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FAZ.NET-Tatortsicherung : Killer oder Deppen?

Gefährliche Situation im Supermarkt: Holm Bielfeldt (Daniel Christensen, li.) hat den Securitymann (Ralf Beckord) in seine Gewalt gebracht Bild: SWR/Johannes Krieg

Loyalität und Lügen, Suff und Selbstmitleid. Nach einem finalen Rettungsschuss zum Auftakt ermitteln Lannert und Bootz unter fragwürdigen Bedingungen - und belasten ihre Männerfreundschaft. Passt das zusammen? Der Tatort aus Stuttgart im Faktencheck.

          3 Min.

          Kommissar Thorsten Lannert (Richie Müller) erschießt in der zweiten Krimi-Minute einen offenbar gefährlichen Geiselnehmer bei einem Raubüberfall in einem Supermarkt - um sich, aber auch die Geisel zu schützen. Dafür muss er sich vor dem Oberstaatsanwalt verantworten.

          Frage 1: Ist es üblich, dass ein Polizist über sein Handeln im Einsatz von der Staatsanwaltschaft verhört wird?

          Antwort von Thomas Ulmer (Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart):

          Wenn ein Kollege Schusswaffengebrauch im Einsatz hatte, wird auf jeden Fall von der Kriminalpolizei ermittelt. Um den Kollegen, der geschossen hat, kümmert sich zudem ein Konfliktteam, bestehend aus krisenerprobten Fachleuten, die wissen, wie beide Seiten ticken. Wenn der Fall eine bestimmte Brisanz hat, wird er aber nicht von der eigenen Dienststelle behandelt. Das Vorgehen entscheidet der Staatsanwalt.

          ***

          Sebastian Bootz (Felix Klare) entlastet seinen Kollegen bei der Anhörung durch den Oberstaatsanwalt - obwohl er den entscheidenden Moment gar nicht gesehen haben kann.

          „Ich hab gelogen“, gibt Bootz im zweiten Teil des Films zu: „Ich hab‘s für dich getan“ (52. Minute). „Ich hab dich nicht darum gebeten“, antwortet Lannert.

          Frage 2: Wie geht die Polizei mit falscher Loyalität um? Wird nachgeprüft, wenn es Ungereimtheiten gibt? Oder gilt das alte Sprichwort von der Krähe, die der anderen kein Auge aushackt?

          Falsche Aussage: Sebastian Bootz (Felix Klare) erklärt etwas, das er nicht gesehen haben kann

          Antwort von Thomas Ulmer (Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart):

          Der Spruch mit der Krähe und den Augen ist ein überliefertes Sprichwort. Das gab es bestimmt früher. Heute haben wir aber eine andere, modernere Ausbildung. Dieser Korpsgeist sollte nicht mehr in den Köpfen sein. Man kann es aber nie ausschließen.

          ***

          Die Belastungszeugin Gebauer wird tot aufgefunden, ausgerechnet von Bootz (18. Minute). Danach besuchen die beiden Kommissare den Opfer-Anwalt Pflüger in dessen Kanzlei (24. Minute). Und später befragen sie auch noch die Mutter des toten Geiselnehmers (38. Minute).

          Frage 3: Ist es glaubhaft, dass Lannert und Bootz ermitteln, obwohl die Getötete eine wichtige Zeugin im Supermarktfall war, in dem sich wiederum Lannert und Bootz rechtfertigen müssen?

          Was hat Kommissar Bootz bei der Zeugin zu suchen? Und warum ist sie tot?

          Antwort von Thomas Ulmer (Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart):

          Die Kommissare ermitteln dann natürlich nicht im eigenen Fall. Das macht eine andere Kripo.

          ***

          Lannert rechtfertigt in der zweiten Anhörung seinen tödlichen Rettungsschuss folgendermaßen: „Ich hab‘s in seinen Augen gesehen, er wollte schießen, er hätte geschossen.“ (32. Minute)

          Frage 4: Ist diese Aussage nur Selbstschutz eines Polizisten oder kann ihm seine Erfahrung tatsächlich das Gespür geben, die angenommene Handlungsweise „voraus sehen“ zu können?

          Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) hat von der Schusswaffe Gebrauch gemacht, und jetzt?

