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Das „Rollschuhmagazin“ : Texte auf Rädern

Ein Magazin als Lockerungsübung: Titelseite des Rollschuhmagazins Bild: Das Rollschuh Magazin

Eine Art Esspapier für die Seele, nicht nur für Nostalgiker: Das „Rollschuhmagazin“ bietet „Informationen, Vielfalt, DIY, Spaß, Geschichte, Kultur, Rollschuhliebe und Vernetzung“. Was will man mehr?

          3 Min.

          Tun Sie sich einen Gefallen, legen Sie Ihren Nachrichtendurchlauferhitzer aus der Hand oder am besten gleich ins Gefrierfach. Sie wissen schon: Ihr Smartphone. Stecken Sie sich 20 Euro in die Hosentasche, und bewegen Sie sich auf einem fahrbaren Untersatz Ihrer Wahl in den Bahnhofzeitschriftenladen Ihres Vertrauens. Dort lassen sich, all der Krisen des auf Zeitungs- und Magazinseiten gedruckten Wortes zum Trotz, noch Entdeckungen machen. Und zwar solche, die – Papier ist geduldiger – nicht immer schon mit der nächsten Versuchung locken und die Teile unseres Gehirns, die für Informationsverarbeitung und -speicherung zuständig sind, zuverlässig in nasses Weißbrot verwandeln.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Vielleicht entdecken Sie eine Ausgabe des Fachmagazins „Kran & Bühne“, das Branchenblatt für alle, die schwere Lasten zu tragen haben. Oder aber „Meine Schuld“, ein Magazin, in dem Frauen offenbar „Einblick in ihr wahres Leben“ gewähren und „von großen Hoffnungen und bitteren Enttäuschungen“ erzählen. Ganz gleich, ob „Liebesglück oder Familiendrama, erotische Erfahrungen oder existenzielle Probleme: hier erfahren die Leser alles!“

          Mit etwas Glück aber fällt Ihnen eine Ausgabe des „Rollschuhmagazins“ in die Hände, ein Heft „für alle, die Rollschuhlaufen“, aber nicht nur: Geboten werden laut Eigeneinschätzung: „Informationen, Vielfalt, DIY (do it yourself), Spaß, Geschichte, Kultur, Rollschuhliebe und Vernetzung“. Was will man mehr? Selbstverständlich ist der „Rollschuh“, dieses vermeintlich harmlose Fortbewegungsmittel, nur ein trojanisches Pferd für eine sympathische Punk-Attitüde, mit der dieses Druckwerk aufgelegt wird – weniger (aber auch) im rebellischen Sinne als vielmehr im Sinne von: Jeder kann und sollte Musik beziehungsweise ein Magazin machen.

          Traumjob: „Skate-Guard“ in der Rollschuhdisko

          Auch die Idee, einen Schuh mit Rollen auszustatten, kommt aus dieser Richtung: Jeder sollte gleiten können. Das dachte sich 1759 schon der belgische Musikinstrumentenbauer Jean-Joseph Merlin, der zwei Laufrollen auf Platten montierte und sie sich unter die Schuhe schnallte, um – so die überlieferte Geschichte – geigespielend auf die Bühne zu gleiten, ohne jedoch an die entsprechende Bremsmechanik zu denken, woraufhin ihn erst eine Wand gestoppt haben soll.

          Passend dazu liest man im „Rollschuhmagazin“ einen Text (Formatbezeichnungen wirken hier irgendwie unangebracht) mit dem Titel „Tanzboden“ über Rollschuhdisko-Nostalgie im weitesten Sinne, in dem ein Rollschuhenthusiast vom Kasseler Königsplatz erzählt. Der war dazu geeignet, „Anlauf von der nächsten höher gelegenen Straßenecke, beim Stoffhaus am Kö“ zu nehmen, „um mit Speed auf den Königsplatz zu fahren und den Sprung über die Sitzbank zu schaffen“ – „Nee, sorry, über die zwei Sitzbänke, drei Sitzbänke“. Manchmal habe es laut gehupt, wenn der Linienbus die Strecke kreuzte, aber: „Passiert ist nie was.“ Dafür gab es Ärger, als man sich ohne „Stopper“ für den Job als „Skate-Guard“ in der Rollschuhdisko vorstellte.

          Sichtbar sein: Die vierte Ausgabe des Rollschuhmagazins beschäftigt sich mit den Tiefen des Raumes.
          Sichtbar sein: Die vierte Ausgabe des Rollschuhmagazins beschäftigt sich mit den Tiefen des Raumes. : Bild: Das Rollschuh Magazin

          Ein Interview mit Angeli Gawlik vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln wiederum geht weit über die Bewegung auf Rollen hinaus. Sie forscht zur „Förderung des Selbstmanagements“, im Speziellen bei Patienten mit Diabetes oder Herzkrankheiten, und wie es diesen Menschen gelingen kann, sich zu motivieren, ihre Gesundheit langfristig positiv zu beeinflussen. Sie setzt auf klare Zielvereinbarungen nach der Methode „SMART“: Demnach sollten Ziele „spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminiert“ sein. Also nicht einfach nur, ich möchte fitter werden, sondern: Ich möchte in zwei Monaten fit genug sein, dem Rottweiler des Nachbarn davonzulaufen oder ihn niederzuringen.

          Ins Rollen kommt all das durch ein unangestrengt locker wirkendes, nur angelegentlich unübersichtliches Layout und einen bunten Strauß an Beiträgen, Schnurren und „Kleinstbauteilen“, die in Duktus und Stil zwar den Anspruch formulieren, zeitgemäß zu sein, ohne diesen Anspruch aber – wie so oft – zum alleinigen Inhalt werden zu lassen.

          In Ausgabe Nummer 3 sollen die Leser motiviert werden, sich in die sogenannte „Plank“-Position zu begeben, also den Boden in einer liegenden Position nur mit Unterarmen und Zehenspitzen zu berühren. Dazu werden 14 Dinge vorgestellt, über die es sich nachzudenken lohnt, während man diese anstrengende Position hält – darunter die Frage: ob man sich von jedem Objekt in seiner Umgebung realistisch vorstellen kann, wie es sich auf der Zunge anfühlt. Im Falle des „Rollschuhmagazins“ ist es eine Art Esspapier für die Seele.

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