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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie lief das mit dem Transferrubel-Betrug?

  • -Aktualisiert am

Die Kommissariate aus Rostock (links) und Magdeburg im Großeinsatz zum Einheits-Jubiläum Bild: NDR/Christine Schroeder

Zwei Folgen brauchten die „Polizeiruf“-Kommissare aus Magdeburg und Rostock, um herauszufinden: 25 Jahre nach der Wiedervereinigung zieht die Nachwendekriminalität immer noch Kreise. Realistisch?

          Nicht alles, was in der letzten Woche in der „Polizeiruf“-Folge „Wendemanöver“ behauptet wurde, bestand den Faktencheck unserer Experten aus Magdeburg und Rostock. In der zweiten Hälfte der Doppelfolge wurden an diesem Sonntag Begriffe wie „Transferrubelbetrug“ und „ZEV“ in die Manege geworfen, ohne dass sie – nach dem Motto „Das ist zu kompliziert für die Prime Time“ – genauer erklärt worden wären. Unbefriedigend für den Zuschauer – wir haben nachgefragt.

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          Frage 1: Ferdinand Frey erhängt sich in einer Gefängniszelle mit einem Mullverband. Ist das möglich?

          Da lebte er noch: Ferdinand Frey (Cornelius Obonya) im Gespräch mit seinem ehemaligen Kollegen und Liebhaber Drexler.

          Antwort von Prof. Rüdiger Lessig (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Universität Magdeburg):

          Ja, ist es. Beim Erhängen führt nicht, wie oft angenommen, der Genickbruch zum Tod. Stattdessen werden die Halsgefäße abgedrückt, sodass die Blutzufuhr zum Hirn unterbrochen ist. Der Mullverband wird nicht reißen und auch in einer Gefängniszelle dürfte diese Todesart möglich sein. Es gab bereits Fälle, in denen sich Menschen im Bett liegend stranguliert haben, da das Gewicht des Oberkörpers ausreicht, um die Halsvenen zu komprimieren und die Sauerstoffversorgung des Gehirns innerhalb weniger Minuten lahmzulegen.

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          Frage 2: Was sind Transferrubelgeschäfte und Transferrubelbetrug?

          Ein Mann mit Unternehmergeist: Herbert Richter (Jörg Gudzuhn) überschreitet seit Jahrzehnten alle Grenzen, solange es seinen Firmen dient.

          Antwort von Werner Jenke und Kai Renken (Rechtsanwälte bei SNP Schlawien, Berlin):

          Transferrubel (XTR) waren eine künstliche Verrechnungseinheit zwischen den Staaten des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe). In diesem Rahmen konnten die Außenhandelsbanken der Mitgliedstaaten des RGW über die Clearingstelle bei der Internationalen Bank für wirtschaftliche Zusammenarbeit (IBWZ) in Moskau Kaufpreiszahlungen für Warenlieferungen abwickeln. Mit Inkrafttreten der Währungsunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR am 1. Juli 1990 hätte die damalige DDR an diesem System nicht mehr teilnehmen dürfen. Um jedoch den Handel zwischen den RGW-Staaten nicht zu gefährden, wurde die Teilnahme der DDR(-Betriebe) an diesem System für eine Übergangszeit  bis zum 31.12.1990 fortgesetzt.

          Diesen Umstand haben sich einige findige Unternehmer insoweit zunutze gemacht, als sie fingierte Warenlieferungen abrechneten und sich über die Deutsche Außenhandelsbank AG (der DDR, DABA) dann ihre „Guthaben“ auszahlen ließen. Dieser Betrug erfolgte im „großen Stil“. Geschädigt wurde die Bundesrepublik Deutschland, die sich verpflichtet hatte, im Zuge der Wiedervereinigung in die vertraglichen Verpflichtungen der DDR im Bereich des Außenhandels einzutreten.

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          Frage 3: Was hatte die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) mit den Transferrubelbetrügereien zu tun?

          Zwei mal neunzig Minuten und so viele Kollegen braucht es, um den Transferrubelbetrug aufzudecken.

          Antwort von Werner Jenke und Kai Renken (Rechtsanwälte bei SNP Schlawien, Berlin):

          Die ZERV war an der Aufklärung der geschilderten Vorgänge beteiligt, es gab dort eine eigene Abteilung für Kriminalität im Zusammenhang mit der Währungsunion. Aufgabe der ZERV war die Aufklärung von Regierungs- und Vereinigungskriminalität, wie ihr Name besagt. Transferrubelbetrug gehörte zur letzteren Kategorie. Die ZERV war eine Dienststelle im Polizeipräsidium Berlin, wurde jedoch zum 31.12.2000 wieder aufgelöst. Zum Erfolg der Ermittlungen können wir keine Angaben machen. Die Wahrscheinlichkeit, Transferrubelbetrügereien heute noch aufzuklären, dürfte nach unserer Einschätzung allerdings eher gering sein, da die entscheidenden Unterlagen nach 25 Jahren  vernichtet sein dürften.

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          Frage 4: Katrin König hat es erwischt. Sie küsst während der Ermittlungen einen wichtigen Zeugen, den Sohn des in die Verbrechen verstrickten Siegfried Wagner. Welche Konsequenzen sollte das unter normalen Bedingungen für ihre Arbeit haben?

          Ermittlerin und Zeuge kurz vor ihrem ersten Kuss: Was haben sie sich dabei bloß gedacht, die Drehbuchautoren um Eoin Moore?

          Antwort von Isabel Wenzel (Pressestelle Polizeipräsidium Rostock):

          Grundsätzlich spricht das Küssen von Zeugen nicht für ein professionelles Verhalten eines Polizeibeamten. Im Vordergrund steht der Anspruch an die Polizei, alle be- und entlastenden Momente zu ermitteln. Dieses Prinzip könnte ad absurdum geführt werden, wenn eine persönliche Nähe zwischen zuständiger Ermittlerin und Zeugen besteht. Problematisch könnte diese Konstellation später auch vor Gericht werden, wenn die Ermittlerin als Zeugin vernommen würde. Gegebenenfalls hätte ein Verteidiger dann die Möglichkeit ein Beweisverwertungsverbot zu beantragen. Ganz pragmatisch kann man sagen, dass die Ermittlerin sofort von dem Fall abgezogen werden müsste.

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          Frage 5: Im neuen „Polizeiruf 110“ wird recht ausgiebig von einem Elektroschocker Gebrauch gemacht. Wie funktioniert ein solches Gerät? Ist es möglich, nach einem Schock weiterzukämpfen?

          Angeschlagen: Der suspendierte Kommissar Bukow (Charly Hübner) muss in diesen Ermittlungen nicht nur Elektroschocks hinnehmen.

          Antwort von David Kelle (Bewachungs- und Sicherheitsservice, Magdeburg):

          Die Wirkung eines handelsüblichen und legalen Elektroschockgeräts kann ganz unterschiedlich sein. In der Regel setzt es einen für einige Sekunden außer Gefecht. Wenn jemand einen Herzschrittmacher trägt oder vor kurzem einen Infarkt hatte, können die Schocker sogar lebensgefährlich sein. Deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass Bukow, Wagner und sein Kompagnon sich gegenseitig Schocks versetzen und weiterhin miteinander kämpfen.

          Wir nutzen keine Elektroschocker, aber wenn man den Einsatz bei der Genossenschaft beantragt, können auch Sicherheitsfirmen Elektroschockgeräte einsetzen, sofern sie einer Schusswaffe nicht ähneln.

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