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FAZ.NET-Tatortsicherung : So leicht verschwinden Beweismittel?

  • -Aktualisiert am

Wehrlos sind Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) auch im Wiener Jubiläums-“Tatort“ nicht. Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Im neuen „Tatort“ geht es um einen Mord und Täter in den Reihen der Polizei. Stutzig macht dabei, wie schlecht kontrolliert der Dienstablauf und die Ausbildung bei der Wiener Polizei sein sollen.

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          • Der Direktor einer Polizeiakademie in Wien wird erschossen aufgefunden. Ein Stockwerk darüber findet die Polizei seine ermordete Ehefrau. Die Ermittler schließen zuerst auf Selbstmord, aber dann führt die Spur nicht nur zu den Kleinganoven „Bonnie und Clyde“, sondern auch an die Polizeischule.

          In ihrem 40. Fall ermitteln Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) getrennt voneinander. Während Eisner die Ermittlungen offen führt, wird Fellner als verdeckte Ermittlerin in der Rolle als neue Schulleiterin der Polizeiakademie eingesetzt. Doch das stellt sich dank des frauenfeindlichen Gruppeninspektors Nowak (Simon Hatzl) als nicht so einfach heraus, und die Atmosphäre an der Schule ist alles andere als konstruktiv.

          Dass der Mörder jemand aus den eigenen Reihen sein muss, ist dem Team im neuen „Tatort“ schnell klar. Wir allerdings haben uns gefragt, wie wahrscheinlich die gezeigten Lücken sind - und haben echte Polizisten ihre Kenntnis der Vorschriften unter Beweis stellen lassen.

          ***

          Frage 1: Der Direktor der Polizeischule nimmt seine Dienstwaffe mit nach Hause und erschießt sich offenbar nach dem Streit mit seiner Ehefrau, und eine Ermittlerin entwendet die Dienstwaffe eines verdächtigten Ausbilders aus dem Waffenschrank in der Polizeischule. Im „Tatort“ ist das möglich, aber ist es auch realistisch?

          Ausbilder Thomas Nowak (Simon Hatzl) bei privaten Schießübungen an der Polizeischule.

          Antwort von Inspektor Harald Sörös (Pressesprecher der Polizei Wien):

          Die Waffen mitzunehmen ist grundsätzlich untersagt. Die Waffe muss laut Dienstvorschrift außerhalb der Dienstzeit im persönlich zugewiesenen Waffensafe in der Dienststelle des Beamten verwahrt werden. Die Dienstwaffen, sowohl der Polizeischullehrer als auch der Auszubildenden, sind in persönlich zugewiesenen Waffenschränken verwahrt und während der Verwahrung entladen und gesichert oder im Dienstholster verwahrt. Die Waffensafes müssen stets versperrt werden. Den Schlüssel verwahrt der jeweilige Beamte. In Ausnahmefällen besteht die Möglichkeit, dass die Schulleitung im Beisein eines Einsatztrainers (4-Augen-Prinzip) einen Waffenschrank öffnet. Dies geschieht in der Regel aber nicht.

          Die Polizeischullehrer tragen während der Lehreinheiten auch keine Waffen. Die geladene Dienstwaffe wird von den Polizeischullehrern ausschließlich während der Ausübung des Journaldienstes (Torpostendienst in der Polizeikaserne) geführt.

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          Oberstleutnant Moritz Eisner: „Auf der Liste der Gegenstände, die die Daniela Maurer gestohlen hat, da ist ein Laptop angeführt, aber in der Asservatenkammer haben sie keine Ahnung davon.“ (Minute 64)

          Frage 2: Ein Kollege des Ermittlers Eisner lässt ein wichtiges Beweisstück während der Ermittlungen verschwinden. Ist das so einfach möglich?

          Ernst Rauter (Hubert Kramar) überreicht Stefan Pohl (Alexander Strobele) beim seinem Abschied vom Polizeidienst ein Abzeichen.

          Antwort von Harald Sörös:

          Bei allen polizeilichen Vorgängen besteht stets das Vieraugenprinzip. Auch am Tatort selbst ist nie ein Exekutivbediensteter alleine tätig, sondern eine Tatortgruppe, die aus mehreren Beamten besteht. Alle Beweisstücke werden bei ihrer Sicherstellung fotografisch und mittels unveränderbarer Fakten (Seriennummer, Größe, Klingenlänge bei Stichwaffen usw.) erfasst und mit einer Depositenzahl, welche in einer Legende vermerkt ist, versehen. Das Fehlen eines Beweisstückes würde somit mit Sicherheit sofort bemerkt werden.

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          Majorin Bibi Fellner: „Schaut aus, als wären des irgendwelche grausligen Initiationsriten oder sowas.“(Minute 70)

          Frage 3: Die Partner Moritz Eisner und Bibi Fellner decken im Laufe der Handlung eine Reihe von Autoritätsmissbräuchen an der Polizeischule auf. Gab es solche Fälle in der Vergangenheit an Bildungsstätten für die polizeiliche Exekutive tatsächlich und welche Strukturen können Fehlentwicklungen wie diese verhindern?

          Gruppeninspektor Thomas Nowak (Simon Hatzl) missbraucht seine Stellung, um der Auszubildenden Katja Humbolt (Julia Richter) seinen Willen aufzuzwingen.

          Antwort Harald Sörös:

          Derartige Vorfälle sind nicht bekannt. Bei den Handlungen aus dem Film gibt es keinerlei Konnex zur Ausbildung in den Bildungszentren der Sicherheitsakademie. Da die Ausbildung in der Polizeischule stets in Form von Klassen- oder Gruppenunterricht stattfindet, sind solche Vorfälle auch nicht denkbar.

          ***

          Oberst Ernst Rauter: „Wir überlegen derzeit die österreichische Exekutive mit spezieller Munition auszustatten. Besser gesagt mit genau eben dieser. Wir befinden uns noch in einer Testphase. Ein Zivilist kommt unmöglich an diese Patronen heran.“ (Minute 20)

          Frage 4: Hier wird von einer Spezialmunition nur für die österreichische Exekutive gesprochen. Existiert so etwas wirklich?

          Pathologin Susi Freund (Michou Friesz) erklärt Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ihre Zweifel an der Selbstmord-Theorie ihres Kollegen.

          Antwort von Karl-Heinz Grundböck (Sprecher des Bundesministerium für Inneres, Österreich):

          Die österreichische Exekutive verwendet Munition, die so auch im allgemeinen Handel erhältlich ist. Die Rede ist also von ganz gewöhnliche Patronen. Es gibt keine Spezialmunition, die eigens für die österreichische Exekutive entwickelt wurde. Und es gibt auch keine diesbezüglichen Planungen des Bundesministeriums für Inneres.

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