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Thomas Frank zu Obama und Romney : Vorsingen für die Wall Street: Ein Casting

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Von Argumenten bleiben nur Krümel: Ein Service-Mitarbeiter beseitigt die Spuren der zweiten Fernsehdebatte zwischen Präsident Obama und Herausforderer Romney Bild: AFP

Obama und Romney duellierten sich abermals. Der streitbare amerikanische Publizist Thomas Frank, der das kurze Gedächtnis der Medien kennt, kommentiert die Schlacht - und den Krieg dahinter.

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          Wie haben sich die Kandidaten geschlagen?

          Im ganzen Wahlkampf geht es nur um eins: Romney sagt, Obama wisse nicht, wie man eine Volkswirtschaft managt. Und Obama antwortet, Romney sei ein Werkzeug der Reichen. Mehrere Gelegenheiten, Romney dieses Etikett ein für alle Mal anzukleben, ließ er aus.

          War dieses Treffen im Format der sogenannten „Bürgerversammlung“ eine demokratische Lehrstunde?

          Für einen großen Teil der Themen, die hinterher im Fernsehen kommentiert werden, interessiert sich niemand. Die beiden gingen fast aufeinander los, als sie sich über die Statistik der Ölbohrungen stritten - aber wen kümmert’s? Immer wenn sie sich im Unterholz der konkreten politischen Maßnahmen verlaufen, hört niemand hin.

          Was ist dann an einer solchen Debatte interessant?

          Obama sah immer gut aus, wenn er herausarbeiten konnte, wie Romney seine Persönlichkeit ausgewechselt hat, seit er Gouverneur von Massachusetts war. Er war als Gouverneur sehr moderat. Was für einen Liberalen wie mich wirklich faszinierend ist: Das eine Thema, bei dem Romney behaupten kann, er sei liberaler als Obama, ist die Einschränkung des Schusswaffenbesitzes. Er tat alles, um sich diesem Thema zu entziehen, aber Obama ließ ihn nicht davonkommen.

          Trat hervor, was die Gegner trennt?

          Beide Kandidaten wetteiferten darin, sich als Freunde des Unternehmertums darzustellen. Ich staune darüber, dass Obama es einfach nicht über sich bringt, die Sprache der Gewerkschaften in den Mund zu nehmen. Es gab eine unglaubliche verpasste Gelegenheit, als eine Frau von Romney wissen wollte, wie er sich von George W. Bush unterscheide. Romney zog sich feige aus der Affäre - und in diesem Moment hätte Obama den Ball aus dem Stadion schlagen sollen: Bush hat uns diese beiden Kriege eingebrockt und ließ dann den Zusammenbruch der Wall Street geschehen, mit dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft als Folge. Aber Obama? Macht die Finanzbranche nicht zum Thema. Das kann ich nicht verstehen.

          Streitbar: Thomas Frank

          Wirklich nicht?

          Na ja, ich weiß schon, warum er sich zurückhält. Die Wall Street ist eine Hauptquelle seiner Wahlkampffinanzierung. Romney hat seine gesamte Karriere in dieser Branche absolviert, im meistgehassten Wirtschaftszweig Amerikas. Und Obama lässt Romney mit dem Vorschlag davonkommen, dass Amerika nichts weiter braucht als eine feindliche Übernahme der Regierung durch einen Mann der Wall Street.

          Wie wirkten Auftreten und Körpersprache der Rivalen auf Sie?

          Vor langer Zeit habe ich Obama einmal getroffen, als er noch ein Senator im Staat Illinois war, aber er war damals ein anderer Mensch. Mein Eindruck von ihm: Er verträgt es nicht, kritisiert zu werden. Mehrmals brachte ihn Romney in Verlegenheit, und er wirkte dann aggressiv. Ganz anders Romney: Er war das große Tier, der mächtige Vorstandsvorsitzende, aber er hat diese Art perfektioniert, mit einem Lächeln im Gesicht zuzuschauen. Das genaue Gegenteil von Joe Biden, der dauernd unterbricht und Witze macht. Romney saß einfach da.

          Ein Roboter?

          Romney ist kein Dummkopf. Von Republikanern erwartet man, dass sie mit Obama intellektuell nicht mithalten können, man denke nur an George W. Bush. Aber Romney ist Obama mindestens ebenbürtig. Mehrfach ist Obama in seine Fallen getappt. Wir kennen ihn als wunderbaren Redner, aber es schien ihm zeitweise die Sprache verschlagen zu haben. Bei der Frage nach der Bezahlung von Frauen am Arbeitsplatz musste er das Gespräch auf den republikanischen Krieg gegen die Frauen bringen. Aber er hat den Ball erst im zweiten Versuch getroffen.

          Erwartet das Publikum, dass die Kandidaten erst aus ihrem Leben erzählen oder aus ihrer Standardrede zitieren, bevor sie eine Frage beantworten?

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