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Schwarzwald-„Tatort“ : Hört ihr die Stimmen nicht?

  • -Aktualisiert am

Zur falschen Zeit, am richtigen Ort: Im Hörsaal erregt Jurastudent Damian (Thomas Prenn) Aufsehen, als er zu einer Prüfung antritt, die gar nicht stattfindet. Bild: SWR

Zu Weihnachten 2018 lief der „Tatort: Damian“ zum ersten Mal. Er handelt von seelischer Überforderung und einem jungen Mann, der mit einem schizophrenen Schub kämpft. Unsere Rezensentin weiß, ob sich die Wiederholung lohnt.

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          Arbeitsverdichtung, Überforderung, schlechte Laune, Minutenschlaf in den Pausen, die die Ermittlungen strukturieren wie die Akte ein Theaterstück. Wie überall, so wird auch bei der Freiburger Polizei am Personal gespart in diesem abgründigen SWR-„Tatort“ mit unerwarteter Wendung. Für die Beamtin der Polizeilichen Beratungsstelle, die bürokratische Meike Richter (Nora Waldstätten), soll eine Alternativinszenierung des Polizeialltags gegeben werden, das wünscht die Vorgesetzte Cornelia Harms (Steffi Kühnert).

          Es sei ohnehin alles nur eine Sache der Wahrnehmung. Wir haben alles entschlossen im Griff, das gelte es zu vermitteln. Bloß kein Gedanke an Burnout. Dabei halten nur Koffeinbonbons und rauhe Kaffeemengen Franziska Tobler (Eva Löbau) und Ersatz-Kommissar Luka Weber (Carlo Ljubek für den erkrankten Hans-Jochen Wagner) auf den Beinen, als sie mit immer deutlicher zerfließender Physiognomie über einen längeren Zeitraum im Doppelmordfall eines Tennislehrers und seiner minderjährigen Schülerin ermitteln. Die Opfer wurden im Wald beim Sex erschossen. In der Nähe fand sich ein gestohlenes Auto, dessen Besitzer Heinrich Adam (André Jung) mit seiner kuchenbackenden Frau in einem Haus lebt, das wenig Rückschlüsse auf die Personen zulässt. Das pensionierte Paar hat Zeit und nur den einen Zeitvertreib: aufräumen. Samstags ist immer Gartentag.

          Er hat ein eher spezielles Verhältnis zu Regeln

          In der Nähe des Tatorts wurde ein junger Mann aufgegriffen, der in Boxershorts nachts durch das Unterholz hetzte. Ein nervöser Mann ohne Zeit und Zeitgefühl. Ohne Struktur. Damian Rombach (Thomas Prenn) steht offenbar unter großem Druck. Sein Lernpensum ist kurz vor der Jurazwischenprüfung enorm, seine Versagensangst noch größer. Sein Schreibtisch ein einziges unkreatives Chaos, genau wie der von Tobler. Mit dem Doppelmord scheint er nichts zu tun zu haben. Peter Trelkovsky (Johann von Bülow) dagegen, ein verurteilter Exhibitionist, dessen Fingerabdrücke im Auto gefunden wurden, bleibt verdächtig.

          In der Zwischenzeit entdeckt Weber zufällig Parallelen zu einem mehr als drei Jahrzehnte zurückliegenden Mord an einem jungen Mädchen. Es sieht dem neuen Opfer verblüffend ähnlich. Eine weitere Leiche wird in einer ausgebrannten Waldhütte gefunden. Verkohlt bis zur Unkenntlichkeit. Wohl nur eine Frage der Zeit, bis man sie identifiziert haben wird.

          Zeit, Ordnung und Zufall – innerhalb dieser Trias bewegt sich diese „Tatort“-Folge von Stefan Schaller (Regie und Buch) und Lars Hubrich (Buch) als komplexe wahrnehmungspsychologische Bewegtbildbetrachtung (Kamera Andreas Schäfauer). Auf der vordergründigen Erzählebene handelt „Damian“ von einem Doppelmord und einem ungeklärten Todesfall, von der ermüdenden Mühsal der Ermittlungsroutinen und von einem jungen Studenten mit Versagensangst, der im Studentenverbindungshaus einer Landsmannschaft als „Fuchs“ wohnt und dabei ein eher spezielles Verhältnis zu Regeln hat.

          Die Zeit arbeitet gegen ihn

          Unter der Handlungsoberfläche ist dieser „Tatort“ aber viel mehr noch eine Studie zum Weg in den Wahn. Damian, den Thomas Prenn in seiner Debüthauptrolle auf faszinierende Art auf der schiefen Wahrnehmungsebene plaziert, schläft in der Unibibliothek ein und kommt zu spät zur Wiederholungsklausur – etwa drei Wochen nach Termin. Stimmen bedrängen ihn. Erst ist es ein Wispern, dann werden sie immer lauter, befehlen ihm Taten, verhöhnen ihn, durcheinander, übereinander, miteinander sprechend.

          Seine Freundin Mia Korf (Lena Klenke), etwas seltsam ahnungslos, versucht, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Tatsache aber ist für Damian ein schizophrener Schub, ähnlich der psychotischen Phase, die er schon zwei Jahre zuvor vor seinen unverständigen Eltern verborgen hat. Die Zeit arbeitet gegen ihn. Soviel er auch lernt, der Berg des Nichtwissens wird, wie ein davoneilender Scheinriese, immer größer.

          Die Auswertungen der Ermittlungen ziehen sich hin, Rekonstruktionen sind mit Sondermitteln zu beantragen, auf den Schreibtischen vermischen sich Aktenstapel mit Beweismittelbeuteln. Die Müdigkeit fordert Tribut. Zeit zerdehnt sich, Zeit wird vergeudet, läuft davon, fehlt und wird durch Zufälle geschenkt.

          Ein paar der überflüssigen auflockernd gemeinten Momente im Kommissariat hätte man sich getrost sparen können: Waldstätten als Bild der Übereifrigkeit am Rand der Karikatur; von Bülow in übermäßig zahlreichen Dessousposenfotos als Kandidat für einen Seltsamkeitspreis. Der erschreckenden Wucht dieser „Tatort“-Folge mit ihren großartigen Darstellern können sie jedoch nichts anhaben. Überforderungen, Zeitnot und Charakterverschiebungen spielen Löbau, Ljubek und Prenn einprägsam, Thomas Prenn aber gehört, auch abseits vom dargestellten psychopathologischen Beifang, die ganz große Bühne.

          Der Tatort: Damian läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten in der Wiederholung.

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