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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie gefährlich sind Kissen?

  • -Aktualisiert am

Es geschah am hellichten Tag: Verena Schneider (Jasmin Georgi) wurde erst niedergeschlagen und dann erstickt. Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Gerichtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher (Robert Joseph Bartl) untersuchen die Leiche. Bild: Claussen+Putz Filmproduktion Gmb

Im neuen Münchner „Tatort“ wird eine Frau am hellichten Tag auf höchst ungewöhnliche Weise umgebracht. So einfach wie im Film klappt die Methode in der Realität aber nicht. Ein Rechtsmediziner klärt auf.

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          Eine Frau wird tot vor ihrem Wohnhaus gefunden, sie wurde erstickt. Es stellt sich heraus, dass sie schwanger war. Die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) haben in „Die Liebe, ein seltsames Spiel“ schnell den Lebensgefährten in Verdacht.

          Zum einen wollte er partout keine Kinder. Zum anderen war die Tote nur eine von fünf Frauen, zu denen er eine Beziehung pflegte. Doch nur eine der Damen, eine Psychologin, die offen polygam, also in mehreren Beziehungen gleichzeitig lebt, wusste von seinen diversen Liebschaften. Das Opfer hingegen erfuhr erst spät davon; es gab Streit. Musste es deshalb sterben?

          Die Frage, ob es in München tatsächlich einen „Poly-Stammtisch“ gibt, wie im Film behauptet, konnte eine Google-Suche schnell bejahen. Für alle anderen Ungereimtheiten haben wir Experten befragt.

          ***

          Frage 1: Vor einem Mehrfamilienhaus wird mitten am Tag eine Tote gefunden. An ihrer Schläfe findet der Gerichtsmediziner eine Wunde, die darauf hindeutet, dass sie niedergeschlagen wurde. Das war jedoch nicht die Todesursache. Sie wurde erstickt, indem ihr mit einem weichen Gegenstand die Luftwege verschlossen wurden. Darauf deuten Gewebefasern hin, die der Gerichtsmediziner in der Lunge des Opfers findet. Ein plausibles Szenario?

          Die Beziehung zu Thomas Jacobi (Martin Feifel) endet auch für Dr. Andrea Slowinski (Juliane Köhler) tödlich.
          Die Beziehung zu Thomas Jacobi (Martin Feifel) endet auch für Dr. Andrea Slowinski (Juliane Köhler) tödlich. : Bild: Claussen+Putz Filmproduktion Gmb

          Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning (Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München):

          Zunächst einmal ist sehr schwer, einen Menschen zu ersticken, indem man ihm einen Schal oder ein Kissen auf Mund und Nase presst. Das klappt höchstens bei älteren Menschen oder Kindern, denen man körperlich überlegen ist. Was viele nicht wissen: Etwa eine Minute hat der Körper noch genug Sauerstoff, um sich zu wehren. In solch einer Gefahrensituation wird sogar  verstärkt Blut durch den ganzen Organismus gepumpt, um die Versorgung zu gewährleisten. Deshalb ist man in der Lage, den Angreifer massiv zu attackieren. Selbst wenn er es schafft, das Opfer zu überwältigen und zu ersticken, er wird mit Blessuren wie Kratzspuren gezeichnet sein. Etwas anders stellt es sich dar, wenn das Opfer bewusstlos ist. Dazu passt wiederum in dem geschilderten Szenario die Kopfwunde - auch wenn es gar nicht so leicht ist, einen Menschen für längere Zeit K.O. zu schlagen. Übrigens: Selbst einen Bewusstlosen mit einem Kissen zu ersticken dauert mehrere Minuten. Uhrzeit und Fundort des Opfers sind insofern recht unrealistisch. Ebenfalls eher wirklichkeitsfern ist der Nachweis von Fasern in der Lunge. Wenn Sie etwas in den Alveolen, also den mikroskopisch kleinen Lungenbläschen, finden wollen, etwa Asbest, müssen sie das Gewebe veraschen. Dann wären aber die Textilfasern wiederum vernichtet. Um Fasern in Luftröhre oder Bronchien nachzuweisen, bleib nur die Möglichkeit, die Luftwege zu spülen, das ist aber eher experimentell – zumal dann noch lange nicht nachweisbar ist, dass die Fasern exakt von dem Gegenstand stammen, der als Tatwerkzeug vermutet wird. In der Massenproduktion werden Stoffe mit identischen Fasern tausendfach hergestellt.

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          Kommissar Franz Leitmayr mit Blick auf den Hals: „Die hat da Würgemale, oder?“ – Rechtsmediziner Steinbrecher: „Ja. Aber die können auch vorher entstanden sein. Frau Schneider hatte kurz vor ihrem Tod Sex und da geht es ja, wie wir alle wissen, nicht immer nur harmonisch zu in der Hitze des Gefechts.“ (Minute 19)

          Frage 2: Geht da die Phantasie mit Dr. Steinbrecher durch?

          Thomas Jacobi (Martin Feifel) lebt polyamourös. Seine Partnerinnen wie Andrea Slowinski wissen davon jedoch nichts.
          Thomas Jacobi (Martin Feifel) lebt polyamourös. Seine Partnerinnen wie Andrea Slowinski wissen davon jedoch nichts. : Bild: Claussen+Putz Filmproduktion Gmb

          Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning:

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