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„The Happy Film“ bei 3sat : Ein Glücksritter kämpft gegen Windmühlen

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Ihm ergeht es wie einst dem Signor Rossi: Stefan Sagmeister sucht das Glück. Bild: ZDF und ORF/Neuzeitmedia/Roco Fi

Wer will ein visuelles Antidepressivum haben? Stefan Sagmeisters „The Happy Film“ ist ein sehr wirksames. Das kann Zuschauer wirklich glücklich machen.

          Schon die erste Einblendung ist kokett: „Dieser Film wird Sie nicht glücklich machen.“ Zumindest fröhlich macht er dann aber doch. Nicht einmal Miesepeter werden sich seinen bunt verspielten Ideen zu hinreißender Musik (meist von der kanadischen Band Siskiyou) entziehen können. Ein ikonisches Bild voller Kindertraum-magie folgt auf dem Fuße: An sechstausend gelben Ballons hebt der aus Österreich stammende, in New York etwa mit Plattencovern für die Rolling Stones berühmt gewordene Design-Künstler und jetzt auch Filmemacher Stefan Sagmeister vor blauem Himmel ab. Etwas geschummelt ist das, was gleich aufgelöst wird: Es sei denn doch nur seine leichte Freundin, die da schwebe, sagt Sagmeister (fast ein sprechender Name, wenn man die beschwörende Stimme in ihrer erdklumpenhaften Bregenzer Diktion hört). Man sieht ihn danach über den Boden hampeln: trotz aller Berechnungen zu schwer für die Ballons. Eigentlich sei das als Symbol doch ganz passend für seine gescheiterte Glückssuche, heißt es aus dem Off. Auch das freilich: kokett.

          Ein ganzes Wohlfühlimperium hat Sagmeister über die Jahre errichtet. Zunächst war da die Idee eines Designprojekts über Glück, es folgten Hunderte von Vorträgen, die Wanderausstellung „Happy Show“ und jetzt also „The Happy Film“, dessen Produktion sechs Jahre gedauert hat. Mit der florierenden Glücksforschung, die einen klinischen und einen verlaberten Zweig besitzt (Letzterer brachte all die Psycho-Glücksfibeln hervor), hat dieses Projekt allenfalls indirekt zu tun, mehr schon mit Carsten Höllers anfassender Glückskunst und am meisten vielleicht mit Signor Rossi, dem tagein, tagaus stinkende Fische eindosenden Arbeiter aus der berühmten Zeichentrickserie, der sich dank Feengunst durch die Zeiten auf Glückssuche begibt, ohne fündig zu werden – bis die Zuschauer bemerken, dass der Weg das Ziel war. Das Glück wohnt in der Phantasie.

          Sagmeisters Stinkefisch ist seine fast schon Woody-Allen-hafte Beziehungsneurose, die zwar wie ein New-York-Klischee wirkt, aber nicht unglaubhaft. So ist es mit dem gesamten Film, den man ebenso Konzept-Dokumentation wie Selbstversuch nennen kann: Man weiß nie, was authentisch ist. Wurde ein echter Beziehungsstreit mitgefilmt? Aber das verliert an Bedeutung, wenn jemand seine Introvertiertheit dermaßen extrovertiert ausstellt (oder auch umgekehrt). Obwohl eigentlich ein Hans im Glück, der ein erfülltes Leben führt – Selbstverwirklichung, Erfolg, Geld, Beliebtheit –, stellt Sagmeister irgendwann fest, entweder gestresst oder gelangweilt zu sein. Darüber nachdenkend, was ihm fehlt, kommen dem frisch Getrennten eine Beziehung und Kinder in den Sinn. Aber er will die Sache grundsätzlich angehen, das Glück umzingeln und mit Kleister sichtbar machen wie einen Pumuckl. Er weiß natürlich längst, dass nur er selbst sich im Weg steht.

          Ob ihn das glücklicher macht? Stefan Sagmeister beim EEG-Test.

          Daran knüpft die am ehesten als milde Parodie auf die Glücksforschung zu lesende Geschichte des Films an. Sagmeister bezieht sich auf die „Glückshypothese“ des Psychologen Jonathan Haidt: einer von der Laberfront, aber doch auch Professor. Sagmeister probiert Haidts drei Methoden, die das eigene Denken verändern sollen, je drei Monate lang aus: Meditation, Verhaltenstherapie und Drogen. Der Witz ist, dass die Techniken alle zu scheitern scheinen – im buddhistischen Kloster hat Sagmeister sofort heftige Rückenschmerzen; der Therapeutin legt er die Antworten gleichsam in den Mund; der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Lexapro macht ihn müde und überdreht –, zugleich aber besser funktionieren als erwartet, weil Sagmeister jedes Mal das Leben dazwischenkommt: die Kunst, der Tod (des schwerkranken Mitregisseurs Hillman Curtis), vor allem aber die Liebe.

          Freilich zerbrechen alle Beziehungen, von denen nur die dritte im Film gezeigt wird, kaum dass der Protagonist sich seinen Neurosen hingibt. Wirklich erhellend ist das alles nicht, und für Ironie wäre es zu flach. Zum Mitnehmen abgepackt wurde zudem die finale Einsicht, dass allein Optimismus zählt: „Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten. Eines Tages wird das funktionieren.“

          Was ist der Glücksaspekt des Films? Die Phantasie natürlich, und die sprüht uns geradezu entgegen. Eingeschaltet in die „Story“ sind nämlich viele aufdringliche Maximen in Ratgebermanier („Make the first step“; „If I don’t ask, I won‘t get“; „Now is better“), die aber so einfallsreich und bunt bebildert werden, dass es eine wahre Freude ist. Da wabbeln zu traumhafter Musik Wackelpuddingbuchstaben durch die Luft, da werfen Würste kluge Schatten, platzen Wasserballontexte in Zeitlupe, wachsen Äste zu Buchstaben, legen Affen (rückwärts abgespielt) Bananensätze, werden Botschaften in Tempeln vorgetanzt, lecken Katzen Worte von einer Glasscheibe.

          Dass man all das in seiner schicken Webefilmästhetik auch als großes Schaufenster für die Agentur Sagmeister & Walsh sehen kann, stört nicht weiter. Es ist nur richtig, dass diese tapsige, sich selbst aufhebende Suche wieder da ankommt, wo sie losging: auf der Spielwiese des kindlich übermütigen, künstlerisch vollendeten Graphikdesigns. Schon Herr Rossi war am Ende jeder Episode glücklich, wieder heimzukommen und einen guten Fisch zu lutschen.

          The Happy Film, heute, Samstag 21. Juli, um 21.45 Uhr auf 3sat.

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