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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie tief kann man fallen?

  • -Aktualisiert am

Bild: SWR/Alexander Kluge

Ein Zimmermädchen hat Sex mit einem Politiker, kurz darauf ist es tot: Der neue „Tatort“ mit Kopper und Odenthal orientiert sich am Fall Strauss-Kahn. Doch macht das die Handlung realistisch?

          6 Min.

          Das Zimmermädchen eines Luxushotels stürzt das Treppenhaus der Nobelherberge hinunter und ist tot. Schnell ist klar: Es war Mord. Die Kommissare Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) verdächtigen einen Spitzenpolitiker des Europaparlaments, mit dem die Tote kurz vor ihrem Sturz in einer Suite Geschlechtsverkehr hatte.

          Dieser beteuert seine Unschuld, der Sex sei einvernehmlich gewesen, sie hätte dafür Geld bekommen.Doch die Gerichtsmedizin findet blaue Flecken an den Oberschenkeln der Toten. Hat der Verdächtige Joseph Sattler (Peter Sattmann) gelogen und das Zimmermädchen missbraucht?

          Oder wollen seine Feinde nur den Eindruck einer Vergewaltigung erwecken, um ihm zu schaden, wie seine Ehefrau und Anwältin Valerie (Suzanne von Borsody) vermutet? Der 62. Fall des Ludwigshafener Ermittlerteams orientiert sich an den realen Geschehnissen, die dem Rücktritt von Dominique Strauss-Kahn als IWF-Präsident 2011 vorausgingen. Doch ist der Tatort „Roomservice“ deshalb auch besonders realistisch? Wir haben es überprüft.

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          Spurensicherer Becker sagt am Tatort zu Kommissarin Odenthal (Minute 8): „Entweder ist sie gesprungen oder gefallen. Schädelbasisbruch würde ich sagen.“-  „Kann mir das jemand mit einer medizinischen Ausbildung bestätigen?“ - „Naja, Dr. Özcan steht noch auf der A 61.“

          Frage 1: Nach dem Sturz blutet die Frau aus Nase und Ohren. Die Spurensicherung vermutet daraufhin einen Schädelbasisbruch als Todesursache. Korrekt?

          Das Zimmermädchen Jasmin Akhtar (Naima Fehrenbacher) ist tödlich gestürzt.
          Das Zimmermädchen Jasmin Akhtar (Naima Fehrenbacher) ist tödlich gestürzt. : Bild: SWR/Alexander Kluge

          Antwort von Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Mainz):

          Ein Schädelbasisbruch an sich muss nicht tödlich sein. In der Regel kommt es aber als Folge des Aufpralls nicht nur zu dieser knöchernen Verletzung, sondern auch zu Verletzungen des Gehirns und Blutungen in das Gehirn und den Schädelinnenraum, so dass  dieser Bruch durchaus als Zeichen solcher Verletzungen anzusehen ist, die den Tod nach Sturz aus großer Höhe begründen. Eines der äußeren Anzeichen eines Schädelbasisbruchs ist ein Blutaustritt aus der Nase oder dem Mund, wobei diese Befunde auch andere Ursachen haben können. Besser, jedoch möglicherweise nicht für die Vermittlung im Fernsehen geeignet, ist der Austritt von Blut mit klarer Flüssigkeit, weil es sich hierbei in der Regel um Hirnwasser (Liquor) handelt, so dass eine korrekte Diagnose deutlich wahrscheinlicher wird.

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          Frage 2: Kann die Kriminalpolizei oder die Gerichtsmedizin feststellen, ob ein Mensch gesprungen ist oder gestoßen wurde? Ist es beispielsweise üblich, eine Puppe mit Gewicht und Größe des Todesopfers anzufertigen und diese noch einmal stürzen zu lassen, wie es in „Roomservice“ gemacht wird?

          Mit einer Puppe testet Johanna Stern vom LKA akribisch, was die Fundstelle über den Fall des Zimmermädchens aussagt.
          Mit einer Puppe testet Johanna Stern vom LKA akribisch, was die Fundstelle über den Fall des Zimmermädchens aussagt. : Bild: SWR/Alexander Kluge

          Antwort von Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Mainz):

          Es ist nur schwer nachzuweisen, ob ein Mensch vor einem tödlichen Sturz absichtlich gestoßen wurde, da es nicht zwingend zu Blutungen oder anderen nachweisbaren Verletzungen kommen muss. Ein Sprung in suizidaler Absicht erfolgt allerdings in der Regel mit den Beinen voran, so dass primär Verletzungen der unteren Extremitäten und/oder des Beckens zu erwarten sind. Ein Mensch stirbt dann meist an Verletzungen der inneren Organe und insbesondere auch an Verletzungen der großen Gefäße, so dass es zu einem sehr raschen Blutverlust in den Körper hinein und damit zu einem sehr raschen Todeseintritt kommen kann. Daneben kann es auch zu Verletzungen der Wirbelsäule mit der Konsequenz eines sogenannten spinalen Schocks kommen, also einer Verletzung des Rückenmarks, die ebenfalls tödlich enden kann. Wird jemand gestoßen, zieht er sich in der Regel Verletzungen am Brustkorb, am Kopf oder im Bereich der oberen Extremitäten zu. Allerdings kann das auch passieren, wenn jemand aus Versehen stürzt. Das Nachstellen eines möglichen Tathergangs mit einem Dummy ist dann durchaus möglich, wobei man tatsächlich auf Größe und Gewicht der Puppe achten würde.  

