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„The Trial of the Chicago 7“ : Und die ganze Welt schaut zu

  • -Aktualisiert am

Krawall mit Köpfchen: Sacha Baron Cohen als Abbie Hoffman Bild: Netflix

Ein Prozess als Exempel: Das Gerichtsdrama „The Trial of the Chicago 7“ erzählt von einem amerikanischen Skandalverfahren im Jahr 1969 – zielt aber ins Herz der Gegenwart.

          4 Min.

          Zweieinhalb Wochen bis zur Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten. Unter normalen Umständen hätten wir gesagt: Das reicht aus, um sich mit Hilfe einiger Staffeln „West Wing“ auf die Eigenarten der amerikanischen Politik vorzubereiten. Doch die Vereinigten Staaten unter Donald Trump sind nur noch bedingt mit denen der Jahre 1999 bis 2006 zu vergleichen, in denen „West Wing“-Präsident Josiah Bartlet (Martin Sheen) ein Gegenentwurf zum damals echten republikanischen Präsidenten George Bush junior wurde. Und selbst die Jahre 2012 bis 2014, in denen eine andere große Polit-Serie, „The Newsroom“, lief, die so viel über Amerika zu verraten schien, sind Vergangenheit.

          Wohin noch schauen? Die Antwort lautet: Abermals zu Aaron Sorkin, dem Erfinder von „The West Wing“ und „The Newsroom“. Nur bebildert er diesmal Geschichte. In seinem Film „The Trial of the Chicago 7“ erzählt der Meister der Dialog-Verdichtung anhand wahrer Begebenheiten von einem zerrissenen Land, in dem sich Links und Rechts zähnefletschend gegenüberstehen, Rassismus zum Alltag gehört und Gewalt immer schon in der Luft liegt. Aktivisten unterschiedlichster Prägung, die während des Nominierungsparteitags der Demokraten 1968 gegen den Vietnam-Krieg protestierten und mit der Polizei aneinandergerieten, werden im Herbst 1969 unter skandalösen Umständen vor Gericht gezerrt.

          Der Justizminister der demokratischen Regierung Lyndon B. Johnson, „Attorney General“ Ramsey Clark (hier: Michael Keaton), hatte einen Prozess abgelehnt. Sein Nachfolger John N. Mitchell hingegen (John Doman), nach den Präsidentschaftswahlen im Herbst 1968 „Attorney General“ der Regierung Nixon, drang umso verbissener auf das Verfahren; um ein Exempel zu statuieren und dem Vorgänger eins auszuwischen.

          Durchaus zur Gewalt bereit

          Die ersten Szenen, eine rasend schnelle Vorstellungsrunde, die an verschiedenen Orten vor dem Parteitag spielt, überfordern den Zuschauer erst einmal: So viele unterschiedliche Gesichter, so viele eingeblendete Namen und Titel. Man kommt trotz elektrisierender Nachrichtenbilder, die an die Atmosphäre der von Vietnam-Krieg, Antikriegsprotest und Anschlägen auf Bürgerrechtler geprägten Zeit erinnern, nur schwer hinein.

          Vorgestellt werden die intellektuellen Studenten Tom Hayden (Eddie Redmayne) und Rennie Davis (Alex Sharp), beide aktiv für die „Students for a Democratic Society“. Sie laden nach einem Vortrag, der effektvoll mit Bildern von Napalm-Bomben schließt, zu einer friedlichen Großkundgebung auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Chicago ein. Dann zwei exzentrische „Yippies“ – Mitglieder der „Youth International Party“ – namens Jerry Rubin (Jeremy Strong) und Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen); sie sprechen von Polizeigewalt, für die man bei aller Friedfertigkeit gerüstet sein müsse – und lehren das Bauen von Molotowcocktails. Ein braver älterer Herr namens David Dellinger (John Carroll Lynch) wiederum, Organisator vieler Anti-Vietnam-Kundgebungen, verabschiedet sich am Heck seines Kombis von Frau und Kind.

