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FAZ.NET-Tatortsicherung : Freddy und die drei Affen

Tanzbär, ich kennen deinen Namen: Freddy Schenk (Dietmar Bär) Bild: WDR/Colonia Media GmbH/Martin Va

Im Kölner „Tatort: Freddy tanzt“ wollen die Zeugen keine gewesen sein. Der Kriminologe Thomas Feltes über den Zusammenhang von Anonymität, fehlender Empathie und Angst in unserer Gesellschaft.

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          Der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler Professor Thomas Feltes lehrt an der Ruhr-Universität Bochum und ist darüber hinaus Berater des Europarates und der Vereinten Nationen. Zu den Forschungsbereichen des 63-Jährigen gehören Themen der Polizeiforschung, Strafjustiz und allgemeinen Kriminologie. Achim Dreis hat sich mit ihm unterhalten.

          ***

          Ein Mann wird verprügelt, bittet in einem Mehrfamilienhaus um Einlass und Hilfe, aber keiner lässt ihn rein. Später ist der Mann tot, aber alle potentiellen Zeugen haben nichts gesehen, nichts gehört, wollen nichts sagen. Wie weit ist das „Drei-Affen-Prinzip“ im Alltag verbreitet?

          Thomas Feltes: Der Fall betrifft zwei verschieden Probleme. Zum einen die unterlassene Hilfeleistung beziehungsweise die Bereitschaft zu helfen, wenn jemand in Gefahr ist. Zum anderen die Frage, ob ich bereit bin, in einem Strafverfahren als Zeuge zur Verfügung zu stehen. Beide Probleme können – wie im vorliegenden Fall – zusammen auftreten.

          Gibt es plausible Gründe, einem Verletzten vor der Tür nicht zu helfen?

          Marita Gerber (Lina Wendel), die Mutter des Toten, ist verzweifelt: „Toleranz fällt leicht, wenn einem alles egal ist“
          Marita Gerber (Lina Wendel), die Mutter des Toten, ist verzweifelt: „Toleranz fällt leicht, wenn einem alles egal ist“ : Bild: WDR/Colonia Media GmbH/Martin Va

          Für diejenigen, die nicht helfen, durchaus, und wir sollten uns davor hüten, arrogant so zu tun, als könnte uns dies nicht passieren, als würden wir anders handeln. Wir kennen den sogenannten „Bystander-Effekt“ schon lange: Menschen stehen daneben, schauen zu, aber helfen nicht. Nichts hören (und doch die Ohren spitzen), nichts sehen (aber dennoch genau  hinsehen), nichts tun. Ein typischer Fall ereignete sich vor einigen Jahren in München. Drei Kinder brachen in das dünne Eis des Olympia-Sees ein. Viele Menschen standen herum, keiner half. Die Kinder starben. Wir wissen: Wenn einer bereit ist und beginnt zu helfen, helfen auch andere mit. Die Menschen fragen sich: „Warum soll ich etwas tun, wenn es auch andere und vielleicht sogar besser tun könnten?“ Je mehr Menschen dabeistehen, umso weniger wird geholfen. Wenn dann doch einer die Initiative ergreift oder andere auffordert, gemeinsam mit ihm zu helfen oder bei Straftaten einzuschreiten, dann ist diese Schwelle gebrochen und man ist bereit, zu intervenieren.

          Gab es das schon immer – nimmt diese Tendenz zu?

          Die Anonymität in unserer Gesellschaft ist größer geworden. Immer mehr Menschen haben die Tendenz, sich abzuschotten und sich nicht um andere zu kümmern. Es fehlt vielen an Empathie: man kann nicht mehr mit dem anderen mitleiden, man empfindet nichts mehr, wenn es anderen schlecht geht, man stumpft auch angesichts des Elends in der Welt und vielleicht auch in der eigenen Umgebung ab. Es scheint eine Tendenz zu sein, die wir zunehmend in der Gesellschaft beobachten können. Man will sich „nicht einmischen“. Man hat das Gefühl, einem selbst wird nicht geholfen, warum soll ich dann anderen helfen?

          Eishockey-Trainer Günther Baumgart (Robert Gallinowski, r.): Wenn er sich outet, erfährt er Ablehnung, deshalb zieht er sich zurück
          Eishockey-Trainer Günther Baumgart (Robert Gallinowski, r.): Wenn er sich outet, erfährt er Ablehnung, deshalb zieht er sich zurück : Bild: WDR/Colonia Media GmbH/Martin Va

          Im Kölner Tatort wird Kommissar Ballauf vorgeworfen: „Toleranz fällt leicht, wenn einem alles egal ist.“

          Das betrifft die Tendenz der zunehmenden Vereinzelung und Vereinsamung. Viele Menschen glauben, dass es für sie am besten ist, wenn sie sich nirgendwo einmischen. Dann kann ihnen nichts passieren, glauben sie. Viele haben auch einfach Angst, etwas falsch zu machen oder wollen nicht aussagen, weil sie den Aufwand scheuen: zur Polizei gehen, eine Aussage machen, gegebenenfalls auch vor Gericht aussagen. Das wird umso schlimmer, je mehr Repressalien man fürchtet.

          Das wäre die Angst nach außen. Im vorliegenden Fall ist es eher eine Angst nach innen. Wenn ich mich einmische, dann muss ich mich offenbaren, dann kommt heraus, dass ich ganz anders bin, als ich vorgebe zu sein. Im „Tatort“ hat der eine Nachbar Angst, dass seine Homosexualität öffentlich wird. Die Nachbarin will nicht offenbaren, dass sie Freier empfängt. Die dritte Person hat Angst vor ihrem geschiedenen, gewalttätigen Mann, und öffnet deshalb nie die Tür. Spielen diese Motive auch eine Rolle?

          Die Kumulation der Motive in diesem „ehrenwerten Haus“, wie es schon Udo Jürgens beschrieben hat, erscheint mir dramaturgisch zugespitzt. Andererseits haben viele Menschen ein „kleines Geheimnis“, von dem sie nicht wollen, dass andere es erfahren. Diese Menschen ziehen sich dann aus der Öffentlichkeit zurück und wollen kein Risiko eingehen. Sie meiden Kontakte.

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