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„Tatort“ aus Wiesbaden : Kennst du einen, kennst du alle

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Aus diesem Fall führt für ihn kein Weg hinaus: Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot. Bild: HR/Bettina Müller

Der Hessische Rundfunk hat es wieder getan: Ulrich Tukur brilliert als Zeitschleifenheld in einer der ungewöhnlichsten „Tatort“-Episoden aller Zeiten. Das ist ein herrliches Vergnügen.

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          Die Frage, die nun wohl unvermeidlich ist, lautet: Darf man das? Unberechtigt ist die Frage nicht, denn „Murot und das Murmeltier“, dieser gezielte Verstoß gegen das „Tatort“-Reinheitsgebot, subvertiert die alte Realismus-Vorgabe noch krasser, als man es selbst vom Hessischen Rundfunk gewohnt ist. So ließ sich die grandios theaterhafte, cineastisch verspielte und mit Preisen bedachte Murot-Episode „Im Schmerz geboren“ aus dem Jahr 2014 noch als maximale Abweichung innerhalb der Norm verbuchen.

          Der irre Nachfolgeauftritt Tukurs in „Wer bin ich?“ verblieb gewissermaßen ganz im Außen. Bei der aktuellen Folge ist das anders, sie zerbricht die Konvention von innen. Sie ist just das, was neuen „Tatort“-Autoren und Regisseuren immer schon auf den Nägeln gebrannt haben muss und was sie sich zu versagen hatten: pure Selbstreflexion, die finale Durchstreichung. Jetzt könnten eigentlich auch Außerirdische einfallen. Also noch einmal: Darf man das? Die Antwort ist eindeutig: Wenn man es so gut macht wie Dietrich Brüggemann (Buch, Regie und Musik) und Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot, dann darf man alles. Also her mit den Außerirdischen (à la Lynch).

          Murmeltiere haben offenbar gerade Saison. Jüngst erst erschien auf Netflix die hochgelobte Serie „Matrjoschka“, in der eine New Yorkerin immer wieder ihren Geburtstag durchlebt und dabei, anders als seinerzeit Bill Murray im Prototypen des Zeitschleifen-Genres, am Ende jedes Durchgangs ins Gras beißt. Ebendas passiert nun auch Kommissar Felix Murot in dieser bis ins Detail durchdachten, liebevoll ausgestatteten und perfekt gespielten absurden Komödie, in der ein – auch ohne Rekursion schon mehr als irrsinniger – Banküberfall mit Geiselnahme ganze zwölfmal durchgestanden werden muss. Einmal erschießt sich der Kommissar bereits nach sechs Sekunden, weil alles so sinnlos ist. Bringt natürlich nichts, Bewährung ist gefordert. Das Schicksal spielt gern Lehrmeister.

          Hatten wir das nicht schon einmal? Kommissar Murot (Ulrich Tukur).
          Hatten wir das nicht schon einmal? Kommissar Murot (Ulrich Tukur). : Bild: HR/Bettina Müller

          Es ist mutig, dass sich das Drehbuch nicht mit der unbefriedigenden Traum-Ausrede herausmogelt. Auch als Parabel auf den frommen Wunsch, es im nächsten Leben besser zu machen (wie im ARD-Film „Wer aufgibt, ist tot“), gibt sich der Film nicht zu erkennen, sondern lässt einfach unbeantwortet, was auch der Kommissar sich nicht erklären kann. Gelungen ist schon der verzerrt rückwärts laufende „Tatort“-Vorspann, bevor wir Murot in seiner schrecklich-schönen Midcentury-Wohnung – alles kehrt wieder, auch Einrichtungsstile – im Bett antreffen. Hier materialisiert er sich jeden Morgen. Hier erreicht ihn immer wieder um 7.29 Uhr der Anruf seiner Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp), die den zunehmend ungeduldiger Reagierenden über den idiotischen Überfall informiert.

          Der erste Durchlauf zeigt einen furios selbstsicheren Kommissar, der zackig Befehle erteilt (Geld in kleinen Scheinen und Fluchtwagen besorgen, Zugriff beim Abzug), weil das doch alles Routine sei: „Geiselnehmer! Kennst du einen, kennst du alle.“ Tatsächlich scheint es Murot zu gelingen, den arg verstrahlten Täter (Christian Ehrich) zur Aufgabe zu überreden – nur eine eminente Winzigkeit hat unser Routinier übersehen. Game over, start again. Noch darf man an Computerspiele denken, auch an Polizeitrainings. Aber die Handlung nagt bereits am Verstand, Mode-Fachvokabel: „Mindfuck“.

          Die hohe Kunst besteht darin, trotz des programmatischen Auf-der-Stelle-Tretens nicht zu langweilen. Das gelingt, weil Ulrich Tukur zu bravouröser Form aufläuft. Er spielt alle Szenen jedes Mal meisterhaft neu: irritiert, enerviert, wütend, verzweifelt, übermütig, entrückt. Buch und Regie unterstützen den immer verrückter werdenden Tanz zu treffend komponierter Musik mit raffinierten Wendungen, unerwarteten Variationen und hübschen Einfällen wie dem, Murot in unmöglichen Freizeitklamotten vor dem Plot davonlaufen zu lassen. Ein großer Teil der Komik resultiert daraus, dass der genervte Protagonist Verwirrung stiftet. Erst allmählich begreift Murot, dass er trotz allem – was sonst am Sonntagabend? – ermitteln muss, und zwar, sein Gedächtnis wird ja nicht formatiert, über die Zeitebenen hinweg. Wer ist der Täter, wer seine Gehilfin (Nadine Dubois)? Wie lässt sich der teuflische Zirkel durchbrechen? Die Lösung ist dann fast ein wenig zu einfach, aber schön ist sie auch. Die Moral erhalten wir mit Schleifchen: Jeder Tag ist ein Geschenk. Feiert die Veränderung.

          Natürlich ist das letztlich auch ein Film über das Fernsehen und seine Krimimanie. „‚Tatort‘, ‚Polizeiruf‘, ‚SOKO‘, ‚Der Alte‘, ‚Der Junge‘ – das ist immer dasselbe“, muss ein Sanitäter (Sascha Nathan) etwas überdeutlich daherplappern. Brüggemann legt im Presseheft mächtig nach: „Verhöre, Kommissare, Geständnisse. Es ist immer dasselbe, und es ist niederschmetternd.“

          Das aber sehen wir hier gerade nicht, sondern eher so etwas wie Schauspielalltag: eine Szene, die wieder und wieder gedreht wird, bis sie stimmt. Philosophisch ließen sich wohl Überlegungen zu Sterblichkeit und Moral, Melancholie und Lebensmüdigkeit, Heilsgewissheit und ewiger Wiederkehr in die Handlung hineingeheimnissen. Was den Film aber vor allem auszeichnet – hallo, Grimme-Preis –, ist nicht sein denn doch überschaubarer Mehrwert auf der Metaebene, sondern die schiere Spielfreude, die sich in hinreißender Komik manifestiert. Dafür allein hat es sich gelohnt, der Kreativität alle Formatfesseln abzunehmen. Nach der fulminanten Episode „Stau“ (für den SWR) ist dieser heiter implodierende, letztlich lebensbejahende Krimi die zweite Arbeit Brüggemanns für den „Tatort“ – und hoffentlich nicht seine letzte. Zur Routine müssen ambitionierte Kunstfilme am Sonntag ja nicht gleich werden.

          Der Tatort: Murot und das Murmeltier läuft am Sonntag, 17. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten.

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