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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie schnappt man einen Serienmörder?

Viele Tote und mindestens genauso viele Fragezeichen: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) im Morgengrauen Bild: Radio Bremen

Im neuen Bremer „Tatort“ ergötzt sich ein brutaler Serienkiller am Anblick seiner totgefahrenen Opfer. Was hat es mit seinem mörderischen Vehikel auf sich? Und ist das ein Fall fürs BKA? Wir haben nachgefragt.

          4 Min.

          Ihr Ende als Bremer „Tatort“-Duo naht, doch dieser Fall wirkt nicht so, als sollten es Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) bis dahin ruhiger angehen lassen. Sie haben es mit dem unauffälligen Lackierer Kristian Friedland (Moritz Führmann) zu tun, der einer mörderischen Obsession folgt: Zu später Stunde steigt er in sein Auto und fährt Menschen tot. Weil er das makabre Spiel mit einem sexuellen Fetisch verbindet, überfährt er seine Opfer gleich mehrfach. Dabei beobachtet er sie durch ein Plexiglas, das am Unterboden seines Fahrzeugs eingebaut ist.

          Niklas Záboji
          (niza), Wirtschaft

          Die Kripo ist sofort alarmiert, doch die Ermittlungen erweisen sich als zäh. Nicht nur das undurchsichtige Agieren von Friedlands Eltern sorgt für Rätselraten. Auch seine mörderische Lust, die mit jedem Toten immer größer zu werden scheint, setzt die Ermittler unter Druck. „Lautlos wie ein Hai“ pirscht sich Friedland dabei jedes Mal aufs Neue an seine Opfer heran. Um ungestört und unsichtbar agieren zu können, hat er sein Fahrzeug mit Schalldämpfer und Elektromotor umgerüstet. Zudem hat „der Täter versucht, ein Gemisch aus radarabweisenden Materialien in eine flüssige Form zu bringen, um sie als sogenannte Stealth-Farbe auf sein Auto zu sprühen“, wie es im Film heißt. Ging die Fantasie mit den Drehbuchautoren durch? Wir haben mit Experten gesprochen, auch über das Vorgehen von Polizei und BKA.

          ***

          Frage 1: Was genau hat es mit der Stealth-Technik auf sich?

          Auf nächtlicher Todesfahrt: Kristian Friedland (Moritz Führmann).
          Auf nächtlicher Todesfahrt: Kristian Friedland (Moritz Führmann). : Bild: Radio Bremen/Michael Ihle

          Antwort von Prof. Dr.-Ing. Kurosch Rezwan (Leiter des Fachbereichs Keramische Werkstoffe und Bauteile, Universität Bremen):

          Mit Stealth-Techniken oder Tarnkappentechniken sollen Objekte für gewisse Wellenlängen quasi unsichtbar gemacht werden. Dazu muss das jeweilige Objekt durch Form- oder Materialeigenschaften die Wellen möglichst absorbieren und/oder streuen. Diese Wellen können zum Beispiel im Radar- oder Schallwellenbereich liegen. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich sogar mit sichtbarem Licht im Rahmen von „Metamaterialien“. Bekannt sind solche Techniken vor allem aus militärischen Anwendungen.

          ***

          Frage 2: Kann der Versuch gelingen, die Materialien in flüssiger Form aufs Auto zu sprühen?

          Antwort von Prof. Dr.-Ing. Kurosch Rezwan:

          Ob Radarwellen absorbiert oder gestreut werden, hat tatsächlich unter anderem mit der Beschichtungsart und -dicke zu tun. Diese Beschichtungen werden zum Teil durch Sprühtechniken aufgebracht. Somit ist es grundsätzlich denkbar, dass zum Beispiel Suspensionen (feste Nanopartikel in einer Flüssigkeit dispergiert) direkt aus der Sprühflasche verwendet werden, um eine radarabsorbierende und/oder -streuende Beschichtung auf ein Auto aufzubringen. Diese müsste allerdings durch mehrere Sprühvorgänge ganz genau auf die zu umgehende Radarwellen abgestimmt sein und ist nicht so ohne weiteres zu bewerkstelligen. Hat man das Problem der Beschichtung gelöst, muss man auch den oben genannten Punkt der Objektform berücksichtigen. Die Formen von Autos sind normalerweise strömungs-, aber natürlich nicht radaroptimiert. Daher ist es stark zu bezweifeln, dass das Auto dann tatsächlich für die Radarwellen „unsichtbar“ bleibt.

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          Nach ersten Morden in den vergangenen Monaten hat der Täter schließlich „einen Lauf“, wie man bei der Kripo feststellt. Gleich mehrfach schlägt er binnen kürzester Zeit zu. Bei der Polizei laufen die Ermittlungen auf Hochtouren, Wohnung und Elternhaus des Verdächtigen werden durchsucht, am Ende sogar observiert – das halbe Polizeirevier ist involviert, könnte man meinen.

          Frage 3: Zu welchen besonderen Maßnahmen greift die Kripo in besonders schweren Fällen? Welche Dienststellen sind beteiligt?

