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Arte-Doku zu Sklaverei : Der Mensch dem Menschen eine Ware

  • -Aktualisiert am

Prüfung der „Ware“: Arte zeichnet die Geschichte des Menschenhandels nach. Bild: © Olivier Patté/CPB Films

Arte zeigt in einer umfassenden, äußerst sehenswerten Dokumentation, was der Sklavenhandel in mehr als tausend Jahren dem afrikanischen Kontinent angetan hat.

          3 Min.

          Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Oft wird das Bewusstsein oder die Kultur genannt. Man kann es aber auch pessimistischer sagen: Kein Tier ist je auf die Idee gekommen, Artgenossen zu rauben, sie zu rechtlosen Objekten zu degradieren und bis zu ihrem Tod auszunutzen. Die Sklaverei ist eine ureigene Erfindung des Menschen, und sie reicht bis zu den Anfängen des Homo Sapiens zurück. In der gesamten Antike war die Sklaverei so gängig, dass selbst Aristoteles davon ausging, manche Menschen seien natürlicherweise zum Sklavendasein bestimmt.

          Da scheint es geradezu revolutionär, wenn ein Jahrtausend später dekretiert wird: „Eure Sklaven sind eure Brüder.“ Wer also – durchaus mit Gottes Segen – über seinen Bruder verfüge, „der soll ihm von dem zu essen geben, was er selbst isst, und ihm Kleidung geben, die er selbst trägt“. Auch seien Sklaven nicht mit Arbeit zu überfordern. Nach der Überlieferung von Imam al-Buchari war es der islamische Prophet Mohammed, der diese Sätze sprach. Und tatsächlich hatte die Sklaverei im Islam lange ein leicht weniger grässliches Antlitz als im Christentum: Sklaven waren rechtlich gesehen Besitz, aber keine Sache. In der Praxis spielte das freilich eine untergeordnete Rolle.

          Kurz ist die „kurze Geschichte der Sklaverei“ der Dokumentaristen Daniel Cattier, Juan Gélas und Fanny Glissant in keiner Hinsicht: Ihr Thema erstreckt sich über Jahrtausende, der Film selbst über vier knapp einstündige Folgen. Wie man es von französischen Dokumentationen kennt, sind die Episoden vollgepackt mit Daten, Namen, Ereignissen und Einschätzungen von Experten aus aller Welt: ein positivistischer Zugang, der keine überraschenden Großthesen verkündet, sondern geballtes Wissen vermittelt. Dass man den Zuschauern viel zumutet, ist kein Problem, denn das Material ist vorbildlich aufbereitet und strukturiert. Die Animationen von Olivier Patté verleihen dem Gesagten zudem eine emotionale Wucht.

          Konvoi von Sklaven, die von den französischen Kolonialbehörden im Senegal verhaftet wurden.
          Konvoi von Sklaven, die von den französischen Kolonialbehörden im Senegal verhaftet wurden. : Bild: © www.bridgemanart.com

          Und doch ist die (allein im deutschen Titel angesprochene) Kürze nicht ganz falsch. Die Sklaven der Antike, in der Regel als Kriegsbeute importiert und mehrheitlich hellhäutig, bleiben außen vor, denn der Fokus des Films liegt auf der Herausbildung eines globalen Systems des Menschenhandels, das ab dem siebten Jahrhundert enorme 1200 Jahre Bestand hatte. Von diesem Zeitpunkt an stammten die Sklaven – insgesamt rund zwanzig Millionen – fast ausschließlich aus Afrika. Schwerer zu vermitteln ist der Endpunkt der Dokumentation mit der Abschaffung der Sklaverei in Brasilien im Jahre 1888, denn organisierten Menschenhandel gibt es bis heute, nicht nur im Machtbereich von Islamisten oder in reichen Ölstaaten, sondern selbst im vermeintlich so aufgeklärten Europa.

          Der Film setzt ein mit den ersten systematischen Deportationen aus Nordafrika im Namen des Arabischen Reiches, zunächst in den Mittleren Osten, später nach Kairo. Dass der Sklavennachschub bald aus der Subsahara stammte, lag auch daran, dass viele Verschleppte zum Islam konvertierten und freigelassen werden mussten. Die Berber aus Nordafrika halfen den Arabern bei der Einrichtung neuer Sklavenhandelsrouten über die Wüste hinweg mit Timbuktu als wichtigem Umschlagplatz.

          Es waren jedoch die Europäer, die vom späten Mittelalter an den Menschenhandel perfektionierten, indem sie Handelsbastionen in Westafrika errichteten. Der Film zeichnet nach, wie die Portugiesen – zunächst in Kollaboration mit dem Königreich Kongo – zu einer neuen Wirtschaftsweise übergingen, indem sie auf São Tomé, dann in der Karibik und in Brasilien Zuckerplantagen errichteten, die sie von Zigtausenden Schwarzen bewirtschaften ließen. Die übrigen europäischen Großmächte zogen nach, erwirtschafteten trotz teurer Seekriege gigantische Reichtümer auf dem Rücken von Sklaven. Altehrwürdige Institutionen wie die Bank of England oder die Versicherungsgesellschaft Lloyds waren zentrale Akteure dieses Menschheitsverbrechens aus Profitgier.

          Der Film kann nachvollziehbar verdeutlichen, dass nicht rassistische Denkweisen der Entwicklung der Sklaverei zugrunde lagen, sondern umgekehrt deren Folge sind. Die Sklaverei war im Kern immer ein Wirtschaftsprojekt. Die Verachtung der Schwarzen aber nahm dabei stetig zu. An vielen Beispielen wird gezeigt, wie die Gewalt der Sklavenhalter sich zu regelrechtem Terror auswuchs, um die wie Vieh behandelten Rechtlosen von Aufständen abzuhalten. Dass die Abolitionisten und ihre Erfolge hier nur en passent in den Blick kommen, hat einen guten Grund, denn nach der Aufklärung erlebte der Sklavenhandel – jetzt vor allem in Richtung der beiden Amerikas – sogar eine weitere Blütephase, bevor er nach und nach zumindest seine offizielle Duldung verlor. Afrika aber, der geschändete Kontinent, blutet bis heute.

          Arte zeigt alle vier Teile von „Menschenhandel – Eine kurze Geschichte der Sklaverei“ am heutigen Dienstag von 20.15 Uhr an.

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