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Tatort-Sicherung : Wie bewaffnet ist Österreich?

  • -Aktualisiert am

Alles läuft auf den Dokta (Erwin Steinhauer) hinaus: Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) beim Spurenlesen. Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Im neuen „Tatort“ aus Wien erscheint die österreichische Hauptstadt von Strizzis dominiert und bis an die Zähne bewaffnet. Wie realistisch ist dieses Bild? Wir haben Experten gefragt.

          Als Spaziergänger eine nahezu verkohlte Leiche in einem Waldstück in der Umgebung von Wien finden, stehen Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) vor einem scheinbar unlösbaren Rätsel. Eine vielversprechende Spur findet dann der eifrige Chefinspektor Schimpf (Thomas Stipsits); die Identität der Leiche kann geklärt werden. Es handelt sich um Edin Gavric (Aleksandar Petrovic), Geldbote des „Dokta“ (Erwin Steinhauer), eines alteingesessenen Zuhälters aus Wien. Wer allerdings ein Motiv hätte, sich mit dem Wiener Strizzi anzulegen, wirft das nächste Rätsel auf. Denn auch der Dokta selbst scheint sehr daran interessiert zu sein, den Mord aufzuklären – schließlich geht es um eine große Summe, die Gavric entwendet wurde. 

          Als die Tatwaffe dann noch in der Wohnung des Inkasso Heinzi (Simon Schwarz), Fellners engem Vertrautem, gefunden wird und Eisner vermutet, Fellner trinke wieder, scheint der Schlamassel kein Ende zu nehmen.

          Wir haben uns davon unbeeindruckt einige Details herausgepickt und sie einem Realitätstest unterzogen.

          ***

          Frage 1: Dokta, dem Wiener Großkriminellen, wurde eine hohe Summe an Schwarzgeld gestohlen. Er warnt seinen Angestellten Pico, der in den Überfall verwickelt war: „Mei Marie muass wieder her!“ (Minute 6) Woher kommt der Wiener Ausdruck „Marie“ für Geld?

          Hier mahnt er ihn noch freundlich: Dokta (Erwin Steinhauer) will seine Marie zurück, und Pico Bello (Christopher Schärf) soll sie beschaffen.

          Antwort von Robert Sedlaczek (Publizist und Autor, u.a. „Wörterbuch des Wienerischen"):

          Das Wort Marie für Geld ist authentisch, die Herkunft kann aber nicht eindeutig geklärt werden. Eine Ableitung vom Maria-Theresien-Taler ist vorstellbar. Dass das Wort maro für Brot aus dem Romani das Herkunftswort ist, gilt als eher unwahrscheinlich. In meinem „Wörterbuch der Alltagsprache Österreichs" ist eine Belegstelle aus der Tageszeitung „Kurier“ aufgeführt: „Die Marie schießt keine Tore.“ Das entspricht der von Fußballkommentatoren meist mit Häme gemachten Feststellung: „Geld schießt keine Tore“. Red Bull beweist allerdings das Gegenteil - langfristig betrachtet. Beliebt ist auch die Redewendung "Die Marie muss stimmen." Soll heißen: Der Verdienst muss ausreichend sein, sonst tue ich mir etwas nicht an. Ein schönes Beispiel ist auch das Lied von Stefan Slupetzkys Trio Lepschi mit dem Titel „Marie“, das mit der Zweideutigkeit zwischen Marie als Mädchenname und Marie als Bezeichnung für Geld spielt.

          ***

          Frage 2: Kommissar Eisner auf der Suche nach Beweisen zu Chefinspektor Schimpf: „In jedem Dreckswald gibt es irgendwelche Wildkameras.“ Schimpf daraufhin: „Na, do ned.“ (Minute 8) Wie steht es um die Überwachung in den Wäldern rund um Wien?

          Chefinspektor Schimpf (Thomas Stipsits) muss Oberstleutnant Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Fellner (Adele Neuhauser) enttäuschen: Wildkameras gibt es hier keine.

