https://www.faz.net/-gsb-9eoi1

Tatort-Sicherung : Kommen Raser zu leicht davon?

  • -Aktualisiert am

Könnten äußerlich unterschiedlicher kaum sein: Die Raser der Gruppe „Le Magdeburg“ Bild: MDR/filmpool fiction//Stefan Erh

Im neuen „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg geht es um illegale Autorennen mit tödlicher Folge. Ist die Rechtslage wirklich so schwierig, wie im Fernsehkrimi dargestellt? Wir haben Experten gefragt.

          In Magdeburg wird nachts eine junge Frau auf der Straße unweit von ihrer Wohnung überfahren und stirbt noch am Tatort. Der Fahrer begeht Unfallflucht, Zeugen gibt es keine. Da der Wagen mit extremer Geschwindigkeit fuhr, vermuten die Hauptkommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke), dass er an einem illegalen Autorennen beteiligt war. Das führt sie auf die Spur der Gruppe „Le Magdeburg“.

          Der Vater (Ben Becker) der toten Sara erzählt wenig über seine Tochter, doch es stellt sich heraus, dass sie mit zwei Fahrern der Gruppe – Tommy (Dennis Mojen) und Henry (Anton von Lucke) – eine Beziehung hatte. Außerdem erfahren die Ermittler, dass die Strecke, auf der Sara überfahren wurde, einen Umweg darstellt. Eine weitere Spur führt an die Grenze zu Tschechien. Wurde Sara absichtlich getötet?

          Der Sonntagabendkrimi im Realitätstest.

          ***

          Frage 1: Gibt es in Magdeburg eine „Rennfahrer“-Szene?

          Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) am Unfallort

          Antwort von Beatrix Mertens (Pressesprecherin der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord):

          Nein. In Magdeburg gibt es keine sogenannte Rennfahrer-Szene.

          ***

          Frage 2: Die Leiche des Opfers wurde laut einem Beamten, der die Kommissarin Brasch am Tatort informiert, nach dem Unfall zusätzlich von einem Fahrzeug der Straßenreinigung erfasst. Trotzdem gibt es Indizien, dass die junge Frau mit einer Geschwindigkeit von „etwa 150 Kilometern pro Stunde“ überfahren wurde. Wie wahrscheinlich ist es, dass das noch am Tatort festgestellt werden kann?

          Unter zunächst unbekannten Umständen überfahren: Sara (Hanna Stange)

          Antwort von Beatrix Mertens:

          Eine direkte Ermittlung der Geschwindigkeit am Tatort unter den im Film geschilderten Umständen ist unrealistisch. Um entsprechende Aussagen zur gefahrenen Geschwindigkeit treffen zu können, müsste sowohl eine gerichtsmedizinische Begutachtung erfolgen, als auch eine entsprechende Tatortarbeit. Bei Vorliegen einer konkreten Spurenlage lassen sich unter Umständen vor Ort bereits erste Schlüsse zum Unfallgeschehen ziehen, eine absolute Eingrenzung der Geschwindigkeit ist allerdings erst nach einer gutachterlichen Beweiserhebung möglich.

          ***

          Frage 3: Kriminalrat Lemp (Felix Vörtler) besorgt für Brasch und Köhler einen neuen „Dienstwagen“ mit mindestens 300 PS, um mit den Rasern mitzuhalten. Später verfolgen die Kommissare mit 250 km/h ein Rennen auf der Autobahn und filmen dieses. Ist das realistisch?

          Planen die Beerdigung Saras: Klaus (Ben Becker) und Henry (Anton von Lucke)

          Antwort von Beatrix Mertens:

          Mal schnell einen neuen Dienstwagen mit mindestens 300 PS besorgen ist leider unrealistisch. Über einen entsprechenden Fuhrpark verfügt die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord nicht. Es gibt lediglich Spezialeinheiten, die über Dienstwagen mit einer hohen PS-Zahl verfügen beziehungsweise ein sogenanntes ProViDa-Fahrzeug der Autobahnpolizei zur Geschwindigkeitsüberwachung [ProViDa steht für Proof Video Data, also Videobeweis, Anm. d. Red.]. Im ermittelnden Bereich, bei uns würden Brasch und Köhler im Fachkommissariat 2 arbeiten, besteht nicht die Möglichkeit auf hochmotorisierte Fahrzeuge zuzugreifen. Das Führen eines derartigen Fahrzeugs setzt Spezialkenntnisse und Spezialfähigkeiten voraus, die erst in Lehrgängen und Trainingseinheiten erworben werden müssen.

