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FAZ.NET-Tatortsicherung : Ein Käfig voller Schmarren

  • -Aktualisiert am

Das Ermittlerteam aus Münster hat im neuen „Tatort“ einiges abbekommen. Wie steh es mit der Logik in „Erkläre Chimäre“? Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Die DNA eines Mordopfers taucht Tage später in einer frischen Blutspur an einem zweiten Tatort auf. Gibt es dafür eine wissenschaftliche Erklärung - oder hat Münster in Biologie geschlafen?

          Im neuen Münsteraner „Tatort“ ist wieder was los: Schon bevor das eigentliche Opfer der Folge „Erkläre Chimäre“ ins Bild kommt, wird ein Obdachloser überfahren und Thiel bekommt von Börne einen Luftröhrenschnitt mit Kugelschreiberhülle verpasst. Das Opfer, ein junger Mann, der mit aufgeschnittener Kehle in einer Schlachterei gefunden wurde, stand in einer amourösen Beziehung mit Börnes Onkel Gustav.

          Besagter Onkel, der aus den Vereinigten Staaten zu Besuch nach Deutschland kam, ist völlig schockiert über den plötzlichen Tod seines Freundes. Da ist die homosexuelle Ehe, die Börne und Thiel ihm vorspielen, weil Börne sich beim reichen Onkel in gutes Licht setzten will, immerhin ein kleiner Trost.

          Als dann auch noch eine Kollegin von Thiels Vater von einer Brücke gestoßen wird, finden die Ermittler am Tatort frisches Blut mit der DNA des Opfers aus der Schlachterei. Diese Entdeckung stellt die gesamten bisherigen Ermittlungen in Frage. Und wir fragen: Wie wahrscheinlich ist das Ganze?

          ***

          Gerichtsmediziner Börne sagt am Unfallort des Obdachlosen (Minute 4): „Bis das Opfer nicht vollkommen mausetot ist, fällt es einfach nicht in die Zuständigkeit von unsereiner (sic!).“

          Frage 1: Kann Börne als Gerichtsmediziner seine Zuständigkeit bei Unfällen verweigern? Ist er nicht dazu verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten?

          Börne fühlt sich am Unfallort nicht zuständig.

          Antwort von Prof. Dr. Eva Wardelmann (Direktorin des Gerhard-Domagk-Instituts für Pathologie im Universitätsklinikum Münster):

          Als Mediziner haben wir alle einen hippokratischen Eid geschworen und damit sind wir verpflichtet, alles zu tun, um ein Menschenleben zu retten. Ob wir dazu jetzt geeignet sind oder weniger gut, ist eine andere Frage. Jeder Mediziner absolviert ein Grundstudium und ein praktisches Jahr, danach geht man in den Facharzt und spezialisiert sich auf ein bestimmtes Gebiet. Erste Hilfe können alle leisten, aber eine Reanimation ist für den Pathologen beispielsweise keine Routine. Da ist die Scheu seitens des Gerichtsmediziners nachvollziehbar. Das kann der Notarzt besser. Außerdem ist es ja so: Wenn Sie auf einen Medizinerball gehen und da einen Herzinfarkt bekommen, ist das ganz schlecht für Sie, weil Sie dann umringt von fünfzig Leuten sind, die es alle besser wissen. Für die „Tatort“-Situation heißt das: In so einer Situation ist es das Beste, wenn ein Arzt die Führung übernimmt und sagt: „So machen wir es jetzt.“ Und dass der Rechtsmediziner da als erstes den Finger hebt und sagt: „Ich bin raus!“ kann ich gut nachvollziehen.

          ***

          Frage 2: Wann ist ein Luftröhrenschnitt sinnvoll? Welche Kenntnisse sollte man dafür haben?

          „Und jetzt vertrauen Sie mir einfach“, sagt Börne zu Thiel und setzt das Messer an seine Kehle (Minute 6).

          Genau da ist der Schnitt: Börne (Jan Josef Liefers) wird nicht müde, auf seine lebensrettende Maßnahme hinzuweisen.

          Antwort von Prof. Dr. Eva Wardelmann (Direktorin des Gerhard-Domagk-Instituts für Pathologie im Universitätsklinikum Münster):

          Ein Luftröhrenschnitt funktioniert im Prinzip nur, wenn die oberen Luftwege blockiert sind. Vor so einer Maßnahme probiert man allerdings erst einmal, ob durch Klopfen auf den Rücken, den Heimlich-Griff oder Überkopf-Halten des Patienten die Blockade gelöst werden kann. Wenn man aber sieht, wie ein anderer zu ersticken droht und man ein Messer und einen Kugelschreiber hat, ist man, glaube ich zu allem bereit. Ein Mediziner hat es natürlich leichter, weil er nicht das Gefühl hat, gleich die Halsschlagader durchzuschneiden. Und in diesem Fall ist der Pathologe oder der Gerichtsmediziner sogar im Vorteil, weil er die dafür nötigen anatomischen Kenntnisse hat. Schließlich haben sie sich diese Region bei Obduktionen schon zigmal von oben und unten, außen und innen angesehen. Generell gilt: Man hat nicht viel Zeit, ein Hirn unterversorgt zu lassen. Das ist relativ schnell Matsch.

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          Frage 3: Kommissar Thiel beschlagnahmt das Taxi seines Vaters, um schnellstmöglich zum Einsatzort zu gelangen. Kommt so etwas häufig vor bei der Polizei?

          Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) fährt mit seinem Taxi jeden, wohin er will. Was nur ist mit dem armen Federvieh am Rückspiegel passiert?

          Antwort von Andreas Bode (Polizeihauptkommissar bei der Polizei Münster):

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