https://www.faz.net/-gqz-1027t

Thema Kaukasus bei Maybrit Illner : Mit dem Rückzug ist es vorbei

Die Moderatorin und der kalte Krieger aus Moskau: Maybrit Illner und Igor Maximytschew Bild: Svea Pietschmann

Die Talkshow von Maybrit Illner im ZDF am Donnerstagabend war eine Sensation. Denn sie bot politisches Fernsehen in Reinkultur. Ein Zyniker würde sagen, dass es erst irgendwo Krieg geben muss, bevor so etwas passiert. Und zwar einen, von dem sich auch die Deutschen betroffen fühlen.

          4 Min.

          Das erlebt man nicht alle Tage, oder besser: Man hat es seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt. Dass es in einer Talkshow um etwas geht. Dass die Spiegelfechterei und Phrasendrescherei aufhört. Dass aufscheint, was ist - gerne auch unfreiwillig - und nicht, was Politiker und andere uns weismachen wollen. Dass es ernst wird. Dass es längst ernst ist, das demonstrierte einer in dieser Runde mit einem gezielten theatralischen Effekt zum Ende der Sendung hin. Der entscheidende Satz lautete: „Mit dem Rückzug ist es vorbei.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Maybrit Illner ging es also um Georgien und Russland und um den bedrohten Frieden im Kaukasus und in Europa. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili war zugeschaltet, ein kalter Krieger aus Moskau war da, der ehemalige Diplomat Igor Maximytschew, der auf friedlichen Ausgleich setzende ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe, die kämpferische Grüne Marie-Luise Beck, der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold und schließlich der Journalist Peter Scholl-Latour, der immer noch im Kalten Krieg lebt und es liebt, in zwei drei Sätzen, die flugs vom Thema wegführen, die ganze Welt und die ersten und die letzten Fragen der Menschheit zu beantworten.

          Gefährlicher als im Kalten Krieg

          Auf ihn hätte man an diesem Abend gut und gerne verzichten können, hätte er nicht den einen sinnvollen Satz gesagt, dass die jetzige Situation vielleicht noch gefährlicher sei als jene im Kalten Krieg. Denn damals, so ergänzte Volker Rühe, hätten sich zwar die Panzer am Checkpoint Charlie gegenüber gestanden, doch habe es wenigstens noch Regeln gegeben. Was das für Regeln waren, das spielte auf die Schnelle keine Rolle, würde man nur einen Moment über die wahnsinnige Konsequenz der gegenseitigen atomaren Bedrohung nachdenken, mit der vor allem die sowjetische Militärführung seinerzeit kühl kalkulierte, verginge einem am Ende ja doch nur Hören und Sehen.

          Peter Scholl-Latour beantwortet die ersten und die letzten Fragen der Menschheit in zwei, drei Sätzen
          Peter Scholl-Latour beantwortet die ersten und die letzten Fragen der Menschheit in zwei, drei Sätzen : Bild: Svea Pietschmann

          Zu hören und zu sehen aber war bei Maybrit Illner zunächst der georgische Präsident Saakaschwili, der sich selbstverständlich gut vorbereitet hatte, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Er tat das ebenso eloquent wie durchaus überzeugend, insofern Maybrit Illner ihn ins Spiel kommen ließ. Zu Beginn meinte sie tatsächlich, sie könne ihn im kurzen Frage-Antwort-Wechsel vernehmen. Doch sollte man wohl damit rechnen, dass, wenn man den Präsidenten eines frisch von einem anderen Staat halb besetzten Landes in der Leitung hat, der dem Westen zeigen will, was bei ihm los ist und nicht so schnell aufhört, etwas zu sagen. Also zeigte Saakaschwili, wo genau Georgier aus Süd-Ossetien vertrieben wurde und wo es die größten Zerstörungen gab, angerichtet von ossetischen Milizen und der russischen Armee.

          Die Fragen der Moderatorin machten derweil - genau wie die kurzen Einspielfilme der Redaktion - einen ratlosen Eindruck. Tenor: Man könne ja eigentlich gar nicht wissen, was in den letzten Tagen in Georgien vorging. Der eine sagt dies, der andere sagt das, so dass man am Ende vielleicht doch ein bisschen Verständnis für die Russen haben könnte, die sich ja auch selbst als Opfer darstellen. Auf diesem Trip waren leider dann auch die Frager, welche die Redaktion von Maybrit Illner zum anschließenden Internet-Chat mit Igor Maximytschew durchstellte. Nur ja nicht die Frage stellen, warum die russischen „Friedenstruppen“ sich mitten in Georgien eingegraben und den Hafen von Poti zerstört haben. Oder wer für die hunderttausend Flüchtlinge verantwortlich ist und die Infrastruktur in weiten Teilen Georgiens zerstört hat. Das könnte ja unangenehm werden.

          Weitere Themen

          „Mank“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Mank“

          „Mank“ läuft ab dem 4. November bei Netflix.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.