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Tatort-Sicherung : Eine Frage des richtigen Schnitts

  • -Aktualisiert am

Zwei Kommissare, eine Einstellung: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) Bild: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

Giftmord auf offener Bühne. Der erste „Tatort“ nach der Sommerpause zieht eine breite Spur in das Fluchtland Argentinien. Stimmen die historischen Fakten – und taugt ein Kugelschreiber als Lebensretter?

          Es soll ein grandioser Abend im Kultur- und Kongresszentrum Luzern werden: Das Jewish Chamber Orchestra spielt zu Ehren des schwerreichen Unternehmers Walter Loving (Hans Hollmann) ein Benefizkonzert. Gegeben werden Stücke von jüdischen Komponisten, die im zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern ermordet wurden.

          Schon im ersten Satz des ersten Stücks geht Klarinettist Vincent Goldstein (Patrick Elias) von der Bühne, krampft und würgt. Er wurde vergiftet. Liz Ritschard (Delia Mayer) ist schlecht vorbereitet auf den Einsatz, sie sitzt an diesem Abend im Publikum. Ihr Kollege Flückiger (Stefan Gubser) läuft gar im Fußballtrikot auf.

          Gemeinsam ermitteln die beiden noch vor Ort, wer den Klarinettisten vergiftet haben könnte. Dann wird auch Lovings Geliebte Opfer eines Giftanschlags. Wer steckt dahinter: Lovings dandyhafter Sohn (Andri Schenardi), seine Noch-Ehefrau (Sybille Canonica) oder die Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder), die sich fest vorgenommen hat, an diesem Abend ein dunkles Geheimnis zu enthüllen? Der Sonntagabendkrimi im Realitätstest.

          ***

          Frage 1: Klarinettist Viktor Goldstein fängt auf der Bühne an zu krampfen und zu würgen. Er bekommt schlecht Luft. Was dann folgt ist ein Film-Klischee aus dem Bilderbuch: Ein Sanitäter führt einen Luftröhrenschnitt mit dem Kugelschreiber durch. Machen Sanitäter sowas im Notfall wirklich selbst?

          Ruhe vor dem Giftmord: Alice Loving-Orelli (Sibylle Canonica, rechts), Franky Loving (Andri Schenardi) und Walter Loving (Hans Hollmann) lauschen den Orchesterklängen.

          Antwort von Dr. Björn Hossfeld (Sprecher Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin):

          Eigentlich handelt es sich bei der beschriebenen Maßnahme nicht um einen direkten Schnitt in die Luftröhre, sondern um die Eröffnung eines schmalen Bandes zwischen Schildknorpel und Ringknorpel, also unterhalb des Adamsapfels und oberhalb der Luftröhre; dieses Verfahren nennt man Koniotomie.

          Diese kann entweder mit einem sehr scharfen Messer, also einem Skalpell, oder mit speziellen Punktionssets erfolgen, bei denen die Haut und das darunter tastbare Ligamentum conicum zunächst mit einer kräftigen Stahlnadel punktiert wird. Über diese Stahlnadel wird dann ein kleiner Beatmungsschlauch eingeführt, um den geschaffenen Zugang offen zu halten, damit Luft den Atembewegungen folgend ein- und ausströmen kann. Ein solcher Schlauch ist auch bei dem Vorgehen mit einem Skalpell erforderlich. Während ein sehr gut gepflegtes hochwertiges Taschenmesser vielleicht noch scharf genug für diese Maßnahme sein könnte, sind auch wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge die meisten Kugelschreiberhülsen zu dünn, um einen ausreichenden Luftstrom zu gewährleisten; das heißt man bräuchte einen besonders dicken Kugelschreiber.

          Die Koniotomie ist aber eine sehr seltene Maßnahme, für die Notärzte und Notfallsanitäter keine Routine entwickeln können, die aber lebensrettend sein kann. In den allermeisten Fällen reicht es schon, dem Patienten den Mund zu öffnen und dabei den Unterkiefer etwas nach vorn zu schieben. Dementsprechend ist die Koniotomie nicht unbedingt ein Filmklischee, rückt die handelnde Person im Film aber in ein besonders heroisches Licht.

          ***

          Frage 2: Für den großen Abend im Kongresszentrum in Luzern ist extra das Jewish Chamber Orchestra aus Buenos Aires angereist. Das soll 1945 von jüdischen Auswanderern gegründet worden sein. Dabei gilt Argentinien doch eher als Rückzugsort für Nationalsozialisten. Wie viele jüdische Flüchtlinge haben es im Krieg nach Argentinien geschafft?

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