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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie viel Phantasie steckt in der Fortpflanzungsmedizin?

  • -Aktualisiert am

Kommissar Karow (Mark Waschke) versucht zu verstehen, was Harbinger (Christoph Bach) antreibt. Bild: rbb/Gordon Muehle

In diesem Kriminalfall pflanzt eine Reproduktionsmedizinerin kinderlosen Paaren ungefragt ihre eigenen Eizellen ein. Klingt unglaubwürdig. Ist es das auch? Der „Tatort“ aus Berlin im Realitätstest.

          „Ihr beiden seid echt wie so ein Magnet für Horrorleichen!“ In ihrem sechsten Fall „Dein Name sei Harbinger“ bekommen es die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) wieder mit einer äußerst unappetitlichen Leiche zu tun: Ein junger Mann ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

          Beide stoßen bei ihren Ermittlungen auf drei ungeklärte Morde mit ähnlichem Tathergang – doch sonst hatten die vier Toten auf den ersten Blick nichts miteinander gemein. Erst durch eine fast schon hellseherische Eingebung Nina Rubins wird klar: Die Opfer wurden allesamt in den achtziger Jahren in einer Kinderwunschklinik durch In-Vitro-Fertilisation gezeugt.

          Ins Visier der Ermittler gerät ein Mann, der 1987 eine Bombe unter dem Auto der Klinikleiterin montierte. Da er an einer Psychose litt, wurde er in die Psychiatrie eingewiesen, ist mittlerweile aber wieder entlassen. Ist er der Mörder?

          In der Gedankenwelt eines psychisch Kranken kennen sich die Autoren erstaunlich gut aus – auch wenn die Diagnosen etwas willkürlich durcheinandergeworfen werden. Beim Thema Reproduktionsmedizin hätten sie aber besser vorher unseren Experten befragt.

          ***

          Harbinger: „Erster Direktkontakt mit R18 heute um 15:02 Uhr. Keine Anzeichen auf einen Sexualpartner oder mögliche Reproduktion. Die Digitaldichte in der Wohnung ist auf Standardniveau. Trotzdem ist das Anfangsstadium des ersten Zyklus klar durchschritten.“ (Minute 23)

          Frage 1: Im aktuellen „Tatort“ aus Berlin leidet ein Mörder an einer psychischen Erkrankung. Eine Ausprägung derselben: Der Täter beobachtet seine Opfer vor der Tat systematisch. In der Ankündigung des Films sprechen die Autoren von einem Borderline-Syndrom, im Film wird von einer Psychose gesprochen. Zu welcher Krankheit passt sein Verhalten?

          Wo ist Harbinger? Karow und Rubin verfolgen den mutmaßlichen Mörder in der Berliner U-Bahn.

          Antwort von Dr. Stefan Röpke (Leiter des Bereichs Persönlichkeitsstörung an der Berliner Charité):

          Der Kern einer Borderline-Störung ist eine Instabilität in den Beziehungen zu anderen Menschen. Ein Borderliner geht sehr schnell sehr intensive zwischenmenschliche Beziehungen ein, hat häufig Konflikte in diesen. Die Betroffenen sind sehr impulsiv und tun oft unüberlegte Dinge, fahren beispielsweise sehr schnell Auto, feiern exzessiv, konsumieren Drogen, haben exzessive sexuelle Kontakt, männliche Betroffene sind oft cholerisch und gewalttätig. Borderliner erleben Emotionen sehr viel stärker als gesunde Menschen, können damit aber nicht umgehen. Sie verletzten sich häufig selbst und versuchen oft, Suizid zu begehen. Insofern passt die Diagnose Borderline nicht wirklich zu der im Film geschilderten systematischen und wohl überlegten Überwachung der Opfer. Der Begriff Psychose oder Schizophrenie trifft es wesentlich besser.

          ***

          Frage 2: Der Täter erklärt, von einem „Legaten“ über Funk mit den Morden beauftragt worden zu sein. Er beschreibt ihn als einzigen Menschen, der genauso denke, wie er. Zudem glaubt der Täter, von nicht näher identifizierten Institutionen ausspioniert zu werden. Das klingt eher nach Verfolgungswahn.

          Harbinger, der eigentlich Werner Lothar heißt, dokumentiert in seinem Versteck minutiös das Leben seiner Opfer.

          Antwort von Dr. Stefan Röpke:

          Auch diese Beschreibung der Psyche des Täters passt in der Tat eher zu einer Schizophrenie, die unter anderem mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen einhergeht. Davon Betroffene bilden sich oft ein, verfolgt, ausspioniert oder kontrolliert zu werden, sind eingeschränkt in der Wahrnehmung der Realität.

          ***

          Frage 3: Am Ende stellt sich heraus, dass der „Legat“ tatsächlich existiert und den Mann für seine Zwecke manipuliert hat. Ist es denkbar, einen psychisch Kranken auf Mord zu „programmieren“?

          Rubin und Karow finden die Kommandozentrale des „Legaten“ - über Funk hat er von dort aus Harbinger seine Anweisungen gegeben.

          Antwort von Dr. Stefan Röpke:

          In der Praxis ist mir noch kein solcher Fall begegnet, auch aus der Fachliteratur ist mir keiner bekannt. Es stellt sich hier ja auch die Frage, was man unter Manipulation versteht. Ist es bereits bewusst manipulativ, wenn ein Angehöriger eines psychisch Kranken ihm einredet, er sei gesund und müsse seine Medikamente nicht mehr nehmen, nur weil der Angehörige selbst nicht wahrhaben will, dass ein geliebter Mensch krank ist? Das ist ein sehr weites Feld. Theoretisch ist es aber denkbar, dass ein an einer Psychose wie Schizophrenie leidender Mensch beeinflussbar ist, wenn der Manipulator seine wahnhaften Gedanken gut kennt und an sie anknüpft. Das ist in dem von Ihnen geschilderten „Tatort“ ja augenscheinlich der Fall.

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