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Til Schweigers „Tatort“-Debüt : Vom Frühstücksei in den Kugelhagel

So kehrt er heim und soll auch gleich das Frühstück machen: Hoodie-Kommissar Nick Tschiller (Til Schweiger), verschrammt und verpflastert nach dem Kampf gegen die Kurden-Mafia. Bild: NDR

Jede Menge Action, forsche Dialoge, viel Zeitgeist-Pädagogik und schon wieder Zwangsprostitution: Das „Tatort“-Debüt des Kinostars Til Schweiger ist passabel. Als Co-Ermittler zeigt Fahri Yardim eine klasse Partie.

          3 Min.

          Haben fünfzehnjährige Töchter Anspruch darauf, jeden Morgen ein weichgekochtes Frühstücksei vorgesetzt zu bekommen? „Willkommen in Hamburg“, der erste „Tatort“ mit Til Schweiger in der Rolle des Kommissars Nick Tschiller, macht viel Wesen um diese Frage - und bejaht sie eindeutig.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Egal, wie spät in der Nacht dieser so gradlinige wie erbarmungslose Ermittler nach Hause kommt, egal, wie verschrammt, verbeult und verpflastert er nach seinen Kämpfen mit der hanseatischen Kurden-Mafia auch aussieht: Töchterchen Lenny, gespielt von Schweigers Tochter Luna, will bedient sein und dabei am besten noch ein paar flapsige Sprüche über Vaters Unbeholfenheit loswerden.

          Aber wenn sie, vor Liebeskummer schluchzend, an dessen tröstender Schulter davon erzählt, mit welcher Begründung ihr in Frankfurt am Main lebender Freund Schluss gemacht hat, hilft nur die aktuell geläufige Sprachschlamperei: „Unsere Beziehung macht keinen Sinn“, hat er ihr übermittelt - naturgemäß per Skype.

          Auch im Film als Tochter und Vater unterwegs: Lenny (Luna Schweiger) und Nick Tschiller (Til Schweiger) sichten die Familien-Vergangenheit.

          Ebenso naturgemäß hat Tschiller keinerlei Problem mit dem anglisierenden Jargon seines Kindes, ist aber, des immer wieder missratenen Frühstückseis wegen, voller Selbstzweifel über seine eigene Befähigung zum (beinahe) alleinerziehenden Vater. So viel zur Zeitgeist-Pädagogik dieses „Tatorts“.

          Der lässt es ansonsten krachen und knallen, was das Zeug hält. Gleich zu Beginn beschert dieses Action-Spektakel dem Profiboxer Arthur Abraham, WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht, einen kurzen Gastauftritt, bei dem er Schweigers Tschiller schlagtechnisch nur knapp Paroli bieten kann, ihm aber überlebensstrategisch klar unterlegen ist - wie zwei andere Gorillas des den Kiez terrorisierenden Clans der Familie Astan wird er in der Eingangsszene erschossen.

          „Dreifacher letaler Schusswaffengebrauch“ heißt im Polizei- und Justizdeutsch, was für Tschiller „Notwehr“ war und dem Regisseur Christian Alvart einen Einstieg im Kugelhagel ermöglicht.

          Er kündigt den „Kiezfrieden“ auf

          Dieser Einstieg birgt schon fast alle Stärken und Schwächen der ersten Schweiger-Folge. Stark sind das rasante Tempo, die unsentimentalen Figurenprofile, die klare Handlungsfolge - und vor allem der Verzicht auf eine das Verbrechen relativierende Täterpsychologie: Die Astans sind schlicht Profi-Kriminelle, wollen Geld, Macht und dabei ihre Ruhe vor der Polizei.

          Just diesen bisher praktizierten „Kiezfrieden“ kündigt der Neue, kündigt Nick Tschiller auf - das Drehbuch von Christian Darnstädt überzeugt immer dann, wenn es die daraus resultierenden Kriegsfolgen im Hamburger Milieu einfach konsequenzlogisch entwickelt und aneinanderreiht.

          Dass wir es nach Dominik Grafs Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) und dem erst im vergangenen Dezember ausgestrahlten Furtwängler-“Tatort“ über die „Wegwerfmädchen“ thematisch aufs Neue mit der Zwangsprostitution osteuropäischer Mädchen zu tun haben, ist etwas wohlfeil und mittlerweile nicht mehr ganz über den Verdacht erhaben, unsere moralische Abscheu mit voyeuristischen Mitteln zu erkaufen.

