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„Tatort“ aus Hamburg : Hier fliegt alles in die Luft

Marija Timotejew (Tatiana Nekrasov) riskiert ihr Leben. Bild: NDR/Meyerbroeker

Im Hamburger „Tatort“ liegen die Nerven blank, vor allem bei Kommissarin Grosz. Sie ist jetzt Chefin. Im Fall eines russischen Clans sieht sie nicht gut aus. Das gilt ein wenig auch für den Film von Niki Stein.

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          „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht“, hat Abraham Lincoln gesagt. Das gilt auch für die frisch zur Bundespolizeihauptkommissarin beförderte Julia Grosz (Franziska Weisz) im Hamburger „Tatort“. In neuer Position leitet sie gleich einen brisanten Einsatz, bei dem ihr bisher ranghöherer Kollege Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) zum Laufburschen degradiert wird.

          Ursula Scheer
          (eer.), Feuilleton

          Während Grosz, unterstützt vom digital vernetzten Team in der Zentrale, vor Bildschirmen die Operation leitet und verfolgt – Übergabe einer Millionensumme durch einen verdeckten Ermittler an einen russischen Waffenschieber mit dem Ziel des Zugriffs –, gehört Falke zu den Vor-Ort-Kräften ohne Übersicht, die auf Verfolgungsjagd geschickt werden. Die fast aggressive Nervosität der neuen Chefin nähert sich dem Kipppunkt, als etwas schiefgeht. „Soll ich abbrechen?“, fragt sie die Kriminaldirektorin Reetz. „Sie haben die Leitung, es ist Ihre Entscheidung“, repliziert diese. Wenig später fliegt buchstäblich alles in die Luft – und Julia Grosz fällt in Ohnmacht.

          Die Episode „Macht der Familie“, geschrieben und inszeniert von Niki Stein, interessiert sich nicht für Täter, weil diese den Polizisten hier sprichwörtlich zu hoch sind. Die Welt aufräumen, Schaden abwenden – das kann nicht gelingen. Ein Beamter, gebürtiger Kurde, treuer Diener des deutschen Staates, Ehemann und Vater, muss sein Leben opfern. Wir erfahren es gleich zu Beginn, als sein mit der Bundesflagge bedeckter Sarg von Kollegen in Uniform, darunter Falke, aus einem Flugzeug gehoben wird. Es folgt, wie meistens in spannungsgetriebenen Fernsehfilmen, die Rückblende ins Was-bisher-Geschah und damit die eigentliche Handlung.

          Läuft nicht wirklich bei Ihnen: Kommissarin Grosz (Franziska Weisz) und Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring).
          Läuft nicht wirklich bei Ihnen: Kommissarin Grosz (Franziska Weisz) und Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring). : Bild: NDR/Meyerbroeker

          Deren Ziel ist, zuweilen im Stil eines rasant geschnittenen Kammerspiels, die Versammlung von Charakterstudien. Der prüfende Blick gilt zunächst Julia Grosz, deren Anspannung verschränkt mit Bossgehabe, das sie erst nach und nach ablegt, von Franziska Weisz darstellerisch auf den Punkt gebracht wird. Wotan Wilke Möhring darf Thorsten Falke mit emotionaler Amplitude spielen, vom Wutausbruch auf der Arbeit bis zur stillen Besorgtheit als Vater zu Hause (der Sohn zieht aus und mit seiner – älteren – Freundin zusammen). Das Motiv des weichgeklopften Machos bietet dennoch wenig Überraschendes: Falke ist längst erwachsen geworden. Die gehetzt, gepresst wirkende Kommunikation der beiden Kommissare untereinander macht es zuweilen schwer, das zwischen den Zähnen Hervorgezischte noch zu verstehen.

          Interessanter als die Stammbesetzung ist Marija Timofejew, in deren Rolle Tatiana Nekrasov einen starken Auftritt hinlegt – und das, obwohl ihre Figur reichlich ausgedacht wirkt. Als Spross eines geradezu zaristisch repräsentierenden Waffenschieberclans aus Russland, dessen Mitglieder immerzu bildungshubernd mit Tolstoi- und Tschechow-Zitaten um sich werfen, hat sie die Seiten gewechselt und rasiert als Undercoverermittlerin des Landeskriminalamts Schwerverbrecher im Rotlichtmilieu. Falke kennt sie aus seiner Zeit beim LKA und will sie im auf der Kippe stehenden Fall gegen ihre eigene Familie in Stellung bringen. Seine Kolleginnen argwöhnen, Blut sei dicker als Wasser.

          Ob Marija dem Recht gegenüber loyal bleibt oder sich der „Macht der Familie“ beugt, ist eigentlich das einzige Rätsel, das es in diesem Krimi zwischen Melodramatik und Coolness zu lösen gilt. Kameramann Arthur W. Ahrweiler findet dafür Bilder von technoidem Flair und ruraler Romantik, allein die Leere vieler Szenerien gemahnt an Corona. Das ist durchaus wohltuend. Nimmt man der Geschichte ihre genealogieornamentale Einkleidung, bleibt vom Plot, der auf ein Blutbad zuläuft, nicht mehr viel übrig. Dank innerer Stimmigkeit ist „Macht der Familie“ dennoch sehenswert.

          Der Tatort: Macht der Familie läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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