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„Polizeiruf“ aus Brandenburg : Herr Nachbar ist auf die Anarchie bestens vorbereitet

Kommen sich näher: Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel) und Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon). Bild: rbb/Christoph Assmann

Der „Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis“ zeigt: Das dunkelste Dunkeldeutschland liegt in Brandenburg. Da muss man auf das Schlimmste gefasst sein.

          Zu sensibel für diese verrückte Welt – wenn eine Kommissarin mit derart einfühlsamen Erklärungen für das Tun einer gescheiterten Kindsmörderin daherkommt und dabei wie ausgesetzt auf einem brandenburgischen Acker steht, mitten im grauesten deutschen Herbst, dann muss man sich wohl Sorgen machen. Und tatsächlich: Die Kriminalpolizistin Olga Lenski hat sich verloren. Zu sensibel für diese Welt, das ist vor allem sie selbst, seit Einbrecher ihr die Sicherheit geraubt haben, sich und ihr Kind schützen zu können vor den Gefahren, die draußen lauern.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Diebe kamen durch die Wohnungstür, haben ein bisschen was geklaut, alles durchwühlt und mit Olga Lenskis Handy gefilmt, wie Mutter und Tochter schliefen, während all das geschah. Nichts Wertvolles ist abhandengekommen, nicht einmal der Seelenfrieden der Tochter, was eine der größten Unglaubwürdigkeiten in diesem Fall ist, der an Unglaubwürdigkeiten und psychologischen Seltsamkeiten nicht spart. Der Einbruch ist nur dazu da, der Hauptfigur den Boden unter den Füßen wegzuziehen, damit Maria Simon in der Rolle der Olga Lenski umso einfühlsamer eine zitternde Frau auf wankendem Grund spielen kann.

          Ohne die einleitende Erschütterung wäre auch gar nicht nachvollziehbar, warum die Kommissarin ihre Tochter für ein paar Tage zur Oma gibt, sich auf einem Selbstversorger-Hof im deutsch-polnischen Niemandsland verkriecht und dort dem Charisma eines weltabgewandten Sonderlings verfällt, der ihr beim Fischen mit bloßen Händen etwas von Geburten im Wald erzählt. Jürgen Vogel verkörpert diesen Lennard Kohlmorgen – Michael Kohlhaas lässt grüßen, schließlich befindet man sich im „Polizeiruf 110“ aus der „Kleist-Stadt“ Frankfurt an der Oder.

          Kohlmorgen, ein gleichermaßen heller wie irrlichternder Typ, lebt schon in der Abenddämmerung der Zivilisation, was der Regisseur Matthias Glasner mit dem Kameramann Florian Foest in eine bleischwere, grau-dunkle Szenografie übersetzt. Die Kommissarin ist bei einem sogenannten Prepper gelandet. Schon vor Jahren hat der Arzt und ehemalige Entwicklungshelfer sich mit Frau und Kindern in die Einöde zurückgezogen, den Sohn und die Tochter dem Zugriff des Schulamts entwunden und wartet in beinahe vollständiger Autarkie auf den Zusammenbruch des Systems. Neoliberalismus, Umweltzerstörung, Staatsgewalt, Unfreiheit: alles eins für Kohlmorgen, der vorbereitet ist auf die Anarchie, die mit der Selbstregierung der Massen nach dem Zusammenbruch einhergehen wird. Die Waffen im Schrank sind geladen, der Bunker unterm Haus mit Lebensmitteln, Kerzen und Medikamenten bestückt. Wäre es nicht schön gewesen, hätte die Polizistin einen ähnlich sicheren Rückzugsraum vor Einbrechern gehabt? Mit Olga Lenski und Lennard Kohlmorgen treffen sich zwei romantische, kapitalismuskritische Paranoiker im Ausnahmezustand.

          Die Sache ist nur: Kohlmorgens eigenes kleines System namens Familie hat es zerlegt. Seine Frau Valeska (Patrycia Ziolkowska) ist wegen eines anderen, der radikaler denkt als ihr Mann, auf und davon, den Kollaps aktiv herbeizuführen; Tochter Ulrike (Sofie Eifertinger) wendet sich gegen den Vater. Dann taucht eine Leiche im Wald auf, der Prepper ist verdächtig, Olga Lenskis Kollege vom deutsch-polnischen Kommissariat, Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), der zum Glück noch klar im Kopf ist, taucht auf, und plötzlich fällt im ganzen Land der Strom aus.

          Klingt alles ziemlich irre? Ist es auch. Einen ungeheueren Aufwand haben die Drehbuchautoren Matthias Glasner und Mario Salazar getrieben, um diesen Knoten zu schürzen, der sich zusammenzieht, als die anarchische Dorfjugend Kohlmorgens Hof stürmt. Dieses Brandenburg ist wirklich das dunkelste Dunkeldeutschland: Kaum gibt es kein Licht mehr, ist der Staat ausgeknipst, und der einzige Polizist im Land ist augenscheinlich der tapfere Raczek. Auf Olga Lenski kann keiner mehr zählen. Der nationale Katastrophenfall lässt sie nicht einmal zum so schnell nun auch wieder nicht entladenen Handy greifen und nach dem Töchterchen fragen.

          Man muss solche Inkonsistenzen schon hinnehmen, will man an der „Polizeiruf“- Episode „Demokratie stirbt in Finsternis“ Gefallen finden und ausgedacht wirkende Gestalten wie den Hacker Ulysses (noch so eine literarische Anspielung) gedanklich am besten ausblenden. Dann bleibt ein Drama, das vom Können seiner Hauptdarsteller lebt. Es erzählt von Leuten, die den Glauben an die menschengemachte Ordnung verloren, aber keine Alternativen anzubieten haben außer Rückzug oder Aggression. Verrückte Depressive, urteilt Raczek kühl. Olga Lenski widerspricht: sensible. Vielleicht haben beide recht.

          Der Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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