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Neuer Borowski-„Tatort“ : Indianer sind nicht immer die Guten

Der kleine Simon (Anton Peltier) wurde Zeuge eines Verbrechens. Was er erzählt, gibt den Kommissaren Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) Rätsel auf. Bild: NDR/Sandra Hoever

Der „Tatort: Borowski und das Haus am Meer“ erzählt eine Männergeschichte über drei Generationen. Sie handelt von Missbrauch und Mord. Vieles in diesem Film erscheint geisterhaft. Und das passt.

          3 Min.

          „So etwas haben Sie noch nie gesehen“, sagt ein Polizist Borowski (Axel Milberg) jenseits des Absperrbandes. Und tatsächlich: Im Strand vergraben und von der Gerichtsmedizinerin freigelegt wie ein archäologischer Fund, liegt da ein bärtiger Toter mit gefalteten Händen, in denen er, so stellt sich später heraus, den sehr speziellen Knochen eines Fisches hält.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kein grausamer Wikingerfürst war dieser Mann, aber eine nicht weniger Schrecken verbreitende Erscheinung aus dem Dunkel der jüngeren Vergangenheit, das kein Vergessen und Verdrängen lichten kann. Heinrich Flemming (Reiner Schöne) lebte zuletzt als dementer Greis bei seinem Sohn, nicht weit entfernt von dem gottverlassen wirkenden Ort seines Todes, im Pfarrhaus des evangelischen Geistlichen Johann Flemming (Martin Lindow). Ein pietistischer Bann scheint über diesem Ort zu liegen und ihn gefangen zu halten in einer vergangenen Zeit. Seine Frau Nadja (Tatiana Nekrasov) trägt Schürze und bedient den Herrn des Hauses, Sohn Simon (Anton Peltier) lauscht dem Tischgebet und schweigt, das Telefon ist unterm Kreuz fest an die Wand montiert, der windumtoste Friedhof liegt gleich vor der Haustür im Schatten der Kirche. Opa störte den erbarmungslos frommen Frieden: anzüglich, randalierend, schmatzend, ungehorsam.

          Nun ist er tot, ermordet. Simon war Zeuge des Verbrechens. Allein: Der Junge, von Borowski unter den argwöhnischen Augen einer Kinderpsychologin ins Verhör genommen, scheint sich vor der grausamen Wirklichkeit in eine Traumwelt zu flüchten. Ein Hund habe den Großvater angefallen im Wald, ein Indianer sei herbeigeeilt und habe den Kampf mit dem Tier aufgenommen. Als Simon all das erzählt, drückt er einer Stoffpuppe mit einem Stab die Kehle zu. Borowski wirkt ratlos, aber gewillt, Hund wie Indianer zu suchen. Seine Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) beweist mehr Realitätssinn, indem sie einwirft, vielleicht gebe es weder das Tier noch die Westerngestalt. Dem Zuschauer bleibt es lange selbst überlassen, wem der beiden Kommissare er folgen möchte. Denn spukhaft zeigen sich die Wesen von zweifelhafter Realität immer wieder anderen Figuren in diesem Rätselspiel und verschwinden abermals spurlos, gesehen nur von denjenigen, denen sie wie im Traum vor Augen traten.

          Der Regisseur Niki Stein, vom dem auch das Drehbuch zu diesem Kieler „Tatort“ stammt, hat sich von der geisterhaften Welt Henrik Ibsens inspirieren lassen – sehr zum Gewinn für „Borowski und das Haus am Meer“. Die gespenstischen Züge, das Seherische, bieten eine willkommene Alternative zum traditionellen whodunit einer Verbrecherjagd und lassen Borowski, wieder einmal glänzend verkörpert von Axel Milberg, mit noch schlafwandlerischerer Sicherheit ermitteln als gewöhnlich. Almila Bagriacik sorgt mit ihrem soliden Spiel für die nötige Bodenhaftung und kann als Mila Sahin die Laufarbeit in Dänemark übernehmen.

          Zwischen dem Nachbarland und der deutschen Küsten segelt die Geschichte hin und her, nicht auf einem fliegenden Holländer, sondern an Bord der „Arken“, was so viel wie Arche heißt. Am Steuer steht eine in die Jahre gekommene Geliebte oder eher Jüngerin Heinrichs, die Dänin Inga Andersen (Jannie Faurschou). Der Alte hat mit ihr, wie wir erfahren, einst eine Art Odenwald-Schule im Norden aufgebaut, eine Missbrauchsanstalt im Namen der antiautoritären Erziehung, um sich aus dem Schatten seines Vaters, eines NS-Verbrechers, zu lösen. Der eigene Sohn ist dabei unter die Räder gekommen. Nun gräbt sich der Mahlstrom der über die väterliche Linie weitervererbten Unmenschlichkeit im Namen wechselnder Ideologien in gefährliche Nähe zu dem jüngsten Spross dieses Mannesstammes. Da sei Gott vor, denkt sich Borowski und setzt den frömmelnden Bösartigkeiten des Pfarrers seinen ganz eigenen Segensspruch entgegen.

          Mit leichter Hand malt Niki Stein eine abgründige Erzählung über verfehlte Vaterschaften aus, ohne in Schwarz-Weiß-Malereien (toxische Männlichkeit hier, rettende Weiblichkeit dort) zu verfallen. Alles bleibt in angenehmes Grau getaucht, mal in Wind und Wetter draußen zwischen Schafen oder an der See, mal eingesperrt in kulissenhaft ausstaffierte Pfarrhausräume, die unvermeidlichen Autos oder im Besprechungszimmer. Von der Kamera (Arthur W. Ahrweiler) oft aus der Perspektive eines unsichtbaren Beobachters eingefangen oder bei Befragungen von ihr umkreist, entsteht ohne viel Tamtam eine Atmosphäre der andauernden Bedrängung.

          Die Figuren mit ihren Lebenslügen mögen zum Teil klischeehaft angelegt sein, so gespielt sind sie nicht: Vor allem Martin Lindow überzeugt in der Rolle des zwielichtigen Seelenhirten. Ob es die Zeitsprünge, das artistische Vor und Zurück im Erzählen wirklich gebraucht hätte, bleibt die Frage. Aber es schadet auch nicht. Am Ende ist dann doch alles anders als gedacht. Für Borowski bleiben die Erkenntnisse, dass Opfer und Täter einander doch oft ähnlicher sind als gedacht, dass Indianer nicht immer die Guten sein müssen – und Mörder sich immer für schrecklich originell halten. Dabei sind ihre Geschichten oft so banal. Dieser „Tatort“ dagegen ist es nicht.

          Tatort: Borowski und das Haus am Meer, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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