          ***

          Frage 4: Brasch und Köhler diskutieren darüber, ob Raser in der Gerichtspraxis angemessen verurteilt werden. Köhler findet, dass die Urteile zu lasch ausfallen, Brasch verweist auf das „Berliner Urteil“ und ein neues Gesetz. Darauf Köhler: „… das aber nur greift, wenn wir nachweisen können, dass es ein Rennen war und nicht nur Geschwindigkeitsübertretung.“  Wie ist derzeit die Rechtslage?

          Brasch und Köhler (Matthias Matschke) vernehmen Tommy (Dennis Mojen)

          Antwort von Prof. Dr. Matthias Jahn (Professor für Strafrecht an der Uni Frankfurt und Richter am OLG):

          In Raser-Fällen muss man zwischen zwei ganz verschiedenen Delikten unterscheiden. Es gibt einmal den im letzten Jahr neu eingefügten Tatbestand des Paragrafen 315d des Strafgesetzbuchs. Er bestraft verbotene Kraftfahrzeugrennen, und zwar – wenn es zu einer schweren Folge kommt, insbesondere wenn bei der Tat jemand stirbt – mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren. Dieser Tatbestand setzt voraus, dass nachgewiesen wird, dass der Kraftfahrzeugführer, also der Autofahrer, an einem Fahrzeugrennen teilgenommen hat oder sich mit höchstmöglicher Geschwindigkeit fortbewegen wollte. Nur dann kann, wenn in Folge der Fahrt tatsächlich jemand zu Tode kommt, der neue Tatbestand greifen. Insofern ist das, was Kommissar Köhler sagt, rechtlich zutreffend. Die Gerichte sind sich allerdings im zweiten Fall bislang uneins darüber, wie der Passus „höchstmögliche Geschwindigkeit erreichen wollen“ auszulegen ist, da die Regelung schlampig formuliert ist. Das war übrigens auch Gegenstand der letzten hessischen Examensklausur im Strafrecht.

          Von § 315d trennen muss man die schon seit jeher existierende Regelung zum Totschlag in § 212 StGB. Gegebenenfalls kommt sogar Mord (§ 211 StGB) in Betracht, insbesondere dann, wenn man im Einzelfall sagen muss, dass das eingesetzte Kraftfahrzeug ein „gemeingefährliches Mittel“ war, weil es eine Vielzahl von Personen gefährdet hat. So wie in der Berliner Konstellation, wo die Angeklagten über viele Ampeln mit einer Geschwindigkeit von teilweise bis zu 180 Stundenkilometern vom Breitscheidplatz aus losgerast sind. Die Rechtslage diesbezüglich ist unverändert geblieben. Sie ist deshalb schwierig, weil es für die Frage der Verurteilung wegen Mordes in einem Raser-Fall darauf ankommt, ob ein sogenannter bedingter Tatvorsatz vorliegt. Handelt er nur fahrlässig, dann kann er nicht wegen Mordes bestraft werden, sondern nur wegen fahrlässiger Tötung mit einem relativ geringen Strafrahmen. Darum geht es ja auch im Moment in der Neuauflage der Hauptverhandlung in Berlin, nachdem der Bundesgerichtshof die Verurteilung der beiden Raser zu lebenslanger Haft aufgehoben hat, weil ihm die bisherigen Feststellungen zum bedingten Tötungsvorsatz nicht genügten.

          ***

          Wie fanden Sie den neuen „Polizeiruf 110“?

          Umfrage

          Wie fanden Sie den „Polizeiruf 110: Crash“ aus Magdeburg?

          Alle Umfragen

          Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

          Weitere Themen

          „Post von Karlheinz“ als Hörbuch Video-Seite öffnen

          Hörprobe : „Post von Karlheinz“ als Hörbuch

          Die Nachrichten, die die Schauspieler Bjarne Mädel, Cathlen Gawlich und Bernhard Schütz für dieses Hörbuch vorlesen müssen, liegen außerhalb der Vorstellungskraft anständiger Menschen.

          Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Tarantino stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Mit Hollywood-Stars besetzt : Tarantino stellt neuen Film vor

          Kult-Regisseur Quentin Tarantino präsentiert seinen neuen Film "Once Upon a Time in Hollywood" beim Filmfestival in Cannes. In den Hauptrollen sind Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie zu sehen. Im deutschsprachigen Raum läuft der Film ab Mitte August in den Kinos.

          Topmeldungen

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.