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Fernsehen zum Berlin-Attentat : Der Unfall, der ein Anschlag war

Trauer am Tag nach dem Anschlag: Eine junge Frau kniet an einem improvisierten Mahnmal für die Opfer des Anschlags in Berlin. Bild: AFP

Am Abend der Terrorattacke in Berlin halten sich die Fernsehsender zurück. Sie treten in einer Weise leise, dass einem der Kopf dröhnt. Man wolle nicht „spekulieren“, heißt es lange – bis jeder sieht, dass da etwas nicht stimmt.

          Wer wann auf Sendung geht, ist nicht unbedingt entscheidend und nicht allein der Maßstab, an dem sich etwas über Medienberichterstattung und die Haltung derjenigen ablesen lässt, die dafür verantwortlich sind. Als die ersten Nachrichten zum Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche in Berlin über den Ticker laufen – unter dem Vorbehalt, dass man noch nicht weiß, ob es sich um einen Unfall oder ein Verbrechen handelt –, schalten Online-Medien am schnellsten und mit ihnen Nachrichtensender. CNN, Al Dschazira, N24 und n-tv sind selbstverständlich schneller als die Hauptprogramme von ARD und ZDF, die an einem Abend mit solchen Nachrichten viele Zuschauer doch einschalten. Wer dort nach Informationen suchte, muss eine Weile warten. Die Öffentlich-Rechtlichen haben die Ruhe weg. Was sagt uns das? Hat es Verweischarakter? Es hat und deutet darauf hin, dass sich die Sender ihrer Sache ganz und gar nicht sicher sind. Sie agieren in einer Weise zurückhaltend, die – sehen wir einmal von RTL ab – ans Absurde grenzt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Wort des Abends ist „Spekulation“. Man dürfe nicht „spekulieren“, jede „Spekulation“ verbiete sich, man verbreite und interpretiere nur Informationen, die „gesichert“ seien. So sagen es Ingo Zamperoni (der an diesem Abend kein Bein auf den Boden bekommt) und Georg Mascolo in der ARD, Marietta Slomka und Elmar Theveßen im ZDF und Ilka Eßmüller und Peter Kloeppel bei RTL. Das ist die Lehre, welche die Sender aus der Nacht des 22. Juli gezogen haben, als ein Achtzehnjähriger im Olympia-Einkaufszentrum in München neun junge Menschen ermordete und die Spekulationen über Tat und Täter ins Kraut schossen. Ein islamistischer Hintergrund, ein Neonazi? Alles schien möglich, nichts schlossen die Experten aus und redeten stundenlang von Dingen, die sie noch nicht wissen konnten.

          Nicht die naheliegendste Erklärung

          Das ist jetzt anders. Ein Schwerlaster steuert auf einen Weihnachtsmarkt in die feiernde Menge und begräbt Menschen unter sich; zwölf Menschen sterben, rund fünfzig weitere werden verletzt; der Fahrer flüchtet vom Tatort: Ein Unfall ist nicht die naheliegendste Erklärung, die einem zu solch einem Geschehen einfällt. Gleichwohl halten Polizei, Politik und die meisten Moderatoren und Experten daran fest und vermitteln den Eindruck, sie wollten mit der bitteren Wahrheit noch nicht heraus. Als erste kommen die Moderatoren von RTL aus der Deckung. Was Marietta Slomka am späten Abend thematisiert – das ZDF geht wie sonst auch um 21.45 Uhr mit dem „heute journal“ auf Sendung –, nämlich dass ein Unfall sehr unwahrscheinlich ist, klingt bei Ilka Eßmüller und Peter Kloeppel früh an. Sie stellen auch früh kritische Fragen: Warum ist der Lastwagen so leicht auf den Breitscheidplatz gekommen? Warum gibt es keine Beton-Absperrungen? Rächen sich nun die jahrelangen Einsparungen bei der Polizei?

          Der Terror-Experte Peter Neumann vom Londoner King’s College legt sich verständlicherweise nicht fest – solange die Polizei nicht von einem Anschlag spricht. Aber er entwickelt das Szenario, das allen vor Augen steht. Die Terrormiliz IS, die in Syrien und im Irak endlich zurückgedrängt wird, hat ihre Anhänger aufgerufen, in Europa zu bleiben und hier Terror zu verbreiten. „Wenn sich die Tore der Ausreise schließen, dann öffnen sich die Tore des Dschihad“, zitiert Neumann die Terrorgruppe.

          „Wird nicht jeden Tag passieren“

          Doch auch er mahnt, man dürfe sich nicht Angst einjagen lassen und „jedem anderen Menschen“ mit Misstrauen begegnen. Sich nicht terrorisieren zu lassen sei ganz wichtig. So etwas wie an diesem Abend in Berlin „wird nicht jeden Tag passieren“, sagt er. So oder so ähnlich hören wir es von Experten und Politikern. Verbunden mit der bekundeten Anteilnahme für die Opfer, deren Hinterbliebene und die Verletzten, vermittelt sich mitunter der Eindruck, man habe es mit einem großen Unglück zu tun, dessen Ursache ein Mysterium sei, um etwas, das über einen komme und gegen das man gar nichts tun könne.

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