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Szene aus einem Video von @zahryah Bild: TikTok/@zahryah

App als Protestplattform : Was Tiktok zeigt – und was nicht

Tiktok ist zur Plattform der „Black Lives Matter“-Proteste in den Vereinigten Staaten geworden. Ausgerechnet – denn Clips zu den Demonstrationen in Hongkong hat die chinesische App zensiert. Über die Macht der Willkürlichkeit.

          4 Min.

          Was Amerika ist, davon sang Childish Gambino vor zwei Jahren in „This is America“. Das Lied und mehr noch das Musikvideo erzählen von den Vereinigten Staaten, wie er sie sieht und erlebt, und mit „er“ ist nicht er persönlich gemeint, sondern „er“ als schwarzer Amerikaner. Der Song wurde damals schon zur Hymne. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste der letzten Wochen erhielt er nun, wenn auch keinen neuen, so doch aber einen konkreten Rahmen: und zwar durch Tiktok.

          Caroline O. Jebens
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          „This is America“ tönt millionenfach in den kurzen Clips der App an, die von Protestierenden unter den Hashtags „Black Lives Matter“ und „George Floyd“ hochgeladen werden. Und dieses Amerika ist keines, in dem man leben möchte: Man sieht eine Polizistin, die tanzend Protestierende nachäfft; oder eine Siebzehnjährige, die versucht, sich Tränengas aus den Augen zu waschen; dann Polizisten, die Wasserflaschen ausleeren, um das zu verhindern.

          Man sieht zerschlagene Schaufenster, geplünderte Läden, brennende Straßen und zwei Polizisten, die mit Gummigeschossen in eine friedliche Menge schießen; Polizisten, die zu viert einen einzelnen Mann überwältigen, der ein Schild hochhielt; oder zu sechst das Auto eines Pärchens einschlagen und beide tasern, bis der Fahrer bewusstlos ist. „This is America, Look at how I’m livin’ now, Police be trippin’ now“ – Childish Gambinos Text passt nur zu gut zu den Bildern und wird mit jedem Clip weiter eingemeißelt.

          Das also ist Amerika: Es ist ein Amerika voller Häme und Gewalt, das man sieht – und es wird gesehen. Fast elf Milliarden Mal wurde #BlackLivesMatter benutzt. Tiktok ist damit zur wichtigsten Plattform geworden, die Proteste vor allem in den Vereinigten Staaten zu dokumentieren. Ausgerechnet Tiktok – eine Plattform des chinesischen Unternehmens Bytedance, die hauptsächlich von Jugendlichen genutzt wird, um unterhaltende, wenn auch eher sinnbefreite Inhalte zu posten – ist nun zum politischen Medium der Stunde geworden.

          Nicht nur des Inhalts, mehr noch seiner Form wegen. Der Protest findet schließlich auf allen sozialen Medien statt. Tiktok ist aber nicht textlastig wie Facebook, und fordert auch kein sorgfältiges Kuratieren von Bildern wie Instagram. Wer sich anmeldet, wird direkt in einen Pool von Videos geschmissen, von denen keines länger als sechzig Sekunden dauert, und die sich so lange wiederholen, bis man weiterwischt. Was als Nächstes kommt, ist unklar. Zwar experimentieren auch Facebook und Instagram mit der Funktion. Für Tiktok ist das vermeintlich Zufällige aber essentiell.

          Damit ahmt die App in seiner Form den Protest selbst nach: Man wird zugeschüttet mit Eindrücken, bewegt sich durch eine Masse an bewegten Bildern, denen man sich nicht entziehen kann. Alles könnte passieren: Manche Menschen erzählen hier humorvoll, andere wiederum traumatisiert von ihren Erlebnissen; sie filmen gewaltsame Zusammenstöße, genauso wie versöhnende Momente mit der Polizei; sie kommentieren die neuesten Schlagzeilen, geben Tipps, wie man sich auf den Protesten am besten schützt; und halten fest, wie auf den Straßen körperlich und verbal gekämpft wird. Wischt man lange genug durch diese Beiträge, erahnt man die Wucht und Willkür der Ereignisse.

          Dass es nach der Ermordung George Floyds zuerst kurzzeitig keinen einzigen View zu #GeorgeFloyd oder #BlackLivesMatter gab, blieb natürlich nicht unbemerkt. Eine Woche vor Floyds Tod hatten sich die schwarze Community und deren Verbündete bereits gegen Tiktok gewandt, weil sie festgestellt hatten, dass sie von Algorithmen benachteiligt werden – ein Vorwurf, dem sich Tiktok auch von anderen Seiten ausgesetzt sah. Laut Berichten und Tests liebt der Algorithmus der App nämlich vor allem das, was weiße, junge, dünne und reiche Menschen so in die Kamera tanzen.

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