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„Tatort“ aus Wien : Zur Hölle mit Rambazamba

  • -Aktualisiert am

Suchen das Wiener „Tor zu Hölle“: Kommissarin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Kollege Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) Bild: dpa

Weiche, Satan, dem „Tatort“-Statut: Unsere sonntägliche Blutmesse kommt diesmal aus Wien. Thomas Roth hat eine gruselig meschugge Episode gedreht.

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          In einem einzigen Punkt hat Thomas Roth, Erfinder einiger solide recherchierter „Tatort“-Episoden in leicht fader Old-School-Manier sowie des Falco-Dramas „Verdammt, wie leben noch!“, seinem Dämon widerstanden: Kein „Spinning“ bis zuletzt, kein wirbelknackendes Kopfdrehen um 360 Grad, wie es die besessene Regan in „Der Exorzist“ (1973) vorgemacht hat.

          Ansonsten muss in diesem Exorzisten-„Tatort“, der mehr Persiflage als Horrorfilm ist (und Krimi allenfalls in Form von Leichenfledderei), auf keine noch so abgehangene Gruselpointe verzichtet werden. Es beginnt schon ultraklassisch: Ein zitterndes Mädchen tappt im Dunkeln durch ein vom Bösen durchgeschütteltes Haus auf eine Tür zu. Licht dringt aus dem Türspalt, dahinter findet eine Beschwörung statt. Dann der gellende Schrei. Wie sich die gleich mehrfach enthaltene Szene erklärt, soll überraschen, wirkt aber vor allem täppisch.

          Ebenso unbekümmert ist Roth (Buch und Regie, also Alleinherrscher) im Hinblick auf naheliegende, stets ungelenk einmontierte Sentenzen. Von „Teufels Küche“-Scherzen über ausgeleierte Mephisto-Zitate bis zur Begrüßung der Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) mit „Wenn man vom Teufel spricht“ ist alles dabei, was erwartet werden darf von einer mit Ausnahme des diabolisch verstrahlten Ex-Zuhälters Dambusch (Roland Düringer) äußerst müde heruntergespielten Horrorgaudi ohne jeden Esprit. Die modrigen Dialoge dieser womöglich um einen Monat verfrühten Halloween-Folge wirken selbst für „Tatort“-Verhältnisse schaurig einfallslos. Wie oft gleich zu Beginn „Hey, hey, stehenbleiben“ hinter einer davonlaufenden vermummten Gestalt hergerufen werden kann, ist nur ein erster Tritt mit dem Pferdefuß.

          Das Tor zur Unterwelt ist irgendwo in Wien

          Recherchiert hat Roth auch diesmal, also wenigstens so, wie es Bibi im Film tut: „Steht im Internet.“ Und da liest man in einschlägigen Foren so manchen Schmarrn über ein „Tor zur Hölle“, das sich am ehemaligen Donauufer des 3. Bezirks oder doch auch anderswo in der Stadt befinden soll, meist verbunden mit Geschichten rund um eine ehemalige Richtstätte. Zudem ist da Wiens blutiger Mythos. Schließlich hat nicht nur Ingeborg Bachmann an der morbiden „Schweigestadt“ mit ihren Grüften, Arme-Sünder-Gassen und einem ausgeprägten Totenkult die dunkle Seite hervorgehoben. Roth kann mit Mythen nur offenbar wenig anfangen. Und auch der Versuch, sie skurril zu unterlaufen – „Sie essen Hundefutter?“ –, wirkt unbeholfen.

          Tot aufgefunden also wird ein Priester, der, schau an, einen Pentagramm-Anhänger umklammert hält. „Satanismus“, folgert Bibi messerscharf. Es stellt sich heraus, dass der Priester als Exorzist für die Kirche arbeitete. Zum engeren Kreis der Verdächtigen zählen deshalb des Priesters belämmert dreinblickender Assistent (Lukas Watzl), eine jüngst erfolglos behandelte Besessene (Maresi Riegner) – vulgäre Flüche in Dämonenstimme brechen aus ihr hervor, und die Ermittler haben die undankbare Aufgabe, ängstlich zu wirken –, ein zu den Exorzismen hinzugezogener Laber-Psychologe mit dem albernen Namen „Doktor Sittsam“ (Sven Eric Bechtolf) – Riesengag: Kubrick-Kenner Eisner nennt ihn „Doktor Seltsam“ –, eine Vorlesungen über die Winkelzüge des Antichristen haltende Theologie-Doktorandin (Angela Gregovic) und der erwähnte, vor Jahren selbst dämonenbereinigte Zuhälter. Düringer, einer der inter­essanteren, nicht unumstrittenen Kabarettisten Österreichs, spielt den weihrauchbedröhnten Verschwörungstheoretiker freilich so schön vollblütig, wie das hier sonst bitter fehlt. Trotzdem bleibt auf vermaledeite Weise unklar, was er mit der Chose zu tun haben soll. Auf ihn kam man schließlich nur, weil Bibi sich eines „alten Bekannten“ erinnerte: „eine wahre Größe auf dem Gebiet des Okkultismus“: narrativ eine Kapitulation.

          Trailer : „Tatort: Das Tor zur Hölle“

          Hübsch anzusehen sind neben den Effekten immerhin die Drohnenaufnahmen, eine ästhetische Stimme von oben sozusagen. Natürlich muss dann auf Ermittlerseite noch ein privater Bezug zum Paranormalen bestehen, wie es von den geheimen „Tatort“-Statuten vorgesehen sein dürfte. Die Misere – auch des Films – bringt Eisner auf den Punkt: „Den Teufel werden wir leider nur sehr schwer wegen Mordes verhaften können.“ Und trotzdem, siehe Statuten, muss natürlich verhaftet werden. Warum eigentlich nicht den Teufel? Als Genreexperiment ist „Das Tor zur Hölle“ vor allem deshalb so missglückt, weil der Film sich trotz wahllos eingestreuter Gruseleffekte nicht traut, die Konventionen erzählerisch und ästhetisch lustvoll zu überschreiten. Unentschieden hängt er zwischen Horrorfarce und Krimiparodie, ist über weite Strecken einfach uninspiriertester Ermittlungshorror: „Ihr Telefon war in der Tatnacht tatsächlich an ihrer Wohnadresse eingeloggt.“ „Sie kann es ja ganz bewusst dort gelassen haben.“ „Stimmt.“

          Sonst aber stimmt wenig, auch die effekthascherische Auflösung nicht. Immerhin versinkt die dahinwankende Handlung mit Radau in der Gruft. Wer es sich stattdessen mit einer Dose Hundefutter gemütlich macht, kommt nicht unbedingt schlechter weg.

          Der Tatort: Das Tor zur Hölle läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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