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Sat.1-Thriller „Julia Durant“ : Sie „liest“ den Tatort regelrecht

  • -Aktualisiert am

Sie schaut genau hin: Sandra Borgmann spielt die Fallanalytikerin Julia Durant. Bild: Sat.1

Sat.1 produziert fast keine eigenen Filme mehr, wenn doch, wird es richtig gut, wie „Jung, blond, tot – Julia Durant ermittelt“ zeigt. Der Psychothriller ist von der harten Sorte. Sandra Borgmann in der Hauptrolle ist ein Glücksfall.

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          Drei blonde Mädchen in weißen Brautkleidern, sorgsam drapiert an verschiedenen Stellen des Frankfurter Innenstadt-Mainufers, alle unterschiedlich verstümmelt. Bei einer der Toten fehlen die Augen, einer anderen die Ohren, die dritte hat keine Nase mehr. Saubere Skalpellschnitte, behutsam ausgeführt, meint die Gerichtsmedizinerin Elif (Ilknur Boyraz). Dass in Frankfurt ein psychopathischer Serienkiller Gesichtsfragmente als Mordtrophäen sammelt, verstört die Öffentlichkeit und setzt das „Sonderkommando Blond“ unter Druck.

          Der Täter scheint Gott spielen zu wollen oder Frankenstein. Sein Ziel, so sieht es die leitende Ermittlerin, ist ein jungfräuliches Idealgesicht. Eigentlich ist das ein völlig ungeeigneter Fall für die nach einer Messerattacke gerade erst in den Dienst zurückgekehrte Fallanalytikerin Julia Durant (Sandra Borgmann). Zwischen den Rippen trägt sie eine Narbe, bedenklicher ist aber ihr stupendes Einfühlungsvermögen. Sie „liest“ Tatorte nicht nur, sie erlebt die Gefahr als Flashbacks nah am Übersinnlichen.

          Wer einen der „Julia Durant“-Thriller von Andreas Franz gelesen hat, weiß, woher ihre Nähe zum Abgrund kommt. Die Mutter nahm sie mit, als sie sich ertränkte. Zwölf Minuten, erfährt man auch in „Jung, blond, tot – Julia Durant ermittelt“, war die Dreijährige tot und ist als Gezeichnete aufgewachsen. Adoptiert von einem katholischen Priester. Dass der Geistliche ihr Vater ist, kam irgendwann heraus. Schon vor ihrer Verwundung war Julia Durant für ihr Misstrauen und Alleingänge bekannt. Kollege Schulz (Guido Broscheit), Vertreter guter alter Detektivarbeit, der aber gerade erst einen Neunzehnjährigen erschossen und seine Scheidungspapiere unterzeichnet, mithin sein eigenes Paket zu tragen hat, fährt Durant denn auch bei jeder Gelegenheit in die Parade. Während der Rest des Teams, vor allem Dombrowski (Eric Stehfest), Vornamen sind in dieser Soko unüblich, zu ihr hält ohne Wenn und Aber.

          Verhaltensauffällig: Torben Liebrecht spielt einen der Verdächtigen.
          Verhaltensauffällig: Torben Liebrecht spielt einen der Verdächtigen. : Bild: Sat.1

          Die Spur der jugendlichen Opfer führt zu den Society-Partys des Unternehmensberaters Roland Menzel (Rüdiger Klink), bei denen die gelangweilten Töchter der höheren Stadtgesellschaft gestylten Zierat für die Reichen und Mächtigen spielen. Alle ermordeten Mädchen waren dort. Der Kreis der Verdächtigen wird bald enger, als eine vierte junge Frau verschwindet. Aber dieses Mal passt das Muster nicht. Julia Durant führt die Suche in den Frankfurter Stadtwald. In der Nähe des Oberforsthauses findet sie die Leiche. Warum so weit weg von den Hochhaustürmen? Dass ein zweites Mal Ohren fehlen, lässt sie stutzen. Wozu?

          Finanzjongleur und Frauenverächter Menzel schickt seinen kessen Anwalt in den Ring. Daniel Tomlin (Torben Liebrecht) macht sich an der Bar an Durant ran, während sie Gin Tonics trinkt, deren Litschis verdächtige Ähnlichkeit mit Augäpfeln haben. Auch Menzels Sohn ist einer vom Typ Nachwuchsirrer. Das Glückskleeblatt der Unheimlichen komplettiert der vermögende Psychiater Patanec (Julian Weigend), der sich auf die Behandlung junger Neurotikerinnen verlegt hat und mit professionellem Küchenmesserset Ingwer für den Gesundheitstee hauchfein schält, was der Analytikerin zu denken gibt.

          Polizei-Pressekonferenzen auf der Terrasse eines Hochhauses, hinter der die Frankfurter Skyline großstädtisch glitzert, Luxusvillen, wohin man schaut, Psychomacken en masse, viel Ekliges, Traumata, Sex mit Verdächtigen – dieser rare Fall einer Sat-1-Eigenproduktion hält sich mit dem Subtilen nicht auf, folgt in seiner Drastik aber ganz seiner Pageturner-Vorlage.

          Dass Erfolgskriminalromane nicht zwangsläufig als spannende Fernsehspielmuster taugen, zeigen die ZDF-„Taunuskrimi“-Verfilmungen nach Nele Neuhaus, die tausendundein ausgefranstes Buchdetail erzählflusshemmend berücksichtigen. „Jung, blond, tot“ ist da von anderem Thrillerkaliber. Hier hält man sich an die rasanten Hauptlinien. Die verstörendsten der Bilder sind bruchstückhaft blitzartig montiert (Kamera Christian Pirjol, Schnitt Benjamin Hembus und Verena Herzog), die Musik von Thomas Klemm schafft einen ansprechenden Gruselhintergrund. Der Romanvorlage von 1996 hat die Drehbuchbearbeitung von Kai-Uwe Hasenheit, Lancelot von Naso und Produzent Andreas Bareiss gutgetan. Der „Look“ legt auf moderne internationale Thriller-Konkurrenzfähigkeit Wert.

          Ein besonderer Coup jedoch ist die Besetzung der Hauptfigur mit Sandra Borgmann. Sie spielt ihre traumatisierte Kommissarin so emotional frisch wie abgeklärt zynisch, unverbraucht und fern der üblichen „Tatort“-Kommissarinnen-Auffälligkeiten. Die Regisseurin Maria von Heland, sonst mehr durch Komödien aufgefallen, legt Wert auch auf Details. Insgesamt wirkt „Julia Durant“ darum sehr stimmig, nicht nur als Psychoschocker. Wer dem Genre nichts abgewinnen kann, wird daran naturgemäß kaum Gefallen finden. Für alle anderen gibt es gute Nachrichten: Achtzehnmal war Julia Durant bei Andreas Franz und nach dessen Tod 2011 bei Daniel Holbe schon als Ermittlerin unterwegs. Wenn Sat.1 aus ihrem gelungenen Auftritt eine Reihe machen sollte, sehen wir sie bald wieder.

          Jung, blond, tot – Julia Durant ermittelt, heute, Dienstag 4. Dezember, um 20.15 Uhr bei Sat.1.

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