          Antwort von Adolf Gallwitz (Polizei-Psychologe und Psychotherapeut sowie Profiler an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen):

          Bei Geiselnahmen oder im Zusammenhang mit einem finalen Rettungsschuss handelt es sich um speziell ausgebildete Beamte, die auch nicht alleine entscheiden. Bei zur Gefahrenabwehr nötigen Selbstverteidigung wird auch unter Verwendung der Schusswaffe versucht, die mildeste Gewalt anzuwenden.

          ***

          Die Ermittler bemitleiden sich nach der Anhörung, dass sie in der Öffentlichkeit entweder „als Killer“ oder „als Deppen“ dastehen, „immer mit einem Bein im Gefängnis und mit einem auf dem Friedhof“.

          Frage 5: Wie geht die Polizei mit diesem Zwiespalt um?

          Frau Bielfeldt (Gisela Straehle) trauert um ihren Sohn, der von Kommissar Lannert erschossen wurde - trotzdem tauchen Lannert und Bootz bei ihr auf

          Antwort von Knut Lascha (Polizei-Psychologe und Dozent an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen):

          Wir haben an der Polizeihochschule ein Wahlmodul: „Geschossen, und dann?“. Darin wird die Problematik behandelt: „Was geschieht mit mir“. Persönlich, aber auch die juristischen Folgen werden besprochen. Wir bereiten die Kollegen auch darauf vor, dass die Medien darüber schreiben: „Es kann euch treffen.“ Wenn ich weiß, was kommt, kann ich besser damit umgehen.

          ***

          Zwischenzeitlich droht Bootz wegen der Trennung von seiner Frau und den Kindern in Alkohol, Dreck und Selbstmitleid zu versumpfen. Er wird in Zwangsurlaub geschickt (51. Minute), ermittelt aber auf eigene Faust trotzdem weiter.

          Frage 6: Was passiert mit einem Polizisten, der trotz Beurlaubung weiter ermittelt?

          „Immer mit einem Bein im Gefängnis und mit einem auf dem Friedhof“: Lannert und Bootz beklagen ihr Schicksal

          Antwort von Thomas Ulmer (Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart):

          Das gab es bestimmt schon, dass ein Kollegen weiter ermittelt, aber es wäre ein Verstoß gegen das Beamtenrecht. Wenn er beurlaubt ist, hat er zu Hause zu bleiben. Man kann ihm auch die Schusswaffe wegnehmen, um ihn vor sich selbst zu schützen.

          ***

          Nach 70 Minuten bekommt der Fall eine neue Wende: Alice Gebauer hatte ihrer Freundin in höchster Panik auf die Mailbox gesprochen, sie habe „ihn“ erkannt, ihren Vergewaltiger von vor zwölf Jahren, von dem sie zuvor nicht mal ein Phantombild zeichnen konnte. „Ich bin ganz sicher, dass er es war“, ruft sie panisch: „Was soll ich denn nur machen?“

          Frage 7: Kann das sein, dass bei einer zufälligen Begegnung das Bild plötzlich klar wird, welches zuvor jahrelang unklar war?

          Antwort von Adolf Gallwitz (Polizei-Psychologe und Psychotherapeut sowie Profiler an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen):

          Wahrnehmung und Gedächtnis sind unter Extremstress sehr problematisch. Andere Sinnes-Kanäle (Geruch, Stimme, Gang) können das Wiedererkennen beeinflussen.

          ***

          Bootz darf endlich seine Kinder wieder sehen. Lannert hilft beim Aufräumen, Abspülen, Aussortieren – ohne viele Worte darüber zu verlieren. Er bringt den Müll runter und geht, während die Kinder kommen (85. Minute).

          Frage 8: Sind Männer so, dass sie in Krisen eines Kollegen/Freundes zwar nicht darüber reden, aber handeln und helfen?

          In der Vollkrise: Kommissar Bootz von Frau und Kindern verlassen, von der Chefin beurlaubt

          Antwort von Adolf Gallwitz (Polizei-Psychologe und Psychotherapeut sowie Profiler an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen):

          Männer reden zu wenig, vor allem dann, wenn sie Hilfe brauchen. In diesen Situationen sind manche zum Heldentod geeignet, weil sie zu wenig kommunizieren.

          ***

          So fand unser Autor den neuen „Tatort: Eine Frage des Gewissens“ – wie fanden Sie ihn?

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