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„The Spyfiles“ : Ein Schlag gegen die Überwachungstechnik

  • -Aktualisiert am

Zeig’ mir dein wahres Gesicht: Ein Unterstützer von Wikileaks demonstriert vor dem High Court in London Bild: Reuters

Ob Julian Assange an Schweden ausgeliefert wird, entscheidet nun der englische Supreme Court. Zusammen mit einem Rechercheteam geht der Wikileaks-Gründer derweil gegen Softwarefirmen vor.

          Ein Jahr nachdem Wikileaks mit Cablegate, der Veröffentlichung von amerikanischer Botschaftspost, startete, haben die Internet-Aktivisten ein neues Projekt vorgestellt. „The Spyfiles“ sind eine Sammlung von Materialien über Softwarefirmen, die Überwachungstechnik programmieren. Welche Idee steckt hinter dem Projekt?

          Der arabische Frühling hat nicht nur das zarte Pflänzchen der Demokratie zum Blühen gebracht. Auch das Unkraut trieb aus oder wurde öffentlich sichtbar. Der erste spektakuläre Fall ereignete sich in Ägypten. Bei der Erstürmung von Gebäuden des Inlandsgeheimdienstes fanden sich Handbücher und Schulungsunterlagen zu einem Überwachungsprogramm namens „Finfisher“, geliefert von einer Firma Gamma Ltd. aus Großbritannien, die zur deutschen Gamma Group gehört.

          Vertreter der Opposition fanden beim Durchsuchen der Dokumente heraus, dass mit Finfisher ihre Rechner ausspioniert und Telefonate mit der Software Skype mitgehört wurden. Mehr noch, sie fanden ein Dokument, in dem ägyptische Geheimdienstler Finfisher und die Technologie der „deutschen Firma“ lobte. Recherchen ergaben, dass Gamma seine Software in Deutschland entwickelt. Gegenüber einem Kamerateam des MDR-Magazins „Fakt“ gab ein Firmensprecher auf einer Fachmesse für Überwachungstechnik freimütig zu: „Finfisher ist zu hundert Prozent deutsch, also in Deutschland entwickelt. Wird aber, das kann ich Ihnen gleich sagen, aus England geliefert. Das ist aber nur so, weil unser Büro nicht den Lagerraum hat.“

          Auch in Libyen wurde man fündig. Reporter des „Wall Street Journal“ begleiteten Rebellen bei der Begehung eines erstürmten Bürogebäudes des Geheimdienstes von Gaddafi. Sie fanden umfangreiche Dokumentationen zur Software Eagle Glint, entwickelt und geliefert von der französischen Firma Amesys, einer Tochter des Computerkonzerns Bull. Aus den Unterlagen wurde ersichtlich, dass die Überwachung des gesamten libyschen Internet-Datenverkehrs mit Hilfe von Schlüsselwörtern seit 2009 mit Wissen französischer Behörden erfolgte.

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          Zudem fand man eine Software namens Zebra, entwickelt von der südafrikanischen Firma VAStech. Zebra wird als Ausleitungssystem in Telefonanlagen installiert und kann gleichzeitig hunderttausend Gespräche in Echtzeit mitschneiden, wenn Sender oder Empfänger in einem internen „Telefonbuch“ verzeichnet sind, das bis zu 400 Millionen Einträge erfassen kann. Als 2010 ein Linienflug der Afriqiyah Airways auf dem Weg von Johannesburg nach Tripolis abstürzte, starben VAStech-Gründer Frans Dreyer und etliche Techniker, die auf einem Empfang Gaddafis geehrt werden sollten.

          Ein weiterer Fall ist Syrien. Internet-Aktivisten der Gruppe Telecomix fanden heraus, dass im ganzen Land Systeme der amerikanischen Firma Blue Coat Systems installiert sind, die den Telefon- wie den Datenverkehr ausleiten können. Die Techniker von Telecomix, die zuvor ägyptischen Demonstranten bei der Einrichtung unzensierter Internet-Zugänge halfen, schafften es, rund 54 Gigabyte Daten zu kopieren, die syrische Geheimdienste ihrerseits von den Gesprächen ihrer Landsleute aufgezeichnet hatten. In diesem Datenhaufen konnten die Aktivisten mit „Israel“ und „Proxy“ zwei Schlüsselworte identifizieren, deren Erwähnung im E-Mail-Verkehr oder während einer Suchmaschinen-Abfrage den Mitschnitt auslösten. Als Blue Coat Systems mit der Beschuldigung konfrontiert wurde, ein mörderisches Regime mit Überwachungstechnik auszustatten, wies man alle Vorwürfe empört zurück.

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