https://www.faz.net/-gsb-83k7h

FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie tief kann man fallen?

  • -Aktualisiert am

Bild: SWR/Alexander Kluge

Ein Zimmermädchen hat Sex mit einem Politiker, kurz darauf ist es tot: Der neue „Tatort“ mit Kopper und Odenthal orientiert sich am Fall Strauss-Kahn. Doch macht das die Handlung realistisch?

          Das Zimmermädchen eines Luxushotels stürzt das Treppenhaus der Nobelherberge hinunter und ist tot. Schnell ist klar: Es war Mord. Die Kommissare Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) verdächtigen einen Spitzenpolitiker des Europaparlaments, mit dem die Tote kurz vor ihrem Sturz in einer Suite Geschlechtsverkehr hatte.

          Dieser beteuert seine Unschuld, der Sex sei einvernehmlich gewesen, sie hätte dafür Geld bekommen.Doch die Gerichtsmedizin findet blaue Flecken an den Oberschenkeln der Toten. Hat der Verdächtige Joseph Sattler (Peter Sattmann) gelogen und das Zimmermädchen missbraucht?

          Oder wollen seine Feinde nur den Eindruck einer Vergewaltigung erwecken, um ihm zu schaden, wie seine Ehefrau und Anwältin Valerie (Suzanne von Borsody) vermutet? Der 62. Fall des Ludwigshafener Ermittlerteams orientiert sich an den realen Geschehnissen, die dem Rücktritt von Dominique Strauss-Kahn als IWF-Präsident 2011 vorausgingen. Doch ist der Tatort „Roomservice“ deshalb auch besonders realistisch? Wir haben es überprüft.

          ***

          Spurensicherer Becker sagt am Tatort zu Kommissarin Odenthal (Minute 8): „Entweder ist sie gesprungen oder gefallen. Schädelbasisbruch würde ich sagen.“-  „Kann mir das jemand mit einer medizinischen Ausbildung bestätigen?“ - „Naja, Dr. Özcan steht noch auf der A 61.“

          Frage 1: Nach dem Sturz blutet die Frau aus Nase und Ohren. Die Spurensicherung vermutet daraufhin einen Schädelbasisbruch als Todesursache. Korrekt?

          Das Zimmermädchen Jasmin Akhtar (Naima Fehrenbacher) ist tödlich gestürzt.

          Antwort von Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Mainz):

          Ein Schädelbasisbruch an sich muss nicht tödlich sein. In der Regel kommt es aber als Folge des Aufpralls nicht nur zu dieser knöchernen Verletzung, sondern auch zu Verletzungen des Gehirns und Blutungen in das Gehirn und den Schädelinnenraum, so dass  dieser Bruch durchaus als Zeichen solcher Verletzungen anzusehen ist, die den Tod nach Sturz aus großer Höhe begründen. Eines der äußeren Anzeichen eines Schädelbasisbruchs ist ein Blutaustritt aus der Nase oder dem Mund, wobei diese Befunde auch andere Ursachen haben können. Besser, jedoch möglicherweise nicht für die Vermittlung im Fernsehen geeignet, ist der Austritt von Blut mit klarer Flüssigkeit, weil es sich hierbei in der Regel um Hirnwasser (Liquor) handelt, so dass eine korrekte Diagnose deutlich wahrscheinlicher wird.

          ***

          Frage 2: Kann die Kriminalpolizei oder die Gerichtsmedizin feststellen, ob ein Mensch gesprungen ist oder gestoßen wurde? Ist es beispielsweise üblich, eine Puppe mit Gewicht und Größe des Todesopfers anzufertigen und diese noch einmal stürzen zu lassen, wie es in „Roomservice“ gemacht wird?

          Mit einer Puppe testet Johanna Stern vom LKA akribisch, was die Fundstelle über den Fall des Zimmermädchens aussagt.

          Antwort von Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Mainz):

          Es ist nur schwer nachzuweisen, ob ein Mensch vor einem tödlichen Sturz absichtlich gestoßen wurde, da es nicht zwingend zu Blutungen oder anderen nachweisbaren Verletzungen kommen muss. Ein Sprung in suizidaler Absicht erfolgt allerdings in der Regel mit den Beinen voran, so dass primär Verletzungen der unteren Extremitäten und/oder des Beckens zu erwarten sind. Ein Mensch stirbt dann meist an Verletzungen der inneren Organe und insbesondere auch an Verletzungen der großen Gefäße, so dass es zu einem sehr raschen Blutverlust in den Körper hinein und damit zu einem sehr raschen Todeseintritt kommen kann. Daneben kann es auch zu Verletzungen der Wirbelsäule mit der Konsequenz eines sogenannten spinalen Schocks kommen, also einer Verletzung des Rückenmarks, die ebenfalls tödlich enden kann. Wird jemand gestoßen, zieht er sich in der Regel Verletzungen am Brustkorb, am Kopf oder im Bereich der oberen Extremitäten zu. Allerdings kann das auch passieren, wenn jemand aus Versehen stürzt. Das Nachstellen eines möglichen Tathergangs mit einem Dummy ist dann durchaus möglich, wobei man tatsächlich auf Größe und Gewicht der Puppe achten würde.  

          Weitere Themen

          Die Krise der Repräsentation

          FAZ Plus Artikel: Gastbeitrag : Die Krise der Repräsentation

          In Brandenburg müssen Parteien demnächst ihre Listenplätze bei Landtagswahlen geschlechtergerecht vergeben. Der Jurist Christoph Möllers fragt in einem Gastbeitrag: Ist das wirklich verfassungswidrig? So klar ist die Lage nicht.

          Alle Formen des Kinos Video-Seite öffnen

          Fazit zur Berlinale 2019 : Alle Formen des Kinos

          Es war eine der kürzesten Berlinalen mit nur 16 Filmen im Rennen um die Bären, aber dafür wurden alle Formen des Kinos gezeigt. Unsere Kritikerin zieht ein Resüme nach dem Berliner Festival und ist von einem Film besonders begeistert.

          Topmeldungen

          Geht es Arbeitnehmern wirklich so schlecht?

          Ausgebeutete Arbeitnehmer? : Der Markt ist klüger als die SPD

          Arbeitnehmer haben heute so viel Macht wie selten zuvor. So manchen Arbeitgeber treiben sie gar zur Verzweiflung. Nur: Wer sagt das jetzt den Sozialdemokraten? Die sprechen weiter von Gerechtigkeitslücken, die geschlossen werden müssen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.