriges Mädchen namens Marie. Sie ist Kathrins Tochter, die im Moment ihrer Gefangennahme von ihrer Mutter zu Till Eulenspiegel geschickt wurde, der nämlich – für alle Figuren außer Kathrin ein großes Geheimnis, für den Zuschauer sofort ersichtlich – Maries Vater ist.

          Marie also, genretypisch altklug, aber bockig und sympathisch wie kaum ein anderes Weihnachts-Mehrteilerkind der vergangenen Jahre, hegt eine Bewunderung für Eulenspiegel, die auch die Begegnung mit ihm nicht nachhaltig zerstört. Sie lernt, dass seine irrlichternde Präsenz und seine anarchischen Inszenierungen erkauft werden durch seine Unfähigkeit, eine Bindung einzugehen – und Eulenspiegel wird durch sie erstmals auf diesen Zusammenhang hingewiesen. So ist es eine der stärksten Szenen des Films, wenn der Narr, der am Ende jeder Posse einen kleinen Handspiegel hervorzaubert und ihn dem Gefoppten vors Gesicht hält, damit der sich darin in seiner ganzen Dummheit und Aufgeblasenheit erkenne, nach dem Verlust Maries nun selbst hineinsieht. Gleichzeitig findet er ein Büchlein, in dem Marie seine Abenteuer aufgeschrieben hatte. Und Till versteht wie der Zuschauer nun auch, warum Marie in den Bienenkorb gekrochen ist: Nachdem sie Eulenspiegel aus der Nähe beobachtet und seine Taten beschrieben hatte, wollte sie drittens auch noch wissen, wie es sich anfühlt, eine Eulenspiegelei ganz allein durchzustehen. Ihrer Miene nach zu urteilen: offenbar ganz hervorragend.

          So stellt der auf den ersten Blick harmlose, auf den zweiten äußerst ambitionierte Film die Grundfrage aller Eltern: Inwieweit verändern wir uns, wenn unsere Kinder uns beobachten? Können wir noch Eulenspiegel sein, wenn alles, was wir tun, von jemandem registriert wird, für den wir Verantwortung tragen? Und kommen wir da jemals wieder raus?

          Im Film ist das familiäre Arrangement am Ende wie folgt: Eulenspiegel erlebt weiter seine Abenteuer, aber er wird immer wieder nach Lübeck zu Besuch kommen, um davon zu erzählen. Marie wird sie aufschreiben. Und die spannende Frage ist, ob sie sich mit dieser Rolle begnügen wird.

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