https://www.faz.net/-gsb-8h8y3

FAZ.NET-Tatortsicherung : Schnellkurs Anatomie

  • -Aktualisiert am

Magdalena Mittlich (Sybille Canonica) ist eine Meisterin ihres Fachs. Dass der Schädel nicht in ihr Anatomisches Institut gehört, kann sie Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid), Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) zweifelsfrei beweisen. Bild: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH

Ohne Medizinstudium war es nicht ganz leicht, den neuen „Tatort“ zu verstehen. Wir haben uns den Franken-Fall von einer Anatomie-Spezialistin erklären lassen.

          4 Min.

          Die Nürnberger Kommissare Ringelhahn, Voss und Goldwasser ermitteln diesmal am Main. Am Würzburger Institut für Anatomie entdeckt dessen Direktorin in der Sammlung von Skeletten einen Schädel, der nicht zu dem Körper gehört, dem er zugeordnet wurde. Wer dem „Tatort: Das Recht, sich zu sorgen“ von hier an halbwegs folgen will, muss fast schon ein Proseminar in Anatomie besucht haben.

          Denn Professor Magdalena Mittlich (Sibylle Canonica) wirft mit Fachbegriffen nur so um sich. Wie nah dran ist das an der Realität? Wir haben eine Expertin befragt, die es wissen muss. Gabriele Rune, Direktorin des Instituts für Neuroanatomie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, hat Drehbuchautorin Beate Langmaack für diesen Fall beraten.

          ***

          Frage 1: „Alle Körper sind eindeutig mit Tipps markiert. Damit nichts verloren geht“, erklärt die Anatomie-Professorin im Film - und zeigt dabei auf Zehen, Finger und Ohrläppchen. Ist es wirklich unmöglich, eine Leiche in der Anatomie verschwinden zu lassen?

          Antwort von Prof. Dr. Gabriele Rune (Direktorin des Instituts für Neuroanatomie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf):

          Ein Körperspender wird an mehreren Stellen mit einem individuellen Code gekennzeichnet. Bei uns wird zum Beispiel eine kleine Karte mit dem Code um den großen Zeh gebunden sowie Ohren und Finger markiert. Warum man das „Tipps“ nennt, weiß ich nicht, das ist wahrscheinlich beliebig. Der Code wird nicht nur im Register des Anatomischen Instituts vermerkt, der übrigens samt mehreren Backups wie ein Augapfel gehütet wird, sondern zum Beispiel auch im Bestattungsinstitut. Wenn also eine Körperspende bei uns auftauchen würde, die nicht zuzuordnen ist, würde das in der Tat auffallen, da sie ja entweder keinen Code hätte oder keinem zugeordnet werden könnte. Und man müsste schon einen erheblichen Aufwand betreiben, um Code und Register zu fälschen.

          ***

          Professor Mittlich: „Sehen Sie, der Schädel passt in der articulatio-atlanto occipitalis nicht zum Skelett. Außerdem sieht er im Vergleich zu den anderen Knochenpräparaten sehr frisch mazeriert aus, er kann also gar nicht so alt wie in diesen Papieren vermerkt sein.“ (Minute 53)

          Frage 2: Anhand der Knochenstruktur will die Anatomin sofort erkannt haben, dass Skelett und Schädel nicht zusammenpassen. Allerdings schließt sie das auch aus den unterschiedlichen Stadien der Präparation der beiden Teile. Tatsächlich untrügliche Indizien?

          Die Institutsleiterin der Würzburger Anatomie erkennt sofort, dass mit diesem Schädel etwas nicht stimmt.

          Antwort von Prof. Dr. Gabriele Rune (Direktorin des Instituts für Neuroanatomie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf):

          Die „articulatio-atlanto occipitalis“ ist eine gelenkige Verbindung der Wirbelsäule mit dem Kopf. In der Tat würde man daran sofort erkennen, dass ein Schädel nicht zum Rest des Skeletts passt. Allerdings schließe ich aus, dass auch anhand unterschiedlicher Stadien der Präparation der Knochen ein solcher Schluss möglich ist. Nach der Mazeration, nachdem also das Gewebe aufgelöst wurde, werden die verbliebenen Knochen meist gebleicht. Dadurch ist es nahezu unmöglich, sicher zu erkennen, ob die Präparation Wochen, Monate oder Jahre zurückliegt – zumindest wenn das Präparat nicht ständig in Gebrauch ist, beispielsweise von Studierenden zu Studienzwecken. Dann würde es Abnutzungen aufweisen, die eventuell auf ein gewisses Alter hindeuten könnten.

          Weitere Themen

          Das Virus ist viral

          Intellektuelle in der Pandemie : Das Virus ist viral

          Du kannst Google nur fragen, was du schon weißt: Ein Telefongespräch zwischen dem Dramaturgen Carl Hegemann (Berlin) und dem Kulturtheoretiker Boris Groys (New York) über die Infektion des Intellekts im Internet.

          Topmeldungen

          Fall Maddie McCann : An der Tür hängt kein Schild mehr

          Steckt der Deutsche Christian B. hinter dem Verschwinden von Madeleine McCann? Und hat er gar noch weitere Opfer? Eine Spurensuche an der Algarve, in England und in Deutschland.

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.