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FAZ.NET-Tatortsicherung : Was haben Mörder in Franken verloren?

  • -Aktualisiert am

Kommissarin Ringelhahn hat Probleme: Sie ist nicht in der Lage, eine Waffe abzufeuern. Ein Kollege musste deshalb schon sterben. Bild: Felix Cramer

Raketenforschung, verbotene Liebe und eine Kommissarin mit Ladehemmung: Der erste „Tatort“ aus Franken verheddert sich in seinen vielen Handlungssträngen. Und im Realitätstest fällt er ebenfalls durch.

          Ein Professor der Universität Erlangen-Nürnberg wird in einem Waldstück tot in seinem Wagen entdeckt. „Es is der dodale Oawakill. Zwei Gugln aus näxster Nähe direkt in den Kopf, a dritte steckt im Beifahrersitz.“ So fasst der Leiter der Spurensicherung Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) den Mord fränkisch-lapidar zusammen. Und kurz vor dem Exitus hat das Opfer noch einen „Moment höchster Hingabe“ genossen, sprich: Sex gehabt.

          Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) spannt noch am Tatort den neuen Kollegen Felix Voss (Fabian Hinrichs) in die Ermittlungen ein. Beide müssen sich durch ein Dickicht möglicher Tathergänge wühlen. Wurde dem Wissenschaftler der Verrat geheimen Nato-Wissens aus der Raketenforschung zum Verhängnis? Oder hat ihn der Ehemann seiner Geliebten erschossen?

          Die Autoren von „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“ legen so viele falsche Fährten, dass sie sich fast in ihren eigenen Handlungssträngen verheddern. Am Ende hatten sie wohl nicht mehr genug Zeit, ihr Drehbuch einem gründlichen Realitätstest zu unterziehen - wir schon.

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          Frage 1: Misst der Leiter der Spurensicherung die aktuelle Temperatur eines Mordopfers wirklich mit einem handelsüblichen Fieberthermometer im Mund, um den Todeszeitpunkt festzustellen?

          „So hoch aufgeschossen“: Dagmar Manzel als Kommissarin Paula Ringelhahn und Eli Wasserscheid als Kommissarin Wanda Goldwasser sind ob des neuen Kollegen Felix Voss (Fabian Hinrichts) recht erfreut.

          Antwort von Prof. Dr. Peter Betz (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg):

          Das ist Unsinn. Für die forensisch verwertbare Leichentemperaturmessung muss ein geeichtes Spezialthermometer verwendet werden, wobei die Leichen-Temperatur auch nicht im Mund gemessen werden darf. Zur Todeszeitbestimmung muss vielmehr die tiefe Rektaltemperatur bestimmt werden. Dies kann prinzipiell auch durch einen geschulten Kriminalbeamten erfolgen.

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          Frage 2: Kann die Spurensicherung oder die Rechtsmedizin feststellen, ob ein Mordopfer kurz oder während seines Todes einen Orgasmus beziehungsweise Geschlechtsverkehr hatte?

          „Das völlige Verschmelzen zweier Menschen“: Michael Schatz von der Spurensicherung erläutert den Kollegen, was das Opfer Christian Ranstedt am Tatort eigentlich genau getrieben hat.

          Antwort von Prof. Dr. Peter Betz:

          Bei weiblichen Opfern, bei denen zeitnah zum Todeseintritt ein Verkehr mit Samenerguss stattgefunden hat, kann man über die Beschaffenheit der Spermien eine gewisse zeitliche Eingrenzung vornehmen, dies hängt aber auch von unterschiedlichen Faktoren wie zum Beispiel der Umgebungstemperatur ab. Bei einem männlichen Opfer (Oral- beziehungsweise Analverkehr mit Samenerguss) kann dies grundsätzlich in ähnlicher Weise erfolgen. Eine zeitliche Eingrenzung eines vom Opfer ausgeführten Verkehrs ist hingegen nicht möglich - es könnte ja zum Beispiel sein, dass die betreffende Person sich eine gewisse Zeit nicht mehr gewaschen hat.

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          Frage 3: Im ersten Tatort aus Franken war das Mordopfer Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg. Dort hat der Wissenschaftler militärische Forschung an Raketensprengköpfen betrieben. Sein Wissen soll er dann an einen Waffenunternehmer verkauft haben. Wird an Ihrer Universität tatsächlich militärisch geforscht?

          Am Arbeitsplatz des Opfers finden die Ermittler Voss und Ringelhahn mit Hilfe des Computerspezialisten Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) Hinweise auf illegale Aktivitäten von Professor Randstedt.

          Antwort von Dr. Susanne Langer (Sprecherin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg):

          An einer Volluniversität wie der unseren wird Forschung im Prinzip in ihrer vollen Bandbreite betrieben. Dies allerdings auf Grundlage der Werte, die das Grundgesetz vorsieht und die Teil der akademischen Mechanismen zum verantwortungsvollen Umgang mit der – ebenfalls im Grundgesetz verbrieften – Forschungsfreiheit und den Forschungsrisiken sind. Militärforschung im engeren Sinne wie die im Film angesprochene Waffenentwicklung gibt es bei uns nicht, den erwähnten Lehrstuhl auch nicht.

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