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Tatort-Sicherung : Gibt es in Deutschland zu wenige Polizisten?

  • -Aktualisiert am

Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) wird diesmal für einen Fall nach Lüneburg gerufen. Bild: NDR/Christine Schroeder

Im neuen „Tatort“ aus Lüneburg sind die Ermittler einem vermeintlichen Kriegsverbrecher aus Syrien auf der Spur. Probleme macht ihnen dabei die Personalknappheit. Ist die Situation wirklich so schlimm?

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          Im neuen „Tatort“ aus Niedersachsen werden die beiden Bundespolizisten Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) für eine Personenkontrolle nach Lüneburg gerufen. Sie sollen dort einen syrischen Geflüchteten überprüfen, der verdächtigt wird, in seiner Heimat Kriegsverbrechen begangen zu haben. Schnell stellt sich heraus, dass der Fall komplexer ist als erwartet. Als bei einem Zugriff eine Zeugin tödlich verletzt wird, geraten Falke und Grosz selbst in Verdacht, etwas mit ihrem Tod zu tun gehabt zu haben. Denn aus Falkes Waffe wurden während des Einsatzes zwei Schüsse abgefeuert.

          Die beiden müssen sich internen Ermittlungen stellen. Mithilfe zahlreicher Flashbacks wird der Fall wieder aufgerollt, dabei bekommen die Zuschauer einen umfassenden Einblick in die interne polizeiliche Ermittlungsarbeit. Wie viel davon ist realitätsgetreu? Wir haben Experten gefragt.

          ***

          Frage 1: Als die Ermittler Falke und Grosz bei dem gesuchten Mann klingeln, öffnet seine Ehefrau die Tür und behauptet, sie wisse nicht, wo er sei. Falke sagt daraufhin: „Wenn Sie uns nicht helfen, hat das auch Konsequenzen für Sie.“

          Stimmt das? Und wenn ja, welche Konsequenzen hätte ihr Verhalten in der Realität?

          Als Alima Khaled (Sabrina Amali) bei einem Zugriff getötet wird, gerät Hauptkommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) unter Verdacht.
          Als Alima Khaled (Sabrina Amali) bei einem Zugriff getötet wird, gerät Hauptkommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) unter Verdacht. : Bild: dpa

          Antwort von Antje Freudenberg (Polizeioberkommissarin und Sprecherin der Polizeiinspektion Lüneburg):

          Nein, also nur weil die Frau sagt, ihr Mann ist nicht zuhause, dafür gibt es in Deutschland keine besonderen Konsequenzen. Das klingt zwar im Fernsehen immer sehr schick, aber da übertreibt der „Tatort“ schon ein bisschen.

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          Frage 2: Bundespolizist Falke fordert von einem Lüneburger Beamten, die Observation eines Verdächtigen zu beantragen. Warum dieses Vorgehen - können er oder Falke die Order nicht selbst geben?

          Auf der Suche nach Abbas Khaled befragen die Ermittler auch den Barbesitzer Al-Shabaan (Marwan Moussa).
          Auf der Suche nach Abbas Khaled befragen die Ermittler auch den Barbesitzer Al-Shabaan (Marwan Moussa). : Bild: NDR/Christine Schroeder

          Antwort von Antje Freudenberg:

          Eine Observation unterliegt der Strafprozessordnung, die muss vom Gericht oder der Staatsanwaltschaft angeordnet werden. Das ist dann Chefsache. Da kann nicht jeder mal sagen, ach komm, den observieren wir jetzt mal - auch kein Bundespolizist. In solchen Fällen gibt es immer einen Vorgesetzten, der so etwas anordnen muss, ähnlich wie bei einer Wohnungsdurchsuchung. Bei Gefahr im Verzug, oder wenn man jemanden verfolgt, wäre es etwas anderes, aber in der Regel wird das immer entsprechend angeordnet.

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          Frage 3: Der Lüneburger Beamte beschwert sich später, dass er aufgrund „chronischer Personalknappheit“ zu wenig Leute habe, um die Observation des Verdächtigen durchzuführen. Gibt es in Deutschland tatsächlich zu wenige Polizisten, gerade in kleineren Dienststellen? Was meinen Sie aus Ihrer Praxiserfahrung heraus?