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          Frage 3: Das tote Zimmermädchen hatte kurz vor seinem Tod Geschlechtsverkehr mit dem Politiker Josef Sattler. Kommissarin Odenthal geht davon aus, dass dieser nicht einvernehmlich war, da die Tote blaue Flecken an den Innenseiten ihrer Schenkel aufweist. Sie wirft Sattler Vergewaltigung vor und glaubt damit ein Tatmotiv gefunden zu haben. Sind blaue Flecken zweifelsfrei ein Beweis für einen Missbrauch?

          Antwort von Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban:

          Zweifelsfrei lässt sich nicht feststellen, ob ein Geschlechtsverkehr uneinvernehmlich war. Die Differenzierung gelingt nur indirekt über Begleitverletzungen, zu denen beispielsweise auch umschriebene, fingerkuppengroße Hämatome zählen, die an den Oberschenkelinnenseiten auftreten. Gibt eine Frau also an, vergewaltigt worden zu sein, sind sie als sehr deutliches Indiz dafür zu bewerten, dass die Angaben der Betroffenen, es sei zu einem nicht-einvernehmlichen Verkehr gekommen, zutreffen. Dazu muss aber wie gesagt auch eine Aussage über eine Gewaltanwendung vorliegen.

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          Frage 4: Die Ermittler profitieren davon, dass Hotelmanager de Dreusen (David C. Bunners) die Schlüsselkarten auslesen kann. Dadurch wissen sie minutengenau, wann mit der Karte eine Zimmertür geöffnet wurde. Und finden so heraus, dass Joseph Sattler sein Zimmer kurz nach dem mittlerweile toten Zimmermädchen verlassen hat. Doch darf ein Hotel wirklich solche Daten erheben und an die Polizei weitergeben?

          „Unsere Gäste genießen äußerste Diskretion“: Lena Odenthal und Johanna Stern befragen Hotelmanager de Dreusen (David C. Bunners), der dennoch mit Details zum Tatverdächtigen aufwarten kann.
          „Unsere Gäste genießen äußerste Diskretion“: Lena Odenthal und Johanna Stern befragen Hotelmanager de Dreusen (David C. Bunners), der dennoch mit Details zum Tatverdächtigen aufwarten kann. : Bild: SWR/Alexander Kluge

          Antwort von Oliver Tolmein (Rechtsanwalt und F.A.Z.-Autor):

          Verlangen darf die Polizei alles Mögliche. Nachkommen muss man dem in der Regel nicht. Schließlich sind wir nicht alle Hilfsermittler. Wenn Daten, die in der Regel auf Datenträgern gespeichert sind, nicht freiwillig herausgegeben werden, kann eine Beschlagnahme erfolgen. Die muss grundsätzlich durch das Gericht angeordnet werden. Nur bei Gefahr im Verzug darf auch die Staatsanwaltschaft eine entsprechende Anordnung erlassen oder, ausnahmsweise, auch ein Polizist als Ermittlungsperson. Eine solche Eilmaßnahme wird dann in der Regel vom Gericht nachträglich geprüft.

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          Frage 5: Valerie Sattler (Suzanne von Borsody) ist nicht nur die Ehefrau, sondern auch die Rechtsanwältin von EU-Kommissar Sattler. Darf ein Anwalt tatsächlich seinen Ehepartner vertreten?

          Loyal bis zur Selbstaufgabe: Valerie Sattler (Suzanne von Borsody) verteidigt ihren Mann bedingungslos - als Ehefrau, wie auch als seine Anwältin.
          Loyal bis zur Selbstaufgabe: Valerie Sattler (Suzanne von Borsody) verteidigt ihren Mann bedingungslos - als Ehefrau, wie auch als seine Anwältin. : Bild: SWR/Alexander Kluge

          Antwort von Oliver Tolmein (Rechtsanwalt und F.A.Z.-Autor):

          Wir haben den Grundsatz, dass man sich den Anwalt oder die Anwältin frei wählen kann, das gilt für Strafverteidiger in besonderem Maße und ist Ausdruck des Rechts auf ein faires Verfahren. Verboten ist seit Zeiten der RAF lediglich, mehr als drei Verteidiger zu haben. In gesetzlich eng geregelten Fällen, können Verteidiger ausgeschlossen werden, vor allem wenn sie verdächtig sind, an der Tat um die es geht, beteiligt zu sein oder diese begünstigt zu haben.