          Es knallt und kracht mächtig in diesem „Tatort“: Hier geht gerade eine Hotelsuite in die Luft, Tschiller (Til Schweiger) versucht das Opfer (Mavie Hörbiger) zu retten.

          Bisweilen übertreiben Regie und Drehbuch auch ihre Pointenlust. Als Tschiller in der Eingangsszene seinem Partner Yalcin Gümer (Fahri Yardim) zu Hilfe kommt, braucht er seinerseits die Unterstützung eines Behinderten. Man sieht es schon kommen, und so kommt es denn auch: „Kann ich meinen Rollstuhl wieder haben?“, blafft der coole Alte zu den Kommissaren ins Treppenhaus hinunter, wohl wissend, dass sein Gefährt restlos perdu ist.

          „Ich nuschle ein bisschen“

          Durchaus subtiler sind die ironischen Anspielungen auf den Kommissar als Star - selbstironisch spielt Til Schweiger dabei mit. „Schiller wie der Dichter?“, fragt die Dame an der Hotelrezeption. „Was für ein Dichter?“, fragt Tschiller zurück. „Die Glocke“. „Nein, ich nuschle ein bisschen.“

          Beim Showdown im Treppenhaus ist Gümer angeschossen worden und liegt nun im Krankenhaus. Die besten Szenen dieses „Tatorts“ verdanken sich fortan seiner Virtuosität im Umgang mit dem Notebook und dem Internet. Wie in der Westküsten-Serie „Navy CIS: L.A.“ kommt es auch hier zu einer Reihe von Interaktionen in Echtzeit zwischen dem hackenden Kommissar im Zweibettzimmer der Klinik und dem Verbrecher jagenden und Mädchen beschützenden Tschiller an der Kiezfront - wie trefflich Gümer sich dabei selbst auf die Schippe nimmt, spricht sehr für den Schauspieler Fahri Yardim, der bei dieser „Tatort“-Premiere auch deshalb nie im Schatten von Til Schweiger steht.

          Der Krankenhausheld mit seinem Notebook: Fahri Yardim steht als Co-Ermittler Yalcin Gümer auch schauspielerisch nie im Schatten von Til Schweiger.

          Aber wie ist er nun, der Kinostar als Fernsehkommissar? Nachdem Schweiger im Dezember 2011 seinen „Tatort“-Einsatz verkündet hatte, kam eine bis heute nur wenig gebremste Medien-Erregung in Fahrt. Häme und Hallelujah hielten sich dabei in etwa die Waage. Schweiger tat erwartbar das Seine, um dem Hype Vorschub zu leisten. Mal fand er den Vorspann der „Tatort“-Reihe „altmodisch“, mal forderte er mehr Engagement der ARD-Gewaltigen für ihr „Flaggschiff“, mal bekundete er, nicht wichtiger zu sein als die Beleuchter am Set.

          Mit Argwohn witterten verschiedene Mediendienste Schleichwerbung - welches Auto fährt er im „Tatort“, wie oft und wie offensichtlich kommt es ins Bild? Zwei Hamburger Hotels gerieten ins Visier, die damit warben, dem Schweiger-Debüt als Kulisse gedient zu haben. Und natürlich war die zentrale Frage, ob Til Schweigers Einstieg auch den kostspieligsten „Tatort“ aller Zeiten bedinge. Statt wie im Durchschnitt etwa 1,2 Millionen Euro, soll, so der NDR, diese Folge 400.000 Euro mehr gekostet haben.

          Als Nick Tschiller ist Schweiger sehr passabel - und natürlich auch höchst quotenträchtig. Man hat ihm, dem Hahn im Korb, eine Reihe von expressiven Schauspielerinnen zur Seite gestellt, Mavie Hörbiger etwa, Edita Malovcic, Svetlana Ustinova, Stefanie Stappenbeck oder die junge Nicole Mercedes Müller.

          „Fuck“ ist das erste Wort, das er sagt, „Scheiße“ war 1981 jenes von Götz George als Horst Schimanski. Noch ist dieses Rollenvorbild vor allem eine Herausforderung, als Nachfolger von Mehmet Kurtulus, der von 2008 an sechsmal als Undercover-Agent für den Hamburger „Tatort“ überzeugte, aber ist Til Schweiger gewiss keine Fehlbesetzung.

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