          Weil in Lüneburg das Personal knapp ist, muss Oberkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) selbst bei der Überwachung eines Verdächtigen aushelfen.
          Weil in Lüneburg das Personal knapp ist, muss Oberkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) selbst bei der Überwachung eines Verdächtigen aushelfen. : Bild: NDR/Christine Schroeder

          Antwort von Antje Freudenberg:

          Das mit der Personalknappheit ist sicher nicht übertrieben, wenn darüber gejammert wird. Wir hatten zwar noch nie mehr Polizisten als jetzt, aber unsere Aufgabengebiete sind auch viel größer und komplexer geworden. Wir haben zwar nominell viele Mitarbeiter, aber durch Teilzeitarbeit oder Mutterschutz sind eben auch nicht immer alle da. Meine ganz persönliche Meinung ist, dass wir allein hier in Lüneburg 30, 40 Leute mehr sicher gut gebrauchen könnten.

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          Frage 4: In dieser Folge suchen die Ermittler einen anerkannten Geflüchteten aus Syrien. Als sie bei ihm zuhause klingeln, treffen sie auf seine Ehefrau. Später stellt sich aber heraus, dass sie gar nicht seine Ehefrau ist, sondern seine Schwester. Sie gibt sich nur als seine Frau aus, damit die beiden nicht getrennt werden können.

          Was ändert es rechtlich, wenn sich Geflüchtete für das Asylverfahren als Ehepaar ausgeben?

          Die Geschwister Abbas (Youssef Maghrebi) und Alima Khaled (Sabrina Amali) geben sich als Ehepaar aus, damit sie beide in Deutschland bleiben können.
          Die Geschwister Abbas (Youssef Maghrebi) und Alima Khaled (Sabrina Amali) geben sich als Ehepaar aus, damit sie beide in Deutschland bleiben können. : Bild: NDR/Christine Schroeder

          Antwort von Silke Jaspert (Rechtsanwältin für Straf- und Asylrecht aus Lüneburg):

          Das hat mit der Asylberechtigung zu tun. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass Ehepartner in der Tat „Familienasyl“ genießen, also als Familienmitglieder eines Asylberechtigten ebenfalls Asyl erhalten. Für volljährige Geschwister gilt diese Norm nicht. Das heißt, wenn den Behörden bekannt wird, dass die „Eheleute“ keine sind, dann entfällt der Schutz des anderen Teils (hier der volljährigen Schwester) und sie würde ihre Asylberechtigung verlieren.

          Auch für den sogenannten „Stammberechtigten“, also in diesem Fall den Bruder, kann dann der Schutz entfallen, da diese Identitätstäuschung ein Grund sein kann, die Flüchtlingsanerkennung zu widerrufen. Das würde dann durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entschieden. Die Identitätstäuschung ist jedenfalls für beide eine Straftat.

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          Frage 5: Kommissarin Grosz fordert einen Dolmetscher an, um sich mit Alima Khaled zu verständigen. Gibt es besondere fachliche Voraussetzungen für Dolmetscher beziehungsweise Übersetzer, die für die Polizei arbeiten?

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          Antwort von Dr. Thurid Chapman (Vizepräsidentin des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer, Berlin):

          Grundsätzlich sollten bei den Polizeibehörden eingesetzte Dolmetscher und Übersetzer eine entsprechende Ausbildung absolviert haben, das ist in der Regel ein mehrjähriges Fachstudium. Vor allem aber sollten Dolmetscher nach Möglichkeit entsprechend den Vorschriften des jeweiligen Bundeslandes allgemein beeidigt sein. Das heißt, sie müssen vor einem Landgericht, Oberlandesgericht oder einer Innenbehörde einen Eid abgelegt haben. Das gilt in erster Linie für eine Tätigkeit bei Gericht oder bei der Staatsanwaltschaft, aber auch bei der Polizei. Die entsprechend befugten Dolmetscher und Übersetzer sind in einer bundesweiten Online-Datenbank gelistet, Einsatz und Bezahlung werden dann nach dem Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG) geregelt.

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