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          Frage 6: Der Tatverdächtige ist EU-Kommissar und genießt, so behauptet seine Ehefrau und Anwältin, Immunität. Deswegen dürfte er auch nur aufgrund staatsanwaltschaftlicher Anordnung befragt werden. Stimmt das?

          Antwort von Oliver Tolmein (Rechtsanwalt und F.A.Z.-Autor):

          Als EU-Kommissar genießt der Tatverdächtige keine parlamentarische Immunität, sondern lediglich eine Teil-Immunität nach Artikel 11 und 19 des Protokolls Nr. 7 über die Vorrechte und Befreiungen der Europäischen Union. Diese Immunität bezieht sich lediglich auf die von ihnen in amtlicher Eigenschaft vorgenommenen Handlungen. Nur wenn er Abgeordneter wäre, stünde ihm als deutschem Abgeordneten des Europäischen Parlaments die einem Bundestagsabgeordneten zuerkannte Immunität zu, die in Artikel 46 des Grundgesetzes geregelt ist. Die Einzelheiten sind komplizierter, als es einem Tatort-Drehbuch guttut. Eine gesetzliche Regelung, die vorsieht, dass ein tatverdächtiger Abgeordneter nur nach staatsanwaltschaftlicher Anordnung befragt werden darf, gibt es nicht. Aber in den Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren ist in Nr. 192b Absatz 4 geregelt, dass ein Staatsanwalt zur Vorbereitung eines Antrags auf Aufhebung der Immunität, dem tatverdächtigen Abgeordneten den Vorwurf mitteilt. Er stellt ihm dabei, wie es im Bürokratendeutsch so schön heißt, „anheim“ Stellung zu nehmen. Wird der Abgeordnete aber auf frischer Tat ertappt oder im Lauf des folgenden Tages festgenommen, gelten manche der Beschränkungen nicht.

          (In einer früheren Fassung hatten wir Joseph Sattler an dieser Stelle fälschlich als EU-Abgeordneten bezeichnet, wir haben die Antwort daher entsprechend geändert, d. Red.)

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          Frage 7: Kommissarin Odenthal forstet ohne Durchsuchungsbefehl in der Tasche des Verdächtigen nach Beweisstücken. Darf sie das?

          Auf Konfrontationskurs: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist gar nicht begeistert, dass ihr Johanna Stern (Lisa Bitter) vom LKA vor die Nase gesetzt wurde.
          Auf Konfrontationskurs: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist gar nicht begeistert, dass ihr Johanna Stern (Lisa Bitter) vom LKA vor die Nase gesetzt wurde. : Bild: SWR/Alexander Kluge

          Antwort von Oliver Tolmein (Rechtsanwalt und F.A.Z.-Autor):

          Übergibt der Verdächtige die Tasche nicht freiwillig zur Durchsuchung, sieht die Strafprozessordnung einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss vor, wenn Gefahr im Verzug ist. Ist die Staatsanwaltschaft nicht erreichbar und erscheint die Maßnahme verhältnismäßig, kann auch die Polizei, soweit sie im Auftrag der Staatsanwaltschaft ermittelt, die Durchsuchung der Tasche anordnen und durchführen. Wird gegen diese Regeln wissentlich und willentlich verstoßen, können die so erlangten Beweise unter Umständen vor Gericht nicht verwendet werden.

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          Valerie Sattler zeigt sich empört über die Ermittlungsmethoden von Johanna Stern (Minute 61): „Das ist ja jetzt wohl eine ganz billige Nummer. Dass dieser Mann was getrunken hat, dürfte ihnen wohl nicht entgangen sein. Trotzdem suchen Sie meinen Mandanten nachts um halb zwölf auf, um von ihm, ohne die Anwesenheit seiner Anwältin, ein Geständnis zu erpressen.“

          Frage 8: LKA-Ermittlerin Stern befragt mitten in der Nacht Politiker Sattler in seinem Haus, er hat eindeutig getrunken. Wie viel sind die Aussagen eines Verdächtigen wert, die er unter Alkoholeinfluss macht?

          Joseph Sattler hat schon tief ins Glas geschaut. Johanna Stern befragt ihn trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb?
          Joseph Sattler hat schon tief ins Glas geschaut. Johanna Stern befragt ihn trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb? : Bild: SWR/Alexander Kluge

          Antwort von Oliver Tolmein (Rechtsanwalt und F.A.Z.-Autor):

          Im Moment der Ermittlung können sie hilfreich sein. Im späteren Prozess werden sie vom Gericht gewürdigt werden müssen  – oder können auch gar nicht direkt verwertet werden, wenn sich der Angeklagte entschließt zu schweigen. Aber es gibt keinen Grundsatz, demzufolge solche Aussagen grundsätzlich wertlos wären, weil der Verdächtigte getrunken hat.

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