https://www.faz.net/-gqz-8olo8

Fernsehen zum Berlin-Attentat : Der Unfall, der ein Anschlag war

Trauer am Tag nach dem Anschlag: Eine junge Frau kniet an einem improvisierten Mahnmal für die Opfer des Anschlags in Berlin. Bild: AFP

Am Abend der Terrorattacke in Berlin halten sich die Fernsehsender zurück. Sie treten in einer Weise leise, dass einem der Kopf dröhnt. Man wolle nicht „spekulieren“, heißt es lange – bis jeder sieht, dass da etwas nicht stimmt.

          5 Min.

          Wer wann auf Sendung geht, ist nicht unbedingt entscheidend und nicht allein der Maßstab, an dem sich etwas über Medienberichterstattung und die Haltung derjenigen ablesen lässt, die dafür verantwortlich sind. Als die ersten Nachrichten zum Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche in Berlin über den Ticker laufen – unter dem Vorbehalt, dass man noch nicht weiß, ob es sich um einen Unfall oder ein Verbrechen handelt –, schalten Online-Medien am schnellsten und mit ihnen Nachrichtensender. CNN, Al Dschazira, N24 und n-tv sind selbstverständlich schneller als die Hauptprogramme von ARD und ZDF, die an einem Abend mit solchen Nachrichten viele Zuschauer doch einschalten. Wer dort nach Informationen suchte, muss eine Weile warten. Die Öffentlich-Rechtlichen haben die Ruhe weg. Was sagt uns das? Hat es Verweischarakter? Es hat und deutet darauf hin, dass sich die Sender ihrer Sache ganz und gar nicht sicher sind. Sie agieren in einer Weise zurückhaltend, die – sehen wir einmal von RTL ab – ans Absurde grenzt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Wort des Abends ist „Spekulation“. Man dürfe nicht „spekulieren“, jede „Spekulation“ verbiete sich, man verbreite und interpretiere nur Informationen, die „gesichert“ seien. So sagen es Ingo Zamperoni (der an diesem Abend kein Bein auf den Boden bekommt) und Georg Mascolo in der ARD, Marietta Slomka und Elmar Theveßen im ZDF und Ilka Eßmüller und Peter Kloeppel bei RTL. Das ist die Lehre, welche die Sender aus der Nacht des 22. Juli gezogen haben, als ein Achtzehnjähriger im Olympia-Einkaufszentrum in München neun junge Menschen ermordete und die Spekulationen über Tat und Täter ins Kraut schossen. Ein islamistischer Hintergrund, ein Neonazi? Alles schien möglich, nichts schlossen die Experten aus und redeten stundenlang von Dingen, die sie noch nicht wissen konnten.

          Nicht die naheliegendste Erklärung

          Das ist jetzt anders. Ein Schwerlaster steuert auf einen Weihnachtsmarkt in die feiernde Menge und begräbt Menschen unter sich; zwölf Menschen sterben, rund fünfzig weitere werden verletzt; der Fahrer flüchtet vom Tatort: Ein Unfall ist nicht die naheliegendste Erklärung, die einem zu solch einem Geschehen einfällt. Gleichwohl halten Polizei, Politik und die meisten Moderatoren und Experten daran fest und vermitteln den Eindruck, sie wollten mit der bitteren Wahrheit noch nicht heraus. Als erste kommen die Moderatoren von RTL aus der Deckung. Was Marietta Slomka am späten Abend thematisiert – das ZDF geht wie sonst auch um 21.45 Uhr mit dem „heute journal“ auf Sendung –, nämlich dass ein Unfall sehr unwahrscheinlich ist, klingt bei Ilka Eßmüller und Peter Kloeppel früh an. Sie stellen auch früh kritische Fragen: Warum ist der Lastwagen so leicht auf den Breitscheidplatz gekommen? Warum gibt es keine Beton-Absperrungen? Rächen sich nun die jahrelangen Einsparungen bei der Polizei?

