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„taz“-Chefredakteurin Ines Pohl : Das ist für uns nicht haltbar

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„Es ist kein Zufall, dass wir beim ersten Mal auch die Ersten waren“: „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl Bild: dpa

Im ersten Rennen um Presseplätze beim NSU-Prozess lag die „taz“ vorn. Nach der Verlosung steht sie ohne da. Die Chefredakteurin plädiert für eine Übertragung per Video. Eine Klage könnte folgen.

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          Die Plätze für Pressevertreter beim NSU-Prozess sind verlost worden. Was halten Sie von diesem Verfahren und dessen Ausgang?

          Es war dringend geboten nachzujustieren, weil beim ersten Verfahren türkischsprachige und griechischsprachige Medien nicht vertreten waren. Das gute Ergebnis ist, dass dies nun anders ist. Die Art und Weise, in der dies inszeniert und präsentiert wurde, hat der Unwürdigkeit dieses gesamten Vorgangs allerdings die Krone aufgesetzt. Und dass jetzt noch einmal ein Platz nachverlost werden muss, zeigt einmal mehr, dass das OLG München einem solchen Prozess nicht gewachsen ist.

          Die „taz“ war bei der ersten Platzvergabe Erster, nun gehen Sie leer aus. Was folgt daraus?

          Für uns ist es sehr ärgerlich, dass wir nicht dabei sind. Es ist ja kein Zufall, dass wir beim ersten Mal auch die Ersten waren. Für uns ist Rechtsradikalismus ein großes Thema, seit Jahrzehnten. Wir verfolgen das mit einer großen Kompetenz in unserem Hause, gerade die Geschichte der NSU-Terrorzelle. Es ist für die „taz“ nicht haltbar, dass überregionale Zeitungen mit einem nationalen Anspruch bei einem der wichtigsten Nachkriegsprozesse nicht mit eigenen Reportern vertreten sind und darauf angewiesen wären, sich aus zweiter Hand zu informieren.

          Das Gericht scheint bei dem Losverfahren und den verschiedenen Gruppen, in denen gelost wurde, nicht bedacht zu haben, dass es große Verlage gibt, die sich mit vielen Titeln um einen Platz bewerben können, um am Ende wenigstens einen zu haben. Die Chancen kleiner Verlage standen da schlechter.

          Die Chancengleichheit ist massiv gebrochen worden. Der Burda-Verlag konnte sich mit verschiedenen Titeln bewerben, der Ippen-Verlag hat das getan und mehrere Plätze bekommen. Das ist fair enough aus der Perspektive derer, die dabei sind. Aber so kann man natürlich keine gebotene Chancengleichheit herstellen. Und dann wurden auf der anderen Seite Plätze für öffentlich-rechtliche Anstalten freigehalten. Die Art der Kontingentierung war der deutschen Presselandschaft nicht angemessen.

          Und daraus folgt für die „taz“?

          Wenn wir keinen anderen Weg finden, dem Prozess regelmäßig beizuwohnen, werden wir aller Voraussicht nach klagen. Dabei ist es zweitrangig, wie unsere Kollegen den Prozess verfolgen, ob durch weitere Plätze im Gerichtssaal oder durch eine Videoübertragung in einem Nachbarraum. Wichtig ist, dass wir uns mit eigenen Augen einen Eindruck verschaffen und Zeugen sein können dieses Verfahrens.

          Die Anwältin einer Nebenklägerin hat gewarnt, der Prozess dürfe mit Rücksicht auf die Angehörigen der Opfer nicht ein weiteres Mal verschoben werden.

          Es wäre in der Tat fatal, wenn die Angehörigen der Opfer die Leidtragenden wären. Unsere Juristen gehen davon aus, dass eine Klage von Pressevertretern den Prozessauftakt nicht verzögert. Eine Videoübertragung könnte man zudem auch noch bei laufender Verhandlung herstellen. Wenn es noch einmal zu Verzögerungen kommt, ist es allein dem Umstand geschuldet, dass ein deutsches Gericht nicht in der Lage ist, einen solchen Prozess zu organisieren.

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