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Die Zukunft des Naturfilms : Sehnsucht nach den Helden des Tierreichs

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Auf großem Fuß: ein Pinguin-Junges in der Bruttasche seiner Mutter Bild: WDR/BBC/Stefan Christmann

Inszenierung, pure Observation oder Umweltengagement: Was wird aus dem Naturfilm? Die BBC und das Erste kommen dem Bedürfnis nach Emotionalität entgegen, aber auch Streamingdienste haben Pläne.

          „Das Erhabene muss jederzeit groß, das Schöne kann auch klein sein“, heißt es bei Kant, der Erhabenheit gern mit ungebändigter Natur zusammendachte. Wird diese Natur klein, indem man sie für den Bildschirm konfektioniert? Der spektakuläre Naturfilm, ein äußerst populäres Genre, war jedenfalls lange eher mit Idyllen verbunden als mit Schreckenserhabenheit: Drohnenflüge über Island, Tiefsee-Tauchgänge, unüberblickbare Karibu-Herden, alles mit meditativer Musik und Kommentaren in wohligem Basston abgeschmeckt, so kennen und lieben wir diese Ausflüge in die Wildnis. Sir David Attenborough, der britische Großmeister des Natur- und Tierfilms, sieht darin auch kein Problem: Er beharrte stets darauf, die Schönheit der Natur mache uns für sie empfänglich. Für die Darstellung des Idealzustands nahm er selbst ein wenig Inszenierung in Kauf. Vielleicht wirken gerade deshalb jene Szenen, in denen Attenborough doch auf Umweltprobleme eingeht, so stark: Die Bilder von Albatrossen, die ihren Nachwuchs mit Plastik füttern – so in „Blue Planet II“ von 2017 –, führten in Großbritannien zu einer fulminanten Anti-Plastik-Bewegung.

          Nicht immer dieselbe Biene

          Inszenierung, pure Observation, Engagement: Damit ist ein Feld abgesteckt, in dem Debatten rund um den Natur- und Tierfilm heute stattfinden. Das war auch der Fall bei dem Workshop „Reflecting Nature“, den der WDR jetzt gemeinsam mit der Medienberatungsagentur HMR International in Köln abgehalten hat. Der Anlass war die bevorstehende Ausstrahlung der imposanten Dokumentation „Wilde Dynastien“ im Ersten (ab 18. März). Diese Koproduktion der BBC Studios mit dem WDR, SWR und rbb, an der Attenborough trotz biblischen Alters noch mitgewirkt hat, wagt sich weit vor beim emotionalen Storytelling: „Dramatische Schicksale einzelner „Dynastien“ in der Tierwelt werden erzählt, indem man einzelne Schimpansen, Löwen und Tiger personalisiert. So fraglich das vermenschlichende Konzept ist, so umwerfend sind die Bilder, die in solcher Brillanz und Nähe wohl nur entstehen können, wenn man keine Mühen und Kosten scheut. Die fünf Teams verbrachten viele Monate bei den Tieren. Für eine Stunde Film wurden etwa 300 Stunden Material gedreht, erzählte der zuständige BBC-Produzent Rupert Barrington.

          David, der Alpha-Schimpanse aus „Wilde Dynastien“

          Obgleich die BBC im europäischen Naturfilmmarkt unbestritten als Nummer eins gilt, entstehen auch in Deutschland hochwertige Natur- und Tierfilme, wie die gutbesuchte Konferenz eindrücklich vorführte. Die Filme, oft Koproduktionen, laufen häufig auf den einschlägigen Sendeplätzen wie „Erlebnis Erde“ (ARD) oder „Terra X“ (ZDF) oder im Kino. Auch Streamingdienste interessieren sich zunehmend für die familienfreundlichen Inhalte, halten sich in Sachen Finanzierung aber noch zurück. Die Leitfrage im Kölner Cinenova war nun die nach der ästhetischen Neuausrichtung des Genres, das nicht mehr rein kontemplativ sein möchte. Die Antwort: Die Reise geht in alle Richtungen zugleich. So gibt es nach wie vor einen Markt für hochwertige „Blue Chip“-Produktionen, die uns zumeist menschenfreie Paradiese in ihrer überragenden Schönheit vorstellen, sozusagen die goldene Mittellage im erwähnten Dreieck. Das geschieht unter enormem Technikeinsatz, wie etwa die beeindruckenden Filme von Jan Haft über Wiesen, Wälder, Fjorde und Vulkane zeigen. Allein Hafts Firma Nautilusfilm investiert jährlich etwa 115.000 Euro in neue Kameras und Speichermedien.

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