          Der Terror-Experte Peter Neumann vom Londoner King’s College legt sich verständlicherweise nicht fest – solange die Polizei nicht von einem Anschlag spricht. Aber er entwickelt das Szenario, das allen vor Augen steht. Die Terrormiliz IS, die in Syrien und im Irak endlich zurückgedrängt wird, hat ihre Anhänger aufgerufen, in Europa zu bleiben und hier Terror zu verbreiten. „Wenn sich die Tore der Ausreise schließen, dann öffnen sich die Tore des Dschihad“, zitiert Neumann die Terrorgruppe.

          „Wird nicht jeden Tag passieren“

          Doch auch er mahnt, man dürfe sich nicht Angst einjagen lassen und „jedem anderen Menschen“ mit Misstrauen begegnen. Sich nicht terrorisieren zu lassen sei ganz wichtig. So etwas wie an diesem Abend in Berlin „wird nicht jeden Tag passieren“, sagt er. So oder so ähnlich hören wir es von Experten und Politikern. Verbunden mit der bekundeten Anteilnahme für die Opfer, deren Hinterbliebene und die Verletzten, vermittelt sich mitunter der Eindruck, man habe es mit einem großen Unglück zu tun, dessen Ursache ein Mysterium sei, um etwas, das über einen komme und gegen das man gar nichts tun könne.

          „In uns lebt ihr weiter“: Kerzen in der Nähe des Weihnachtsmarktes. Bilderstrecke
          Trauer in Berlin : „In uns lebt ihr weiter“

          Beim amerikanischen Nachrichtensender CNN ist das anders. Der Korrespondent Frederik Pleitgen, die Moderatoren und Experten deuten die Lage so, wie sie der künftige amerikanische Präsident Donald Trump auf Twitter benennt: als Terroranschlag. Von „a legitimate cause for concern“ ist die Rede, von begründetem Anlass zur Sorge, womit die Leute bei CNN einen Schritt weiter sind als Reporter im deutschen Fernsehen, die sich über die gespenstische Ruhe am Tatort vor der Gedächtniskirche wundern. Der Grund zur Sorge bei CNN ist, dass es – wie die Vergangenheit gezeigt hat –, nicht bei diesem Anschlag bleibt und sich amerikanische Touristen, die eine Reise nach Europa planen, der Gefahr bewusst sein sollten. Um das zu unterstreichen, braucht man nur die Namen der Orte zu nennen, an denen die schwersten Attentate, begangen von Islamisten, stattfanden – Paris, Brüssel, Nizza. Bilder von diesen Anschlägen sehen wir an diesem Abend und bekommen so vor Augen geführt, worum es sich auf dem Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche in Berlin wohl nicht handelt: um einen Unfall.

          Frankfurter Weihnachtsmarkt : „Wir können uns ja nicht zuhause einschließen“

          Der regierende Bürgermeister Michael Müller bedankt sich tags darauf bei den Medien dafür, dass alles „richtig und sachgerecht eingeordnet wurde“. Aber wurde denn irgendetwas „eingeordnet“? Den Reporter der „Berliner Morgenpost“, der mit seinem Handy direkt nach dem Anschlag live vom Breitscheidplatz filmte, was als Stream im Internet lief und nichts als das Chaos in den Minuten nach der Tat vermittelte (bis jemand dem Journalisten das Handy aus der Hand schlug und die Übertragung abgeschaltet wurde), wird Müller nicht meinen. Die Panik, die sich in München verbreitet hatte, vor allem durch Fehlinformationen im Netz, bleibt in Berlin in der Tat aus. Wobei sich spätestens in dem Augenblick andeutet, wie trügerisch die scheinbare Ruhe ist, in dem aus Sicherheitskreisen durchsickert, dass der Verdächtige, der am Abend in der Nähe der Siegessäule nach dem Hinweis eines Zeugen festgenommen wurde, wahrscheinlich nicht der Täter und dieser womöglich bewaffnet und auf der Flucht ist.

