https://www.faz.net/-gqz-whcf

Theologe Gregor Maria Hoff im Gespräch : Sie schämen sich der eigenen Unverschämtheit

  • Aktualisiert am

Hoff glaubt, dass im Bauch von Steuersündern ein Gerechtigkeitsdiskurs rumort Bild: Andreas Müller

Steuerhinterzieher sind moralisch zu verurteilen. Doch damit sei es nicht getan, sagt der Theologe Gregor Maria Hoff von der Universität Salzburg. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht er über den Steuerskandal und die Folgen für unsere Gesellschaft.

          5 Min.

          Steuerhinterzieher sind moralisch zu verurteilen. Doch damit sei es nicht getan, sagt der Theologe Gregor Maria Hoff von der Universität Salzburg. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht er über den Steuerskandal und die Folgen für unsere Gesellschaft.

          In Deutschland spielt sich ein Steuerskandal in bisher noch ungeklärtem Ausmaß ab. Es heißt, der Fall Zumwinkel sei nur die Spitze eines Eisbergs. Erschüttert das die Grundfeste unseres gesellschaftlichen Systems?

          Zum Wanken wird die Steuerhinterziehung unser gesellschaftliches System wohl nicht bringen. Was sich dieser Tage jedoch in Deutschland abspielt, hat Züge eines öffentlich inszenierten Offenbarungseides. Sicherlich ist es wichtig, dass das, was sich mit dem Fall Zumwinkel und nun wohl auch mit dem Münchner Datenschutzbeauftragten zeigt, öffentlich moralisch verurteilt wird. Dabei sollten wir aber nicht stehenbleiben. Es zeigt sich bei der Frage nach den Formierungsbedingungen anhand dieser Fälle doch klar und deutlich, wo die Bruchlinien unserer Gesellschaft verlaufen.

          Wo sehen Sie denn die entsprechenden Anzeichen?

          Einzelne - lassen Sie uns exemplarisch bei Herrn Zumwinkel bleiben - bestimmen angesichts der herrschenden Gesetze, wie sie mit diesen umgehen und sie für sich auslegen. Es wird abgewogen, wann eine Beachtung der Gesetze sinnvoll erscheint und wann nicht. Die normative Kraft und auch die ethische Autorität dieser Gesetze geht in diesem Augenblick verloren, das Gewebe unserer gesellschaftlichen Struktur wird brüchig.

          Wie kommt es zu solchen Brüchen?

          Das Hauptproblem zeigt sich in den Motiven systematischer Steuerhinterziehung. Untersucht man diese auf die Rationalisierungsmuster hin, die es jedem Menschen erlauben, beinahe jede seiner Entscheidungen zu begründen - man lese dieser Tage nur Jonathan Littells "Wohlgesinnte" -, dann stößt man auf einen verschwiegenen Gerechtigkeitsdiskurs.

          Verschwiegen ist er, weil sich seine Ansprüche gesellschaftlich nicht offen kommunizieren lassen, denn hier reklamiert jemand das Recht auf immer mehr Geld für seine Lebensleistung - vor allem auf deutlich mehr, als sich die bei weitem meisten Mitglieder der Gesellschaft wirklich vorstellen können. Die Besteuerungshöhe des eigenen Einkommens wird unter diesem Gesichtspunkt als ein überzogener Eingriff des Staates in "erworbene persönliche Rechte" gewertet - in sich schon eine problematische Konstruktion. Die Scham des unverschämten Anspruchs auf die nächste Million, die viele Arbeitnehmer in einem Leben insgesamt kaum erwirtschaften können, bildet den psychologischen Untergrund für die Entscheidung, ins Steuerexil zu wechseln.

          Sie machen also einen Unterschied zwischen den Tricks des kleinen Angestellten bei der Steuererklärung und der Stiftungsgründung eines Unternehmensvorstands in Lichtenstein?

          Ein entscheidender Unterschied besteht in der Quantität der Steuervermeidung der Großen, die bereits qualitative Züge annimmt. Der immense Gewinn an Geld ist auch einer an Lebensoptionen und an realer Macht. Auch muss man meines Erachtens abwägen, ob solch ein Vorgehen mit hohem organisatorischem Aufwand geplant wurde oder ob es sich als Gelegenheit ergibt. Die ethische Haftbarkeit besteht natürlich für jeden, besonders aber für diejenigen, die in der Öffentlichkeit stehen und deren Verhalten auch eine gesellschaftliche Relevanz hat.

          Sie sprechen also von maßgeschneiderten Gerechtigkeitsidealen jedes Einzelnen. Welche Konsequenzen hat das für unser Zusammenleben?

          Diese Rationalisierung begründet einen Bruch unseres normativen Selbstverständnisses. Wir stimmen überein, dass wir bestimmte Gesetze brauchen, aber viele würden eben auch sagen, dass man bei sich selbst eine Ausnahme machen kann. Es werden hier unterschiedliche Gerechtigkeitsmaßstäbe angesetzt. Und man muss wissen: Wer sich selbst als einen Ausnahmefall statuiert, macht dies wiederum auf Kosten anderer. Wenn jeder selbst befindet, welche Regel es zu beachten gilt und welche nicht, ist das ein Ausdruck einer konsequent pluralistischen Gesellschaft mit starken Individualisierungstendenzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.