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Superheldenserie bei Disney : Es fliegt ein Falke nach Nirgendwo

Tief durchatmen, schließlich geht es um das Vermächtnis von Captain America: Anthony Mackie (links) als Falcon, Sebastian Stan als Winter Soldier. Bild: Disney+

Von der Serie „The Falcon and the Winter Soldier“ gab es vorab nur eine einzige Folge zu sehen. Wie gehen wir damit um?

          4 Min.

          Kritik ist nicht mehr erwünscht. Wenn große Unterhaltungskonzerne Inhalte wie Filme, Serien oder Videospiele lancieren wollen, dann bedienen sie sich einer Technik, die das Varietétheater schon seit Jahrzehnten beherrscht: Zeige immer nur einen Teil, locke mit Fragmenten, dann ist die Aufmerksamkeit des Publikums gewiss. Auf diesem Weg finden Streamingportale wie jene von Disney oder HBO zurück zu ganz linearen Ausstrahlungsmethoden, bei denen jede Woche zu einem bestimmten Zeitpunkt eine neue Folge einer aktuellen Serie freigegeben wird. Die Schaulust des Publikums wird durch einen Mangel angeheizt, der dem Alleinstellungsmerkmal der Streamingportale plötzlich entgegensteht: alles zu jeder Zeit in vollem Umfang zur Verfügung zu haben und, wenn man es will, eine Serie in zehn Stunden durchzu-„bingen“.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Das wäre alles kein Problem, wenn diejenigen, die darüber schreiben dürfen, sich aber ein Urteil bilden müssen, von diesem beabsichtigten Mangel nicht betroffen wären. Wie? Indem, wie im Fall der neuen Disney-Serie „The Falcon and the Winter Soldier“, auch Journalisten vorab nur eine einzige Folge zu sehen bekommen. Da wird es natürlich schwierig mit einem ausgewogenen Urteil, zumal, wenn die Vorhersehbarkeit wie in den jüngsten Marvel-Produkten erfreulicherweise immer mehr abnimmt.

          Aber ein Urteil als Handreichung oder vorsichtige Einordnung, das auf Beobachtung gründet, läuft den Wünschen der Unterhaltungsindustrie ohnehin zuwider. Sowohl Streaming-Giganten als auch die großen Player der Videospielindustrie spielen mit ihrem Publikum lieber eine Art Erregungsschnitzeljagd, bei der – siehe Varieté – immer nur ein bisschen Haut gezeigt wird. Auf dass die Schnitzeljagdgesellschaft – Blogger, V-Logger und etablierte Nachrichtenportale gleichermaßen – brav über den neusten Fund berichten. Nach dieser Logik muss etwas nur (in Teilen) existieren, schon ist es berichtenswert. Was dabei herauskommt, ist kaum mehr von Bedeutung.

          Jetzt kann sich kaum ein Serienkritiker stets immer alle zehn bis zwanzig Folgen einer Serie ansehen. Man würde sich jedoch wundern, wie viele Folgen sich die Kollegen oft in kürzester Zeit vornehmen, um wenigstens ein annähernd gerechtes Urteil fällen zu können.

          Nur die ersten Minuten von „Spiel mir das Lied vom Tod“?

          Doch nehmen wir beispielsweise an, das Filmstudio Paramount hätte bereits 1968 damit angefangen, zu sagen: Liebe Kritiker seht her, wir zeigen euch nur die ersten acht Minuten von „Spiel mir das Lied vom Tod“ (bei Veröffentlichung ohnehin schon um 25 Minuten gekürzt), und jetzt schreibt mal schön. Worüber hätte man dann geschrieben? Über drei Cowboys, die am Bahnhof auf einen Mann warten, der – es dauert etwas bis zu seiner Ankunft – ein wenig in seine Mundharmonika bläst und komisch guckt. Selbstverständlich erzählt selbst diese kurze Sequenz schon viel über seine Beziehung zum Trio. Aber so genau weiß ja niemand, ob die drei nicht das letzte Mitglied einer Bluegrass-Band abholen, um sich gemeinsam auf einen Roadtrip zum Schützenfest in Santa Fe zu begeben.