          Auf Halbmast: Flagge am Reichstag in Berlin.
          Auf Halbmast: Flagge am Reichstag in Berlin. : Bild: Jens Gyarmaty

          Von dem Verdächtigen hatte es zwischenzeitlich geheißen, er sei 23 Jahre alt, stamme aus Pakistan und sei im Februar als Flüchtling eingereist. Das wiederum gibt zu Spekulationen Anlass, die bis zur Erklärung der Bundeskanzlerin am Dienstag reichen, die davon spricht, dass es „besonders widerwärtig“ wäre, sollte die Tat von einem Flüchtling begangen worden sein. Nicht zuletzt die AfD rechnet fest mit diesem Szenario und hat Angela Merkel die Toten von Berlin schon zur Last gelegt.

          Am nächsten Morgen meint der Journalist Claus Strunz bei Sat.1, jetzt „sei alles anders“ und – mit Blick auf den möglichen Täter, dessen Herkunft, die Polizeirazzia im Flüchtlingslager am Flughafen Tempelhof und den Umstand, dass ein Vierzigtonner, beladen mit Stahl, auf schutzlose Menschen losrasen könne –, da sei wohl einiges „schief gelaufen“. Wir müssten aufhören naiv zu sein und dürften nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen und uns fressen lassen. Wobei nicht ganz klar ist, ob er damit allein den islamistischen Terror oder auch die Flüchtlingspolitik meint.

          Überall Trauerbekundungen.
          Überall Trauerbekundungen. : Bild: Reuters

          Am Tag nach dem Anschlag werden Fragen nach Konsequenzen gestellt, auch den politischen. Die Berliner Polizei will mehr Präsenz zeigen und Beton-Hindernisse aufstellen. Auf die Idee hätte man auch vorher kommen können. Der Attentäter von Berlin könnte – nach vorläufigem Stand der Dinge –, auf freiem Fuß sein. Wie sagt Ilka Eßmüller bei RTL, als sie die Einlassung hört, in Berlin seien nun alle sicher: Das festzustellen, erscheine gewagt. Die bittere Wahrheit kommt einem in den Sinn, als im Hessischen Rundfunk ein Kommentator fröhlich-trotzig sagt: „Jetzt gehen wir erst recht auf den Weihnachtsmarkt.“ So etwas wie in Berlin wird wieder passieren, man kann nicht entkommen, aber mehr für den Schutz gegen den Terror tun und es auch für angebracht halten, das die Behörden wissen, wie viele Menschen und wer in den vergangenen Monaten ins Land gekommen ist. Die von all dem nichts wissen wollen, sammeln sich derweil bei Twitter unter dem Hashtag #katzenstattspekulationen und verbreiten Bilder von süßen Kätzchen.

          Weitere Themen

          Berlinale-Jury stellt sich vor Video-Seite öffnen

          Berlin : Berlinale-Jury stellt sich vor

          In Berlin haben sich vier der sechs Mitglieder der Berlinale-Jury vorgestellt. Das Festival findet ab dem 1. März digital für das Fachpublikum statt, im Sommer sollen die Filme dann in Berliner Kinos gezeigt werden.

          Der Statthalter des IS

          FAZ Plus Artikel: Urteil im Abu-Walaa-Prozess : Der Statthalter des IS

          Wenn an diesem Mittwoch das Urteil gegen den „Prediger ohne Gesicht“ gesprochen wird, endet mehr als ein Strafprozess. Für die Anklage steht fest: Abu Walaa war die zentrale Figur eines Netzwerks, das junge Dschihadisten für den „Islamischen Staat“ rekrutierte.

          Topmeldungen

          Der Reformer, der ungewollt zum Revolutionär wurde: Michail Gorbatschow, hier 1986 in Moskau

          Gorbatschows Reden beweisen : Der Umsturz war nicht beabsichtigt

          Manche glauben, Michail Gorbatschow habe alles das gewollt, was 1989 und danach passiert ist. Aber seine Reden zeigen, dass seine Absichten genau in die entgegengesetzte Richtung zielten.

          Bundesliga-Krisenklub : Schalker Rundumschlag

          Der Rauswurf hat sich bei Schalke 04 zur gängigen Lösungsmethode für Probleme aller Art entwickelt. Sportvorstand, Trainer, zwei Assistenten und der Teambetreuer werden auf einen Schlag „freigestellt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.