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Wissenschaft vs. Tatort : Wie viele Blindgänger liegen noch im Boden?

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Kölner „Tatort: Bombengeschäft“ mit Adrian Topol Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Im neuen „Tatort“ aus Köln wird eine alte Fliegerbombe zur Mordwaffe. Kürzlich wurde in Rostock wieder eine entschärft. Was liegt in deutschen Böden noch verborgen? Interview mit einem Militärhistoriker.

          Herr Wehner, wie viele Bomben wurden im Zweiten Weltkrieg über Deutschland abgeworfen?

          Jens Wehner (Historiker im Militärhistorischen Museum Dresden):

          Die britischen und amerikanischen Fliegerkräfte warfen im Zweiten Weltkrieg etwa 1,3 bis 1,4 Millionen Tonnen Bomben ab. Die Zahlen schwanken leicht, unter anderem, weil die Grenzziehung unklar ist (Deutschland in den Grenzen von 1937/1943) und die Umrechnungsparameter unterschiedlich genau verwendet werden. Die Gesamtstückzahl der Bomben lässt sich nicht bestimmen. Die meisten Bomben wogen weniger als eine Tonne, weshalb ihre Anzahl angesichts der Gesamttonnage in die hohen zweistelligen Millionenbereiche geht. 

          Im neuen „Tatort“ heißt es: „Köln ist voll von den Dingern“. Wie viele Blindgänger sind in Deutschland heute schätzungsweise noch verborgen und wie viele wurden bis heute entschärft?

          Nach Schätzungen waren zehn bis zwanzig Prozent je nach Bombentyp Blindgänger. Es ist sicher nicht falsch zu vermuten, dass der größte Teil der Blindgänger in den 70 Jahren seit Kriegsende beseitigt wurde. Da man aus der Frühzeit der Bombenentschärfung, also aus der Zeit der letzten Kriegsjahre bis etwa 1949, keine exakten Daten hat, kann man zu dieser Frage aber keine zuverlässigen Angaben vornehmen.

          Doch können einzelne Angaben auch in diesem Fall eine Ahnung von den Größenordnungen geben. Im größten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen wurden von 1949 bis 1998 über 220.000 Bomben beseitigt. Dazu müssen noch die Bombenbeseitigungen vor 1949 und nach 1998 berücksichtigt werden. Im kleinen Bundesland Saarland wurden zwischen 1949 und 2000 450 Bomben beseitigt. In der DDR war die Situation ähnlich. Von 1974 bis 1989 wurden im heutigen Sachsen etwa 5400 Bomben gefunden und beseitigt. Nach der friedlichen Revolution begann in den neuen Bundesländern eine rege Bautätigkeit, in deren Zug man auch mehr Bomben fand. Allein in Sachsen beseitigte der Kampfmittelbeseitigungsdienst von 1990 bis 2003 über 8800 Bomben.

          Ich welchen Gebieten liegen Blindgänger vor allem?

          Jens Wehner

          Blindgänger findet man in jenen Gegenden Deutschlands, die vom Bombenkrieg stark betroffen waren. Dazu zählen besonders das Ruhrgebiet, Berlin, Köln, Hamburg und weitere Großstädte sowie Gebiete, in denen intensive Kampfhandlungen stattfanden. Neben Bomben ist verrottete Munition aus den Kämpfen des Zweiten Weltkriegs eine große Gefahr.

          Wie gefährlich ist sie und wie viel davon liegt schätzungsweise noch in der Erde?

          Die Gefahr besteht darin, dass die verrotte Munition von Spaziergängern oder Sondensuchern gefunden wird und dabei explodiert. Im Dezember 2018 sprengte sich ein Hobbybastler im sächsischen Ödernitz in die Luft, als er gefundene Munition mit einer Säge bearbeitete. In der Ostsee liegt noch sehr viel versenkte Munition, darunter sogar Giftgas. Hier drohen vor allem ökologische Schäden. Verlässliche Gesamtzahlen zur Munition im Boden existieren aber nicht, zudem gibt es auch Altlasten aus dem Kalten Krieg.

          Hier einige Vergleichszahlen:  

          NRW 1949-2000:

          geräumte Granaten: 13,7 Mio. Stück

          Minen: 81.335 Stück

          Handgranaten und Panzerfäuste: 8,2 Mio. Stück

          andere Kampfmittel (außer Bomben): 10 Mio. Stück

          Sachsen 1990-2003: 

          Handfeuerwaffenmunition 33 Mio. Stück 

          Granaten und Raketen: 1,95 Mio. Stück 

          Minen und Nahkampfmittel (wie Handgranaten): rund 330.000 Stück 

          sonstige Sprengkörper: 9,8 Mio. Stück 

          Sprengstoff: 53,3 Tonnen 
          (darunter viele Altlasten der Sowjetarmee und von NVA/DDR-Organen) 

          Die am Mittwoch entschärfte Fliegerbombe in Rostock wird abtransportiert.

          Wie unterscheiden sich Fliegerbomben je nach Herkunft in der Sprengkraft? 

          Es gab grundsätzlich drei Arten von Bomben: Sprengbomben, Brandbomben und Spezialbomben. Letztere sind selten und dienten etwa der Zerstörung von Talsperren. Brandbomben wurden in enormen Stückzahlen abgeworfen, da sie ein geringes Gewicht hatten. Die britische Standardbrandbombe wog etwa 1,8 Kilogramm. 

          Wenn heutzutage Blindgänger gefunden werden, die weiträumige Absperrungen erfordern, handelt es sich fast immer um Sprengbomben. Diese gab es in den unterschiedlichsten Gewichtsgrößen von etwa einem Kilogramm bis zu zehn Tonnen. Auf deutsche Städte kamen vor allem Sprengbomben in den Gewichtskategorien von 227, 454 und 908 Kilogramm zum Einsatz (die seltsamen Maße entstehen durch das angelsächsische Maßsystem). Darüber hinaus gab es sehr große britische Sprengbomben mit Gewichten von 1,8 bis 5,4 Tonnen. Die häufigste Großbombe war die 1,8-Tonnen-Bombe, die nur eine dünne Metallwand besaß, wodurch sich die Wirkung des Luftdrucks bei der Explosion erhöhte. Generell gilt: je größer die Bombe, desto höher die Sprengkraft. Zwischen den amerikanischen und britischen Sprengbomben gab es technische Unterschiede, aber diese bestanden eher in Nuancen. Für die Entschärfer sind diese Unterschiede besonders im Bereich der Zünder natürlich bedeutsam. Auf deutscher Seite gab es ebenfalls Sprengbomben in vergleichbaren Größenkategorien. 

          Gibt es Vergleichszahlen darüber, wie viele Bomben die Deutsche Luftwaffe abgeworfen hat? 

          Eine verlässliche Gesamtzahl gibt es meines Wissens nach nicht. Insgesamt muss man davon ausgehen, dass die deutsche Luftwaffe hunderttausende Tonnen abgeworfen hat. Die Westalliierten haben zudem über Europa (ohne Deutschland) nochmal 1,3 bis 1,4 Millionen Tonnen Bomben abgeworfen. 

          Wie sieht es mit alten Minen in Deutschland aus? Gibt es noch Reste aus dem Zweiten Weltkrieg? 

          Sehr wahrscheinlich ja. Wie viele das sind ist aber völlig unbekannt.

          ***

          Die Fragen stellte Kais Harrabi

          Das Format „Wissenschaft vs. Tatort“ löst die Reihe „Tatort-Sicherung“ ab.

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