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„The Missing“ im ZDF : Alles ist verloren

  • -Aktualisiert am

Auf einer Pressekonferenz bitten Emily (Frances O’Connor) und Tony Hughes (James Nesbitt) die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach ihrem fünfjährigen Sohn Oliver. Bild: ZDF und Liam Daniel

Für die meisten Eltern ist es die größte anzunehmende Tragödie ihres Lebens: Die Serie „The Missing - Wo ist Oliver?“ zeigt am Sonntag das Verschwinden eines Kindes.

          Châlons-du-Bois im Juli 2006, während der Fußballweltmeisterschaft: Menschen starren auf Kneipen- und Freiluftbildschirme. Niemand nimmt Notiz von der fremden, um Hilfe schreienden Familie. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Zwischenstopp auf dem Weg ans Meer sein. Als Tony (James Nesbitt) und Emily Hughes (Frances O’Connor) ihr Auto in der örtlichen Werkstatt parken, empfiehlt man das Hotel Eden. Sylvie Deloix (Astrid Whettnall) gibt ihnen das letzte freie Zimmer, Nummer 7. Der Sohn Oliver (Oliver Hunt) will gern noch schwimmen gehen.

          Acht Jahre und ungezählte Aufenthalte später ist im Zimmer 7 immer noch der Fernseher kaputt, aber sonst nichts, wie es war. Tony ist wieder einmal in die nordfranzösische Kleinstadt zurückgekehrt; ein Besessener, der unermüdlich herauszufinden versucht, was mit seinem fünfjährigen Sohn damals geschah, als er an jenem Abend im Schwimmbad verschwand. Die Ermittlungen sind seit Jahren ergebnislos eingestellt. Für Châlons-du-Bois war der Schrecken eine Nummer zu groß. Die Ehe von Tony und Emily ist acht Jahre später zerbrochen. Emily ist kurz davor, den alleinerziehenden damaligen Verbindungsbeamten Mark Walsh (Jason Flemyng) zu heiraten, dessen Sohn so alt ist, wie Oliver jetzt wäre. Oder ist. Wurde er entführt und lebt er?

          Der Fall eines Kindes, das wie vom Erdboden verschluckt scheint

          „The Missing – wo ist Oliver?“ spielt auf zwei ineinander verschlungenen Zeitebenen und nimmt in einigen Folgen der achtteiligen britisch-belgischen Koproduktion noch eine weitere hinzu. Drei Jahre nach Olivers Verschwinden im Schwimmbad, bevor das Kind wie vom Erdboden verschluckt scheint, wird in der Nähe ein zweites Kind vermisst. Entsetzlich für dessen Eltern, eine entlastende Nachricht für die Hughes. Sie wurden selbst verdächtigt und verfolgt; nun scheint alles dafür zu sprechen, dass ein Serientäter am Werk ist. Einem einschlägig bekannten Pädophilen, Vincent Bourg (Titus De Voogdt), gab ein weiterer Verdächtiger ein Alibi – eine tote Spur.

          Die zum Teil weit in Nebenstränge ausgreifende Handlung erinnert an den Fall der kleinen Madeleine, die 2007 aus einer portugiesischen Ferienanlage verschwand. In einer Pressekonferenz, die an die Auftritte der Eltern Gerald und Kate McKann erinnert, appelliert Emily Hughes an die Menschlichkeit der Entführer. Auch der Fall Marc Dutroux scheint durch. Gedreht wurde fast ausschließlich in Belgien. Es werden aber in der Serie nicht nur die Verbrechen thematisiert, sondern auch das Drama der pädophilen Veranlagung. Der anfangs verdächtigte Vincent lässt sich hochdosierte Präparate spritzen, um seine Neigung zu unterdrücken. Seine Leidensgeschichte gehört zum Packendsten, was diese im Übrigen hier und da in die Länge gezogenen Folgen zeigen.

          Die BBC annoncierte die Serie „The Missing“, die das ZDF nun in vier knapp zweistündigen Folgen zeigt, 2014 als „Relationship Thriller“. Das trifft den Punkt. Die Autoren Harry und Jack Williams nehmen sich Zeit, die Ehe der Hughes nach dem Verschwinden ihres Kindes zum Zerbrechen zu bringen. Die Mutter und der Vater gehen verschieden mit dem Verlust und den Schuldgefühlen um, ihre Bewältigungsstrategien treiben sie auseinander. Ole Bratt Birkelands Bildgestaltung betont die visuellen Spannungseffekte und färbt die Bilder mit einer Nuance Mystery. Regisseur Tom Shankland setzt dem oberflächlichen Schrecken die bis in kleine Details beobachtete Trauma-Psychologie der Weiterlebenden entgegen. In Großbritannien gab es eine zweite Staffel von „The Missing“. Sie behandelt einen ganz neuen Fall. Olivers Geschichte wird hier mit einem Funken Zweifel abgeschlossen. Empfindliche mögen die Hände vor die Augen halten und nicht durch die Finger gucken.

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