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„Tatort“ aus Wiesbaden : Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht

  • -Aktualisiert am

Meister des Verdrängens: Ulrich Tukur als Felix Murot Bild: dpa

Im „Tatort: Murot und das Gesetz des Karma“ brummt dem Kommissar der Schädel. Wir sehen Ulrich Tukurs Figur so schicksalshaft verwirrt wie eh und je.

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          Wenn unsere Vorstellungen die Welt, zu­mindest unsere Welt, prägen, ist es dann nicht das Beste, Leid und Schlechtes zu verdrängen und nur an das Genehme zu glauben? Der Wiesbadener „Tatort“-Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) ist Meister des Verdrängens. In „Murot und das Gesetz des Karma“ erhält er – möglicherweise – die Quittung für vergangene Taten.

          Genau genommen hat ihn das schlechte Karma allerdings schon in früheren Folgen immer wieder gepiesackt. Gleich anfangs, als der „Tatort“ mit Felix Murot einen todkranken Ermittler präsentierte, dessen Hirntumor für Wahnvorstellungen sorgte, oder später, als er in einer Zeitschleife gefangen den Tag eines Banküberfalls mit Todesfolge wieder und wieder sünden­büßend erlebte, oder, zuletzt, seinen hochgeschätzten ehemaligen Frankfurter Philosophieprofessor als Leiche wiedersah und dessen Theorien sich als Mist erwiesen. Von der Wiederbegegnung mit den wahnwitzigen Kindern des Professors ganz zu schweigen. Der Hang zum Absurden und Verspielten, der den Murot-Filmen zu ei­gen ist, geht einher mit einer Tendenz zum Schlimmstmöglichen. Figuren treten auf, die die Kurve haarscharf nicht kriegen. Oder wenn, dann arg schlitternd. Bevor sich Schicksale gelegentlich auch einrenken, vor allem unter Zuhilfenahme von Genrezitaten und Theaterdonner.

          Es heißt nicht umsonst Instant-Karma

          „Murot und das Gesetz des Karma“ macht das Prinzip der schlimmstmöglichen Wendung zur Erzählgrundlage. Die Haupthandlung des Buchs von Lars Hubrich (Ko-Autor und Regie Matthias X. Oberg) verfolgt einem unglücklichen Mörder (Thomas Schmauser) auf dem Weg durch allerlei böse Zufälle in den Abgrund. Ein polnisches Bodybuilderpärchen mit Hang zur Gewalt, ein Bauchredner mit illegalem Verkaufsangebot und eine wandlungsfähige Trickdiebin begleiten seinen Weg. Bei dem er seinen Chef, den kunstsammelnden Schöller (Philipp Hochmair) und seine milliardenverschiebende Firma Delphi Invest (eine Art Wirecard-Ableger) unabsichtlich mit in die Pleite zieht.

          Dass man für schlechtes Karma auf ein nächstes Leben warten muss, erklärt ein indischer Arzt (Mohammad-Ali Behboudi) Murot inzwischen, sei Unsinn. Der Arzt, den die wackere Streiterin für Aufklärung, Magda Wächter (Barbara Philipp), empfiehlt („der behandelt ganzheitlich“), nachdem der Kollege mit Brummschädel im Hotel Continental aufgewacht ist, ist für Murot ein Ärgernis. Als bisweilen seltsam handelnder, aber guter Ermittler nimmt er jedoch die Spur möglicher Zusammenhänge auf. Und muss erneut auch in eigener Sache forschen. Dabei ist „Murot und das Gesetz des Karma“ weniger skurril als die meisten der Vorgängerfilme und könnte auch Zu­schauern gefallen, die um den „Tatort“ aus Wiesbaden sonst einen Bogen machen.

          Trailer : „Tatort: Murot und das Gesetz des Karma“

          Anfängliche rätselhafte Unverbundenheit der filmischen Eindrücke gibt es freilich auch hier (die ausgezeichnete Kamera führt Max Preiss). Zu sehen ist zunächst ein angegilbter Super-8-Urlaubsfilm, der den Sommer eines glücklichen jungen Paars zeigt. Zu sehen sind Menschen im Hotel. Ein nervöser Mann mit Laptop, bald zu den Klängen eines Sinfonieorchester erwürgt, trifft vorher auf Eva (Anna Unterberger), eine raffinierte Trickbetrügerin. Die wenig später nichts ahnend mit dem Mörder Aufzug fährt. Dass die handelnden Personen von den Abläufen nichts ahnen, ist kein originelles, aber reizvolles Erzählprinzip. Zufälle gibt’s. Wer es glaubt, wird selig. Ansonsten droht schlechtes Karma, zumindest könnte das sein. Dass bis zum Schluss eine Restunsicherheit bleibt, macht „Murot und das Gesetz des Karma“ gelungen.

          Fragwürdig handelt auch Murot. Er geht im Hotel einer dem Arbeitgeber verschwiegenen Tätigkeit als Referent für Cybersecurity nach, fällt auf die Trickbetrügerin he­rein und wacht mit Brummschädel und be­raubt auf. Im anderen Stockwerk des Ho­tels wird schon die Leiche des Laptop-Mannes begutachtet. Und Eva, die Gaunerin, betrachtet mit ihrer Lebensgefährtin (Marlina Mitterhofer) Murots Jugendfoto im grauen Führerschein und kommt zu ei­ner weit hergeholten Erkenntnis. Weit hergeholt ist in diesem „Tatort“ vieles, ansehnlich verspielt.

          Tatort: Murot und das Gesetz des Karma, am heutigen Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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