          Wie immer hat hier nicht nur das Internet schuld, sondern Menschen, die sich darin danebenbenehmen. So hatten Medienunternehmen wie HBO, Sony und zuletzt auch Videospielentwickler in den vergangenen Jahren vermehrt mit Leuten zu kämpfen, die Spaß daran haben, Server zu kapern, auf denen Skripte und Details zum Ausgang populärer Serien oder Videospiele gespeichert sind, und diese im Internet zu veröffentlichen. Einfach weil man es kann. Ein anderes Problem sind Netzkanäle – Popkulturportale und Youtube-Erhitzer –, deren Berichterstattung aus Trailer-ankündigungen und Story-Spekulationen besteht, die keine Rücksicht auf sogenannte Spoiler nehmen. Das hat nicht nur zu einer gefährlichen Paranoia auf Unternehmensseite geführt, die zur Folge hat, dass Journalisten ständig Embargos und Spoilervereinbarungen unterzeichnen und damit für den Schabernack der Hacker, Spielverderber und Plaudertaschen haften müssen. Es wird eben auch viel mehr unter Verschluss gehalten, weil ja keinem mehr zu trauen ist.

          So kommt es zu jenem Verfahren, bei dem Kritiker sozusagen am Gruß aus der Küche das komplette Menü herausschmecken sollen. Nein, eigentlich sollen sie nur noch auf Grundlage des Küchengrußes ankündigen, dass das reichhaltige Überraschungsmenü mitsamt Tischfeuerwerk demnächst aufgetischt wird. Sie werden zu Herolden und Marktschreiern, die das Publikum herbeirufen sollen. Und je nachdem, wie stark das Publikum zuschlägt, wird dann das nächste Menü dementsprechend nachjustiert.

          Jetzt ließe sich sagen: Gut, dann wartet man halt, bis alles zu sehen ist, und schreibt dann ausgeruht darüber. Aber an dieser Stelle muss man nur die Summanden Internet, Aufmerksamkeitsökonomie und Aktualitätsangst nennen, um zu zeigen, dass diese Rechnung so nicht aufgeht.

          Und soll man es jetzt noch tun? Anhand einer Folge über „The Falcon and the Winter Soldier“ urteilen? Was ließe sich da sagen? Da donnert ein stahlgefiederter Mann mit Raketenantrieb (der großartige Anthony Mackie als Sam Wilson alias Falcon) unter der Regie von Kari Skogland in spektakulär schwindelerregenden Luftaufnahmen durch Canyons und Hubschrauber und zeigt, wie gefährlich es sein kann, im Flugzeug eine Waffe abzufeuern. Es gibt also zu Beginn so viele Explosionen, dass der Teil des Publikums, der vom gelungenen Experiment „WandaVision“ verschreckt wurde, durch die ersten zehn Minuten hier wieder eingefangen und fürs Folgende interessiert wird: Fünf Jahre nachdem die halbe Menschheit durch einen Superschurken namens Thanos und seinen mit Zauberklunkern besetzten Handschuh von der Erde subtrahiert wurde, wenige Monate nachdem diese verschwunden Milliarden Menschen sich plötzlich aus dem Nichts wieder materialisierten und in eine Gesellschaft integriert werden müssen, die gerade gelernt hatte, ohne sie auszukommen, gibt es zunächst keinen Captain America mehr, was alle ganz traurig macht.

          Aber da dieses Land, Amerika, mindestens einen übermenschlichen Helden braucht, gibt es dann doch einen Captain America – über den wir an dieser Stelle leider nicht weiter berichten können. Dafür gibt es ja den auch titelgebenden Winter Soldier, einst Captain-America-Freund „Bucky“ Barnes, danach gehirngewaschener Sowjet-Superagent, nun geläutert, ausgestattet mit listenreicher Wiedergutmachungsabsicht und einer guten Therapeutin. Beide, der Falcon und der Winter Soldier, bewegen sich nun in dieser Welt, in der es mehr Verschwörungstheorien als Ideale gibt, sie liegen auf der Couch, streiten ums Familienerbe und zeigen, was mit Helden passiert, wenn die Welt gerade nicht von Irren bedroht wird. Sie stellt auch gute Fragen: Was passiert mit Menschen, die neunzig Jahre lang kämpfen? „I haven’t danced since 1943.“

          Was wir aber nicht mit Sicherheit wissen, ist, ob sich die beiden Racker nicht vielleicht doch in der nächsten Folge auf einen Roadtrip zum Schützenfest in Santa Fe begeben, um dort an Rippchen-Wettessen teilzunehmen und allerlei verdammungswürdige Unzucht zu treiben, die uns zeigen soll, wie schön der Kapitalismus funktioniert. Und deshalb müssen wir jetzt schweigen.

          Die erste Folge von The Falcon and the Winter Soldier ist von heute an bei Disney+ zu sehen.

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