https://www.faz.net/-gqz-8bznk

Til Schweiger auf Facebook : Ins Interpunktionsinferno mit den Kritikern!

In Deutschland als Künstler eher minderverstanden: Til Schweiger Bild: Reuters

Til Schweiger lebt im Land der Neider. Anders ist es nicht zu erklären, dass ständig alle an seinen Tschiller-Tatorten herumkritteln. Nun machte er seiner Wut in einem satzzeichengesättigten Facebookpost Luft.

          2 Min.

          Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll und fragt sich, ob man nicht lieber gleich kapituliert: Die Wortwahl! Die ungebrochene Selbstbefeierung! Die Ausrufezeichen!!! Man fühlt sich sofort ganz schwach angesichts der Wucht, die einem da entgegenwummert. Als stets sprachsensibler Feuilletonist ist man ja kleinere Kaliber gewohnt. Doch bei Til Schweiger kracht es nicht nur, wenn er als Nick Tschiller Autos oder Waffen anfasst – in seinen Worten: „Kompromisslos, atemlos, viril, phantastisch“ –, sondern auch, wenn er nur einen Facebookbeitrag postet, und das muss man erst einmal hinbekommen. Wo andere Prominente noch affirmativ herumstammeln oder gleich den Social-Media-Praktikanten für sich schönschreiben lassen, da langt der Schweiger zu, ohne Rücksicht auf Verluste wie Grammatik, ohnehin schwächelnde Einschaltquoten oder öffentliches Ansehen.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Und dennoch lohnt ein zweiter Blick in dieses Interpunktionsinferno: Was eigentlich daherkommt wie ein Kniefall vor seinem Tatort-Regisseur Christian Alvart, den er nichts weniger als „derbe abfeiert“ – wie auch immer man sich das vorzustellen hat –, das ist im Gestus eigentlich der wortgewordene Trotz des unverstandenen Künstlers. Für Schweiger ist der Tatort „Fegefeuer“, der am 3. Januar lief, nichts weniger als ein Stück deutscher Fernsehgeschichte. Nicht seiner Handlung, der womöglich minderschönen Figuren oder der gelungenen Dialoge wegen, die gemeinhin als Qualitätsmerkmal herausragender Fernsehproduktionen angesehen werden. Mit solchen Nebenaspekten möchte sich Schweiger nicht unbedingt aufhalten – „andere verschwenden das Budget für zwei moppelige Kommissare, die ne Currywurst verspeisen“ –, ihm ist anderes wichtig: „Non Stop Action“. Er formuliert es in gewohnt kräftiger Sprache so: „...du bringst Non Stop Action in diese 90 Minuten, in denen sonst meistens dummes Zeug gelabert wird( Frau Meier, hatte Ihr Mann Feinde?)“. Endlose, öde Investigation verfälscht auch nur das Bild einer lebensnah agierenden Staatsgewalt. Die Kritik wird ihre Maßstäbe neu definieren müssen, und die Zuschauer ebenfalls.

          Seine Legitimation, das Urteil der Öffentlichkeit infrage zu stellen, begründet Schweiger folgendermaßen: „Weil.... ich als Filmemacher/Schauspieler/Produzent/Writer/Cutter/Composer.... viel mehr Ahnung.... ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft( Materie)....KUNST.... als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!“

          In der Tat würden wohl viele vor dem Wort „Kunst“ angesichts der jüngsten neunzigminütigen Panzerfaustorgie zurückschrecken. Das allerdings sagt, laut Schweiger, mehr über die Urteilenden als über den Tatort selbst: „Wenn sie ehrlich wären, würden sie zugeben, dass du was aussergewöhnliches geschaffen hast!! Das kriegen sie aber nicht hin, weil sie schwach und klein sind!“

          Christian Alvart- was hast du gemacht?! Ich sage , du hast ein Stueck deutsche Fernsehgeschichte geschaffen!...

          Posted by Til Schweiger on Sonntag, 3. Januar 2016

          In der Tat erschlafft uns an dieser Stelle ein bisschen der Mausarm. Das mag aber auch an der Übersetzung von „Craft“ mit „Materie“ liegen (was ist eigentlich „Materiebier“?). Schweiger jedenfalls hat sich da gerade erst warm exklamiert und fährt, an den Regisseur gerichtet, fort: „Ich bin unendlich stolz auf dich und was wir gemeinsam erreicht haben!!Du bist der Größte!!!! Deine Arbeit ist unglaublich stark!!!!Ich bin meeega stolz auf dich!!!!ps: Deutschland bleibt das Land der Neider....“

          Wer fühlt sich da nicht ertappt? Was sind wir doch ein kleinliches Völkchen handlungsfixierter Ballerfeinde! Was bestehen wir doch bei unseren Sonntagskrimis stets auf Charakterzeichnung und saubere Aussprache, wenn es doch auch ohne geht! Und dann unser Hass auf Ausrufezeichen, das ist doch auch nicht normal: Wenn es doch so wichtig ist!!! Wir können unendlich froh sein, dass das nächste Tschiller-Kunstwerk endlich da landet, wo es hingehört: Im Kino. Auf der ganz großen Leinwand. Wo die ganz große Kunst spielt. Neunzig Minuten Non-Stop-Action endlich in Dolby Surround, ganz ohne langweiliges Gelaber dazwischen. Und ohne Currywürste. Man muss die große Geste dahinter sehen, die nichts weniger will, als das Fernsehen endlich ins neue Jahrtausend zu ballern. Die KUNST. Die Craft und alles. 

          Trailer : „Tatort: Fegefeuer“

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Impfgegner demonstrieren im Mai diesen Jahres in Concord im Bundesstaat New Hampshire.

          Delta-Variante : Amerikas Konservative bekommen Angst

          In den Vereinigten Staaten haben viele konservative Politiker und Moderatoren eine Corona-Impfung für unnötig erklärt. Die rapide steigenden Infektionszahlen durch die Delta-Variante scheinen zu einem Umdenken zu führen.
          2,50 Meter hoch, etwa 2,30 Meter breit: So sieht sie aus, die Zelle des Sports

          Lost in Translation (3) : Zelle des Sports

          Einmal live zugeschaut bei den Könnern in Tokio, schon zuckt der Leib. Corona sitzt im Nacken. Doch auch in der Zelle ist Sport möglich. Selbst wenn bei Liegestützen die Ellbogen an der Wand scheuern.
          Medaillen bitte, wir sind Briten: Adam Peaty stürzt sich in die Fluten

          Schwimmen bei Olympia : Rule Britannia

          Adam Peaty macht die Schotten hoch: Tom Dean gewinnt als erster Brite seit Henry Taylor 1908 Freistil-Gold. Und Duncan Scott legt noch Silber dazu. Team GB surft auf einer Erfolgswelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.