          Und auch Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II) bricht für einige Stunden nach Chicago auf, in das aus Furcht vor Krawallen große Mengen von Nationalgardisten und Polizisten in die Stadt des Parteitags beordert werden. Seale ist der Vorsitzende der „Black Panther Party“ und angesichts der vielen ermordeten Bannerträger des friedlichen Wandels wie Martin Luther King durchaus zu Gewalt bereit: „Die haben’s friedlich versucht, wir versuchen’s auf andere Weise.“ Leichter zu folgen ist der Inszenierung erst nach einem Zeitsprung in die Ära Nixon. Nun beginnt ein recht konventionelles Gerichtsdrama: Der blutjunge Staatsanwalt Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt) erhält zu seinem Schrecken den Auftrag, einige der bekanntesten Aktivisten Amerikas der Verschwörung zum Aufruhr zu bezichtigen. Filmisch gerät dieser Auftrag zu einer multiperspektivischen Rekonstruktion der Ereignisse, die den Zuschauer über Zeugenbefragungen, Plädoyers, Gerichtsscharmützel und Rückblenden bis zum Urteil zu führen verspricht. Sorkin, der 1992 durch das Militärgerichtsdrama „Eine Frage der Ehre“ bekannt wurde, läuft endlich zu Hochform auf.

          Sieben oder acht Angeklagte?

          Aber kann er auch rechnen? Zu den Angeklagten zählen neben den Männern aus dem Vorspiel – Hayden, Davis, Rubin, Hoffman, Dellinger und Seale – zwei profillose Blässlinge namens John Froines und Lee Weiner, die sich ihre Vorladung kaum erklären können. Müsste es demnach nicht „Chicago 8“ heißen? Richtig, hieß es damals auch erst. Der schwarze Bürgerrechtler Bobby Seale legte jedoch von Prozessbeginn an Wert darauf, nicht zu den anderen Angeklagten zu zählen und überhaupt nur eine Rede gehalten zu haben – so großen Wert, dass er sich ob der krankheitsbedingten Abwesenheit seines Anwalts auch nicht vom Staranwalt der sieben, William Kunstler (Mark Rylance), vertreten sehen wollte. Lautstark wies er auf sein Recht auf einen eigenen Anwalt hin.

          Der Prozess entwickelt sich zu einem turbulenten, sich über etliche Monate erstreckenden Verfahren: die „Yippies“ (Sacha Baron Cohen mimt den Marcuse-Schüler Abbie Hoffman überraschend facettenreich) nutzen jede Möglichkeit, das Verfahren mit albernen Bemerkungen zu diskreditieren. Bobby Seal wird nach wiederholten Zwischenrufen in Ketten gelegt und geknebelt. Dem greisen Richter Julius Hoffman (Frank Langella) sieht man die Verachtung gegenüber den Angeklagten, die er als Gemeinschaft sieht, die sie nicht sind, und insbesondere seine Abscheu gegenüber dem Schwarzen auf der Anklagebank in jeder Gesichtsregung an.

          Je länger die Verhandlung dauert, umso stärker wird „The Trial of the Chicago 7“ zu einem Mosaik der amerikanischen Gesellschaft. Es ist nicht zwangsläufig das Amerika des Jahres 2020, das hier im Spiegel der historischen Ereignisse zu erkennen ist: Steven Spielberg wollte das Drehbuch von Sorkin bereits 2007 verfilmen, in der vom Krieg gegen den Terror aufgewühlten Ära Bush junior.

          In das Jahr 2020 mit seinen Massenprotesten gegen Polizeigewalt und Rassismus, Unruhen in den Städten und Diskussionen über politisch voreingenommene Richter aber passt der Film, nunmehr inszeniert von Sorkin selbst. „The Trial of the Chicago 7“ politisiert und mobilisiert seine Zuschauer, kurz vor der Wahl. Beim Sender HBO Max stand indes für Donnerstagabend ein „West Wing“-Special zur Wahl im Programm, das der Initiative „When we all Vote“ zugutekommen soll.

          The Trial of the Chicago 7 ist ab heute bei Netflix abrufbar.

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