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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie gefährlich ist Autoerotik?

  • -Aktualisiert am

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) sind ob des mehr als ungewöhnlichen Todesfalls sichtlich irritiert. Bild: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

Ein pikanter Fall für Fellner und Eisner im neuen „Tatort“ aus Wien: Ein Mann stranguliert sich bei der Selbstbefriedigung und stirbt. Ist diese Sexualpraktik wirklich so stimulierend wie lebensgefährlich?

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          Der „Tatort: Sternschnuppe“ aus Wien geht gleich in die Vollen: Schon in der ersten Szene wird der Tote präsentiert, ein kunstvoll in Lederriemen verschnürter Musikmanager, der mit einem Strick um den Hals erstickt in der Dusche seines Luxusanwesens hängt. Nicht nur der Zuschauer, auch die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) fühlen sich sofort an den Fall David Carradine erinnert.

          Der Hollywoodschauspieler war 2009 tot in einem Hotelzimmer in Bangkok gefunden worden, offenbar war es zu einem Unfall beim autoerotischen Erstickungsspiel gekommen, das angeblich den Orgasmus intensivieren soll. Ist die ausgefallene Sexualpraktik wirklich so stimulierend wie lebensgefährlich? Wir haben nachgehakt.

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          Bibi Fellner: „Wieso machen die Leut‘ sowas?“ – Sexualtherapeut dos Santos: „Solche Menschen sind auf der Suche nach dem ultimativen Orgasmus.“ – Fellner: „Und wieso erhängen sie sich fast dabei?“ (Minute 9)

          Frage 1: Warum empfinden Menschen einen Lustgewinn, wenn sie bei sich die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn unterbinden?

          Antwort von Prof. Dr. Walter Rabl (Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin):

          Was durch den Sauerstoffmangel ganz genau im Körper passiert, ist noch nicht völlig geklärt. Er führt wohl zur Ausschüttung körpereigenen Morphins, des Glückshormons Endorphin – wohl weil der Mangel im Gehirn die sogenannte „kortikale Kontrollfunktion“ dämpft. „Kortikal“ bedeutet „die Hirnrinde betreffend“, es heißt also schlicht und ergreifend, dass diejenigen Funktionen der Großhirnhirnde, die Emotionen und Handlungen kontrollieren, als erstes ausfallen, was zu einer Enthemmung vergleichbar dem Stadium der Angetrunkenheit führt (dasselbe kann übrigens auch durch Narkotika erreicht werden). Das führt zu Enthemmung, Euphorie und Glücksgefühlen und damit auch zu sexueller Erregung bis hin zum Orgasmus (das funktioniert bei Männern und Frauen übrigens gleichermaßen).

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          Frage 2: Kommt es bei dieser Praxis häufig zur versehentlichen Selbsttötung?

          Ist kaum verwundert über den Tod ihres Mannes: Die Kommissare sind erstaunt, wie kühl Angelika Hausberger (Aglaia Syzszkowitz) zunächst reagiert.
          Ist kaum verwundert über den Tod ihres Mannes: Die Kommissare sind erstaunt, wie kühl Angelika Hausberger (Aglaia Syzszkowitz) zunächst reagiert. : Bild: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

          Antwort von Prof. Dr. Walter Rabl:

          Ich kenne dazu Zahlen aus den Vereinigten Staaten. Dort sterben pro Jahr über 1000 Männer und weniger als 20 Frauen, das sind ein bis zwei Menschen pro einer Million Einwohner (warum solche Praktiken quasi nur von Männern angewendet werden, ist nicht geklärt). Eine versehentliche Selbsttötung ist also insgesamt sehr selten, zumal bei diesen Formen der Selbststrangulation meistens eine Art Sicherungsmechanismus eingebaut wird. Dieser besteht darin, dass bei einem Erschlaffen des Körpers der Druck auf das Strangulationswerkzeug nachlässt und damit das Gehirn wieder durchblutet wird. In den 1940er Jahren wurde dies im Rahmen von wissenschaftlichen Experimenten beispielsweise so gelöst, dass um den Hals eine Blutdruckmanschette gelegt wurde, die ein Loch aufwies, das der Proband mit einem Finger verschloss. Mit Eintritt der Bewusstlosigkeit wurde das Loch wieder freigegeben, der Druck um den Hals ließ wieder nach.

