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„Tatort“ aus Köln : Wenn der Hass sich Bahn bricht

  • -Aktualisiert am

Eskalation bei der Straßenkontrolle: Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) eilt der Polizeibeamtin Janine Meier (Caroline Hanke) zur Hilfe. Bild: WDR

Im Kölner „Tatort“ werden die Problemkomplexe Hass auf die Polizei, auf Schwule und Frauen durchdekliniert. Leider konnte das erzählerisch kaum plumper geraten.

          Konzinnität sollte zu einer zentralen Kategorie der Fernsehkritik werden, selbst in der Null-bis-fünf-Daumen-Variante. In der klassischen Rhetorik Ciceros bezeichnet der Terminus die syntaktische Eleganz und das rhythmische Ebenmaß über die rein grammatische Korrektheit hinaus. Also das Wohlgeformte. Quintilian, der große Cicero-Adept und Vorkämpfer für das natürliche Sprechen, lehnte etwa die „oberflächliche“ Rhetorik des Sophisten Gorgias als „frostiges und hohles Haschen nach Antithesen und Symmetrien“ ab, eben weil die konzinne Anordnung von Worten, Klängen und Gedanken fehle. Gorgias aber war damit noch lange nicht ausgebremst.

          Der neue Kölner „Tatort“ eröffnet mit einem Blick auf ein Fenster, hinter dem wir drei betrunken grölende Personen zu wummernder Musik tanztorkeln und auf etwas (wir wissen bald: jemanden) eintreten sehen. Dann folgt eine Art Gegenschuss, der auf Maximalkontrast abstellt: Im dunklen Garten vor dem Haus liegt eine offenbar niedergeschlagene Polizistin (Anna Brüggemann); dabei bohrt sich ein bedrohlicher Sound in die nun gedämpfte Musik. Um ganz sicherzugehen, dass der Gegensatz von orgiastisch-gewalttätiger Fröhlichkeit und misshandelter Staatsgewalt verstanden wurde, wird erneut das Fenster eingeblendet, dann wieder die Polizistin, und noch einmal Fenster, Polizistin, Fenster, Polizistin, Fenster, Polizistin. Dieses hohle Haschen nach der Antithese wäre kaum weiter erwähnenswert, wenn es nicht symptomatisch wäre für den gesamten Film, und das auf allen drei Ebenen von Buch (Rainer Butt, Christine Hartmann), Regie (Christine Hartmann) und darstellerischer (Anti-)Raffinesse. Über weite Strecken besitzt diese Blutrausch-Episode trotz oder sogar wegen ihres um Relevanz buhlenden Themas die Eleganz eines Bauerntheaters.

          Brutales Ende einer Dienstfahrt wegen Ruhestörung

          Totgeprügelt wurde auf der ziemlich unglaubwürdigen Party ein Kollege der Polizistin: brutales Ende einer Dienstfahrt wegen Ruhestörung. Das Opfer ist, wie Kommentare in Online-Foren schnell zeigen, „einem notorischen Polizistenhasser in die Arme gelaufen“. Als tags darauf am selben Ort auch der Hauptverdächtige (Hauke Diekamp) tot vorgefunden wird, lautet die wie sämtliche Dialoge auf Wohlklang pfeifende Arbeitshypothese von Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär): „Die haben ’n Bullen plattgemacht. Aber nach dem Kick kommt der Kater. Die stecken tief in der Scheiße, müssen abhauen, brauchen Geld, Drogen. Die warten, bis die Luft rein ist, um den Stoff zu holen – und es gibt Stress.“ „Polizistenmörder erschossen. War es Rache?“, fragt die Boulevardpresse knackig, und auch Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) will Selbstjustiz aus Polizeikreisen nicht a priori ausschließen.

          Also wird in zwei Richtungen ermittelt, gegen die übrigen Teilnehmer der Party und gegen die eigene „Firma“, aber das in all der Bräsigkeit, die man von diesem Asterix-und-Obelix-Pärchen gewohnt ist: Erklärdauerdienst mit Kaffeetasse in der Hand. Mit welch erzählerischer Plumpheit die Problemkomplexe Hass auf die Polizei, auf Schwule oder Frauen innerhalb der Polizei-Familie gorgianisch durchbuchstabiert werden, ist selbst für „Tatort“-Maßstäbe ruinös. Der wackere Götz Schubert als straffer Dienststellenleiter Schäfer kann da leider auch nichts ausrichten. Noch aufgesetzter als verdächtig „Hören Sie“ sagende Verdächtige oder die beim Feierabendbier laienhaft gegen die Verhältnisse (und Ausländer und Schwule) stänkernden Beamten wirkt der als querulantischer Charakter auch nach einem Jahr noch nicht interessanter gewordene Assistent Jütte (Roland Riebeling), der problematisch parteiische Kollegensolidarität ausstellen muss („Es trifft nicht immer die Falschen“) und eine offenbar komisch gemeinte Nebenhandlung (Personalratskandidatur) vorzugaukeln hat.

          Das glücklose Drehbuch und die Routine-Regie verheddern sich beim Versuch, eine überraschende Aufklärung zu bieten, zu allem Überfluss schließlich in hanebüchene Wer-wann-wo-Zufälle, Detailunstimmigkeiten (alles rund um ein Video von der Tat; ein physisch kaum möglicher Bauchschuss) und psychologische Phantastereien (Schuldzuweisungen sind nicht nachvollziehbar; Mordmotive wirken künstlich). Trotzdem will der Film mit dem immerhin passenden Titel „Kaputt“ und der noch passenderen Abschlussfrage „Wozu?“ auf das ganz große Tragik-Finale hinaus. Um es mit Quintilian zu sagen: null Konzinnität, null Daumen.

          Tatort: Kaputt, Pfingstmontag, 20.15 Uhr, ARD

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