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„Tatort“ von Dominik Graf : Fiktionen der anderen

Die Strafanstalt Stuttgart-Stammheim am 22. Mai 1975, wo am Vortag der Prozess gegen die Bader-Meinhof-Haeftlinge Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Karl Raspe begann. Bild: AP

Der RAF-„Tatort“ von Dominik Graf hat einen Teil der Öffentlichkeit erregt – bis hin zum Bundespräsidenten. Doch was erzählen uns die Reaktionen?

          Irgendetwas hat sich da verschoben. Den „Tatort“, früher ein harmloses Polizeimärchen, umgibt inzwischen der Anschein der Amtlichkeit. Sogenannte Fakten-Checks prüfen regelmäßig seinen Realitätsgehalt. Und wenn Politik und Zeitgeschichte vorkommen, liest mancher die „Tatort“-Erzählung wie eine offizielle Verlautbarung. Deshalb hat Dominik Grafs „Tatort“ „Der rote Schatten“ einen Teil der Öffentlichkeit erregt – bis hin zum Bundespräsidenten. Weil in der Geschichte um einen V-Mann, den Einfluss des Verfassungsschutzes und die dritte Generation der RAF auch die Todesnacht von Stammheim vorkommt; weil eine Sequenz, im Super 8-Format gedreht, zeigt, wie die Terroristen von einem Mordkommando umgebracht werden.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Gefährlicher Unsinn“ sei das, „RAF-Propaganda“ hat Stefan Aust, unser hauptamtlicher RAF-Chronist, gesagt. Gerhard Baum, der ehemalige Innenminister, erklärte „die unerträgliche Vermischung von Realität und Fiktion“ für „unverantwortlich“. Und Frank-Walter Steinmeier erteilte in seiner Ansprache zum 40. Todestag von Hanns Martin Schleyer eine schwere Rüge: Der „Tatort“ habe „die Märtyrerlegende vom Justizmord an den Häftlingen“ wiederaufleben lassen.

          Graf hat ein unausgesprochenes Bilderverbot übertreten

          Was Baum unerträglich findet, man muss leider so trivial werden, ist das Prinzip fiktionalen Erzählens in Literatur, Film und Theater. Dass er es so unerträglich findet, mag auch damit zu tun haben, dass Graf ein unausgesprochenes Bilderverbot übertreten hat. Zu sehen, wie die Häftlinge getötet werden, hat eine größere Wucht, als würde lediglich darüber gesprochen. Man sollte trotzdem das Durchspielen von Möglichkeiten nicht mit einer These verwechseln. Zu behaupten, dass Graf eine klare These formuliere, wie das etwa Oliver Stone in „JFK“ (1991) zum Kennedy-Attentat tut, das ist „gefährlicher Unsinn“. Es gibt bei Graf Versionen, Varianten, Lesarten, weil Verschwörungstheorien nun mal ein Treibstoff des Erzählens sind. Hätte man den Film nicht gesehen, könnte man allerdings zu dem Eindruck kommen, er habe ausschließlich aus der einen dargestellten Variante der Stammheimer Nacht bestanden.

          Szene aus dem „Tatort: Der rote Schatten“ von Dominik Graf mit Elias Popp und Emma Jane

          Wenn die empörten Kritiker im staatstragenden Ton warnen, nach Ansicht des Films werde man die Tötung für die amtliche Version der Wahrheit halten, dann erklären sie implizit das Publikum für unfähig zu begreifen, was sie selbst natürlich durchschaut haben; es treibt sie dabei weniger die Sorge um fatale Auswirkungen auf das politische Bewusstsein der Nation als die Angst um ihre Deutungshoheit, die sie mit Filmen wie dem „Baader-Meinhof-Komplex“ durchgesetzt glauben. Für diese Hegemonie ist Grafs Verfahren natürlich ein Affront, weil auch die immergleichen RAF-Bilder, die zirkulieren, nun konkurrieren müssen mit neuen. Und gerade weil diese neuen Bilder Teil einer Fiktion sind, schärfen sie den Blick für die Fiktionen der anderen. Sie verweisen auf die staatlichen Vertuschungsversuche, wie sie vom Tod Benno Ohnesorgs über die NSU-Morde bis hin zum Fall Amri aktenkundig geworden sind. Sie deuten auf die Merkwürdigkeiten in der Geschichte der RAF, die unbeantworteten Fragen, die Rolle des Verfassungsschutzes. Wenn Steinmeier beklagt, dass „Wahn und Lüge die RAF-Geschichte über Jahrzehnte umgaben“, hat er Recht, ohne dass es ihm bewusst wäre, weil er das nur auf die Täter beziehen will. Gibt es bei dieser trüben Sachlage eine größere Fiktion als die Erzählung Gerhard Baums, dass alles aufgeklärt und transparent sei?

          Dazu befragt, sagt Dominik Graf: „Wenn wir vierzig Jahre hinters Licht geführt worden sind, dürfen wir uns einen eigenen Reim darauf machen. Geschichte gehört nicht denen, die sie damals festgeschrieben haben.“ Das ganze Thema sei „überwiegend einseitig aufgearbeitet worden“, es habe bis heute „viel zu viel Schlamperei und Vertuschung der staatlichen Behörden gegeben“. Und mit leiser Ironie setzt er hinzu, womöglich seien die Kritiker ja auch „verhext vom Super 8-Format“.

          Fiktion als Nachdenken über Realität

          Das ist nicht abwegig. Und insofern ist die heftige Abwehrreaktion auf den „Tatort“ auch Indikator für ein tiefer sitzendes Wahrnehmungsproblem. Je klarer, schärfer, unzweideutiger uns die digitalen Bilder erscheinen, desto größer der Anschein von Authentizität, den das alte Super 8-Format erzeugt. Grafs Kritiker sind jedoch derart fixiert auf „ihren“ Stoff, dass sie zwischen Belegen, Indizien, Fakten, Vermutungen, Formaten und Fiktionen nicht mehr unterscheiden. Das Bilderverbot ist nur die Erweiterung eines Denkverbots. Als wäre a priori auszuschließen, dass suizidwillige Häftlinge in ihren Zellen abgehört wurden, ohne dass jemand dann hätte eingreifen wollen. Indem Graf sich auf ein solches Gedankenspiel einlässt, wird die Fiktion zum erneuten Nachdenken über die Realität. Für manche ist das wohl noch immer schwer zu ertragen.

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