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FAZ.NET-Tatortsicherung : Tausende Rumäninnen in München?

  • -Aktualisiert am

Die Ermittlungen führen in den Münchner Nachtclub „3001“, in dem viele Prostituierte aus Rumänien beschäftigt sind. Bild: Roxy Film/Regina Recht

Ein eigentlich abgeschlossener Fall sorgt für mächtig Wirbel im Münchner„Tatort“. Hier werden Opfer zu Tätern und umgekehrt. Wie realistisch wird das Rotlichtmilieu dabei dargestellt?

          3 Min.

          Eine Leiche, ein Tatverdächtiger und ein Gericht, das den Angeklagten wegen eindeutiger Beweise für schuldig spricht: Für Kommissare sollte solch eine Sachlage eigentlich mehr als zufriedenstellend sein. Es sei denn, die Auflösung erscheint zu glatt. Dieses Gefühl plagt Kommissar Batic (Miroslav Nemec) und veranlasst ihn, die ganze Sache neu aufzurollen. Die wiederaufgenommenen Ermittlungen bestätigen seine Zweifel.

          Im neuen Münchner „Tatort“, einer Art Jubiläumsfolge, ermitteln die Kommissare Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl)  in der Münchner Prostituierten-Szene. Genauer: in der Szene der rumänischen Prostituierten. Sie ist im Fernsehen ungeahnt ausgeprägt, bis zu dreitausend Rumäninnen sollen jährlich am Münchner Hauptbahnhof ankommen. Aber stimmen diese Zahlen - und wie ist die Szene organisiert? Wir haben nachgefragt.

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          Frage 1: Angeblich kommen jährlich zwei- bis dreitausend Prostituierte aus Rumänien nach München, um dort für ein paar Wochen zu bleiben und Geld zu verdienen. Stimmt diese Zahl?

          Seit 25 Jahren Kopf an Kopf: Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl).
          Seit 25 Jahren Kopf an Kopf: Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). : Bild: Roxy Film/Regina Recht

          Antwort von Kriminalhauptkommissar Werner Kraus (Pressestelle des Münchner Polzieipräsidiums, früher Ermittler im Rotlichtmilieu):

          Die Zahl ist der Wahnsinn. Als Hintergrund: Neben den registrierten Prostituierten gibt es natürlich auch immer einen kleinen illegalen Bereich, aber dazu gehören in der Regel nicht sehr viele. Im Jahr 2015 gab es circa 2700 Prostituierte, die insgesamt hier in München gearbeitet haben, also mit allen möglichen Staatsangehörigkeiten. Der Anteil der Rumäninnen war mit 900 Prostituierten im Jahr 2015 am höchsten. An zweiter Stelle kommen die deutschen Prostituierten, 400 im letzten Jahr. Aus Ungarn kamen zur selben Zeit circa 370.

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          Frage 2: Das Prozedere bei neu ankommenden Prostituierten sei „das Übliche“, heißt es im Film: Mietvertrag, Bankanmeldung, Aidstest, Beratungsgespräch und die Meldung bei der Polizei. Stimmt das so?

          Er wollte sie beschützen und wurde selbst zum Täter: Benny (Max von der Groeben) mit der ängstlichen Rumänin Mia Petrescu (Mercedes Müller).
          Er wollte sie beschützen und wurde selbst zum Täter: Benny (Max von der Groeben) mit der ängstlichen Rumänin Mia Petrescu (Mercedes Müller). : Bild: Roxy Film/Regina Recht

          Antwort von Kriminalhauptkommissar Werner Kraus:

          Also zu einem Aidstest gibt es momentan keine Vorschriften, die gab es früher einmal. In München gibt es die Regelung, dass Prostituierte, die neu ankommen, zur „Sitte“ gehen, also zum Kommissariat 35, das für die Bekämpfung der Rotlichtkriminalität zuständig ist, um sich dort anzumelden. Das ist aber auch kein Muss, sondern lediglich eine Vereinfachung für die Betreiber von Bordellbetrieben. Wenn eine unregistrierte Dame in einem Club oder ähnlichem angetroffen wird, müssen ihre Personalien aufgenommen werden, es wird mit ihr gesprochen, dann muss eventuell ein Dolmetscher geholt werden, all das stört den Geschäftsablauf erheblich. Deswegen sind die Bordell-Betreiber selbst daran interessiert, dass ihre Damen selbst zur Personalienerhebung zur „Sitte“ gehen. Dort werden sie auch darüber aufgeklärt, was in München erlaubt ist, was der Sperrbezirk ist, dass man sich bei der Steuer anmelden muss und so weiter. All diese Hinweise gibt es auf der Dienststelle.

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          Frage 3: Harry (Robert Palfrader) ist im Münchner „Tatort“ ein Vermittler, der die Prostituierten nur an Kunden vermittelt, die Prostituierten hätten aber noch eigene Manager, heißt es. Entspricht das der Realität?

          Wegen ihrer kriminellen Geschäfte kommt es zu Streit und Schuldzuweisung: Roman Czernik (Till Wonka) und Harry Schneider (Robert Palfrader)
          Wegen ihrer kriminellen Geschäfte kommt es zu Streit und Schuldzuweisung: Roman Czernik (Till Wonka) und Harry Schneider (Robert Palfrader) : Bild: Roxy Film/Regina Recht

          Antwort von Kriminalhauptkommissar Werner Kraus:

          Der Begriff „Manager“ ist jetzt nicht unbedingt normal. Im Endeffekt sind das einfach die Zuhälter der jeweiligen Damen, das ist der Polizeijargon dazu. Wenn eine Dame der Prostitution nachgeht, und dahinter jemand steht, der das Geld einkassiert, dann ist das der Zuhälter und nichts anderes. „Manager“ wäre ein neusprachlicher Umgang, der das ganze ein bisschen beschönigt. Natürlich sprechen die Damen selbst nicht unbedingt von einem Zuhälter, sondern sie sprechen von einem Freund oder ihrem Mann, oder sagen eben gar nichts dazu. Diese Personen sitzen meistens in Rumänien und vermitteln die Damen nach Deutschland. Wenn die entsprechende Dame in einem Bordellbetrieb arbeitet, regelt diese Person auch die Kundenzuführung. Der Betreiber eines Etablissements stellt in der Regel nur die Räumlichkeiten zur Verfügung.

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          Frage 4: Die Putzfrau erstickt im Münchner „Tatort“ an einem Handkantenschlag gegen den Kehlkopf. Es heißt, so etwas könne durch unglückliche Umstände zum Tod führen. Stimmt das?

          Die Unruhe der besorgten Maria (Sophie Rogall) ist berechtigt.
          Die Unruhe der besorgten Maria (Sophie Rogall) ist berechtigt. : Bild: BR/ Roxy

          Antwort von Prof. Dr. Oliver Peschel (Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München):

          Schläge gegen den Kehlkopf können tödlich sein, allerdings nur selten im Sinne dessen, was üblicherweise als Ersticken bezeichnet wird. Hier können auch vaskuläre und reflektorische Mechanismen ebenso wie ein stumpfes Trauma mit Folgen einer Blutung oder eines Ödems (Schwellung) zum Tragen kommen.

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