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          Frage 3: Bei der Obduktion im „Tatort“ wird ein zerknülltes Stück Papier im Rachen des Mannes gefunden. Dies wird als Indiz für Fremdeinwirkung, also Mord, eingeordnet. Nachvollziehbar?

          Antwort von Prof. Dr. Walter Rabl:

          Ein Stück Papier im Rachen macht bei autoerotischen Handlungen keinen Sinn, es hat keine stimulierende Wirkung. Auch würde in der Regel ein Würgereiz aktiviert, der Mann hätte versucht, es wieder auszuspucken, wenn er denn nicht gewaltsam daran gehindert worden wäre. Insgesamt ist das daher korrekterweise verdächtig.

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          Frage 4: Die beiden Kommissare reagieren befremdet auf die Vorlieben des Toten, auch die Ehefrau spricht von „ausgefallenen Sexpraktiken“ ihres Mannes, vor denen sie ihn immer wieder gewarnt habe. Wie ungewöhnlich sind solche autoerotischen Handlungen?

          Antwort von Dr. Christina Raviola (Klinische Psychologin und Psychotherapeutin mit dem Fachgebiet Sexualpsychologie):

          Es gibt international wenige Studien zu autoerotischen Handlungen dieser Art. Wohl, weil Sexualität für viele schambehaftet ist und sie nicht darüber sprechen möchten. Allerdings geht die Fachwelt nicht davon aus, dass die beschriebene Handlung in der breiten Bevölkerung praktiziert wird. Gleichzeitig muss man sagen, dass man sie nicht einfach als krankhaft einordnen kann. Wer drei bis vier Mal im Jahr Gefallen an dieser Praktik findet, das ist nicht problematisch. Wer allerdings auf keine andere Art der sexuellen Stimulation mehr Erregung empfindet und dadurch beispielsweise die Beziehung zum Partner gefährdet ist, der solche Praktiken ablehnt, bei dem muss man von sogenannter „Paraphilie“ sprechen. Diese äußert sich in wiederkehrenden und dranghaften sexuellen Bedürfnissen oder Verhaltensweisen, die Leid bei Betroffenen oder ihr nahestehenden Personen hervorrufen. Nicht nur krankhaft, sondern verboten sind hierbei Fremdgefährdung, Handlungen gegen den Willen eines Menschen oder mit Personen, die nicht entscheidungsfähig sind, wie etwa Kinder.

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          Angelika Hausberger „Mein Mann und ich, wir führen eine sehr offene Beziehung. Wir halten nichts davon den Anderen sexuell einzuschränken.“ (Minute 9)

          Frage 5: Die Ehefrau des Toten wusste um die Vorlieben ihres Mannes. Sie hatte sie toleriert, aber nicht geteilt. Ist das nicht höchstgradig dysfunktional?

          Bibi Fellner fühlt Benny Raggl (Michael Steinocher), dem jugendlichen Liebhaber von Angelika Hausberger, auf den Zahn.
          Bibi Fellner fühlt Benny Raggl (Michael Steinocher), dem jugendlichen Liebhaber von Angelika Hausberger, auf den Zahn. : Bild: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

          Antwort von Dr. Christina Raviola (Sexualpsychologin und Psychologische Sexualpsychotherapeutin):

          Das würde ich nicht sofort unterschreiben. Es gibt viele verschiedene Beziehungsformen, die funktionieren. Dysfunktional wäre es nur, wenn ein Partner mit dieser Vereinbarung nicht mehr einverstanden wäre, der andere dies jedoch ignorieren und weitermachen würde, wie gehabt. Wenn eine Beziehung allerdings nur daraus besteht, dem anderen gegenüber ständig Toleranz walten lassen zu müssen, dann ist das bedenklich.

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