          Kooperationsresistent, aber mit schwindenden Kräften: das Ehepaar Friedland (Angela Roy und Rainer Bock).
          Kooperationsresistent, aber mit schwindenden Kräften: das Ehepaar Friedland (Angela Roy und Rainer Bock). : Bild: Radio Bremen

          Antwort von Nils Matthiesen (Polizei Bremen):

          Die kriminalpolizeilichen Maßnahmen sind neben den polizeilichen Standards von Fall zu Fall verschieden. Es geht vor allem darum, eine nächste Tat zu verhindern. Bei Kapitaldelikten werden die Ermittlungen von der Mordkommission (MoKo) geführt. Zu ihr gehören Ermittler, die sich mit Branddelikten und Vermissten beschäftigen und die bei größeren Fällen mit herangezogen werden. Falls die Ermittlungen ins Leere laufen und es für die MoKo keine Ermittlungsansätze mehr gibt, können Kräfte aus allen Bereichen der Polizei Bremen tätig werden, etwa  Ermittler der operativen Fallanalyse (sogenannte „Profiler“). Es kann auch Unterstützung aus anderen Sachgebieten geben, zum Beispiel der Verkehrsdirektion. Das zeigt ein Fall vom Juni vergangenen Jahres, in dem ein Unfall als versuchtes Tötungsdelikt eingestuft wurde (POL-HB: Nr.: 0325). Aufgrund der Schwere der Tat und insbesondere wegen des äußerst grob verkehrswidrigen Verhaltens des Unfallverursachers haben hier Polizei und Staatsanwaltschaft Bremen Ermittlungen eingeleitet.

          Durch diese Einstufung des Deliktes hat dabei die Mordkommission in enger Zusammenarbeit mit dem Verkehrskommissariat die Ermittlungen übernommen. Parallel dazu ermittelt die Polizei weiter unter Hochdruck mit dem Ziel, schnellstmöglich den flüchtigen Unfallverursacher zu fassen und der Tat zu überführen. Der flüchtige Unfallwagen konnte bislang noch nicht aufgefunden werden.

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          Doch damit nicht genug. Wie schon in den vorherigen Ausgaben des Bremer „Tatort“, erhält die Kripo auch diesmal wieder Verstärkung in Person der forschen Linda Selb (Luise Wolfram) vom BKA. Sie mischt bei den Ermittlungen kräftig mit, beteiligt sich an den Durchsuchungen und knackt den Sicherheitsschlüssel eines Chatrooms, auf dem der Verdächtige Spuren hinterlassen hat.

          Frage 4: Ist das BKA im realen Ermittlungsalltag involviert, wenn es um die Suche nach Serienmördern geht?

          Immer dabei, obwohl sie strenggenommen bei den Bremer Kommissaren dauerhaft nichts zu suchen hat: Linda Selb vom BKA (Luise Wolfram)
          Immer dabei, obwohl sie strenggenommen bei den Bremer Kommissaren dauerhaft nichts zu suchen hat: Linda Selb vom BKA (Luise Wolfram) : Bild: Radio Bremen

          Antwort von Sandra Clemens (Bundeskriminalamt):

          Nein. Ermittlungen in Todesfällen – Mord, Totschlag, und so weiter – werden in der Zuständigkeit der Landespolizeibehörden geführt.

          Aber wann schaltet sich das BKA dann ein, wenn schon nicht bei derart schwerwiegenden Fällen?

          Antwort von Sandra Clemens:

          Das BKA schaltet sich in dem Sinne nicht ein, sondern wird von einer Landespolizeibehörde ersucht oder einer Staatsanwaltschaft beauftragt. Bei Tötungsdelikten ist dies praktisch nie der Fall. Möglich ist jedoch, dass Unterstützung durch das BKA von den Landespolizeibehörden angefordert wird. Beispiele sind bestimmte kriminaltechnische Untersuchungen oder bei Todesfällen die polizeiliche Fallanalyse. Die Ermittlungsführung bleibt jedoch auch dann bei der Landespolizeibehörde. Ansonsten nimmt das BKA polizeiliche Aufgaben auf dem Gebiet der Strafverfolgung wahr, wenn es um Fälle des international organisierten, ungesetzlichen Handels mit Waffen, Munition, Sprengstoffen, Betäubungsmitteln oder Arzneimitteln sowie der international organisierten Herstellung oder Verbreitung von Falschgeld geht, die eine Sachaufklärung im Ausland erfordert. Das schließt international organisierte Geldwäsche ein.

          Darüber hinaus wird das BKA tätig in Fällen von Straftaten, die sich gegen Leben oder Freiheit von Bundespräsident, Mitgliedern der Bundesregierung, des Bundestages und des Bundesverfassungsgerichts oder Gästen der Verfassungsorgane des Bundes aus anderen Staaten oder Leitern und Mitgliedern der bei der Bundesrepublik Deutschland beglaubigten diplomatischen Vertretungen richten – wenn anzunehmen ist, dass der Täter aus politischen Motiven gehandelt hat und die Tat bundes- oder außenpolitische Belange berührt.

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          Frage 5: Ist das BKA denn mit Befugnissen ausgestattet, welche die Kripo nicht besitzt?

          Antwort von Sandra Clemens:

          Grundsätzlich nicht. Innerhalb von Ermittlungsverfahren richten sich die polizeilichen Maßnahmen in der Regel nach der Strafprozessordnung, die gleichermaßen für alle Bundes- und Landespolizeien gilt.

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