          Antwort von Matthias Schmidl (Stellvertretender Leiter der Österreichischen Datenschutzbehörde):

          Das ist schwer zu sagen, da es keine Meldepflicht bei Wildkameras gegenüber der Datenschutzbehörde gibt. Seit dem 25. Mai, mit Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung, sind alle Meldepflichten gegenüber der Datenschutzbehörde entfallen. Daher haben wir auch kein Lagebild, das zeigte, wo sich überall Wildkameras befänden. Wir kommen immer nur im Nachhinein ins Spiel: Wenn sich jemand beschwert, prüfen wir die Rechtmäßigkeit und ob Sicherheitsmaßnahmen eingehalten wurden. In vielen Waldstücken ist es primär auch Entscheidung des Eigentümers oder des jeweiligen Jagdberechtigten, ob Wildkameras angebracht sind. Zusätzlich gibt es auch keine Verpflichtung, sie überhaupt aufzustellen.

          ***

          Frage 3: Oberst Ernst Rauter kennt den Wiener Großkriminellen gut: „Ein alt eingesessener Unterweltkönig ist er, der Dokta, ein Strizzi, vom alten Schlag.“ (Minute 24) Gab oder gibt es in Wien einen kriminellen Zuhälter, dem der „halbe Wiener Gürtel gehörte“? 

          Den Dokta bringt nichts aus der Fassung, der Wiener Strizzi nahezu Stammgast im Kommissariat.

          Antwort von Vincenz Kriegs-Au (Pressesprecher des BKA Wien):

          Es gab in Wien tatsächlich so jemanden, Richard Steiner, der erst vor ein paar Jahren von uns festgenommen wurde. Dieser Typ ist ein wahrhaft harter Knochen. Er überlebte sogar einen Wirbelsäulendurchschuss. Auch ihm haben einige Etablissements am Gürtel gehört und er wurde daher oft „Rotlichtkönig“ genannt.

          ***

          Frage 4: „Allein in Wien gibt’s 4000 Waffenbesitzkarten mit dem Kaliber“, verteidigt Majorin Fellner ihren Freund, den Inkasso Heinzi, als Eisner die passende Tatwaffe in seiner Wohnung findet. (Minute 56) Wie steht es um den Waffenbesitz der Wiener?

          Warst es etwa Du? Majorin Fellner will nicht wahrhaben, dass die Tatwaffe in der Wohnung ihres Freundes, des Inkasso Heinzi (Simon Schwarz), gefunden wurde.

          Antwort von Vincenz Kriegs-Au:

          Ich vermute, dass es sich hier um eine „Colt Government“ handelt. Das ballistische Gutachten, das im „Tatort“ gezeigt wird, wurde bei uns im BKA gedreht. Es handelt sich dabei jedenfalls um ein gängiges Großkaliber, das viele Leute haben. Der Wert, den Fellner nennt, ist durchaus realistisch. Bundesweit gibt es um die 306.000 registrierte Waffenbesitzer, wobei auch Jäger darunterfallen, oder, wenn irgendjemand bloß eine Schrottflinte bei sich zu Hause hängen hat. Allein in Wien gibt es 35.654 registrierte Waffenbesitzer. Dass diese Personen gleich mehrere Waffen besitzen, ist auch oft der Fall. Wie gesagt ist Fellners Aussage also realistisch.

          ***

          Frage 5: Der Inkasso Heinzi überreicht Eisner einen USB-Stick seines Partners Pico, dem mutmaßlichen Mörder Edin Gavrics. Pico selbst kam kurz davor im Schusswechsel um – der Stick enthält nun aber sein Geständnis, Gavric (Minute 86) ermordet zu haben. Können sich die Kommissare auf ein Geständnis per Video verlassen?

          Er sollte der Nachfolger des Dokta werden, doch nun wird er in den eigenen Reihen verdächtigt: Pico Bello.

          Antwort von Vincenz Kriegs-Au:

          Es handelt sich dabei ganz klar um einen Ermittlungsansatz. Vor allem, wenn Gefahr in Verzug besteht – was hier allerdings nicht der Fall ist, da die Person, die das Geständnis per Video ablegt, bereits tot ist. Ansonsten würde sie festgenommen. Auf jeden Fall muss man dieser Spur nachgehen, sprich Nachforschungen anstellen, wann und wo das Video gedreht wurde. Dazu hat das BK eigene Datenforensiker im Haus, die die Landeskriminalämter unterstützen. Wir sehen uns hier als Dienstleister. Es sollte keine Schwierigkeit darstellen, festzustellen, wann das Video aufgenommen worden ist, um so eine Zeitleiste für solch ein Video zu erstellen.

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