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Neues „Tatort“-Duo : Auf welchem Niveau ermitteln wir hier?

Die beiden haben es im Niedersachsen-„Tatort“ fortan miteinander zu tun, ganz eingespielt sind sie noch nicht: Maria Furtwängler und Florence Kasumba. Bild: NDR/Christine Schroeder

Bislang war die „Tatort“- Kommissarin Lindholm eine Alleingängerin. Nun bekommt sie ein Gegenüber, das genauso hart austeilt und einsteckt wie sie. Einen guten Krimi ergibt das noch lange nicht.

          Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) hat es eilig, gleich wieder wegzukommen. Kaum in Göttingen angelangt, wohin sie vom Landeskriminalamt Hannover strafversetzt wurde, macht sie dem Chef klar, dass sie nicht lange bleiben wird. Sie werde gegen die Umsiedlung klagen, sagt sie. Um das in ihrer neuen Dienststelle übliche „Du“, mit dem sie sogleich angekumpelt wird, kommt sie allerdings nicht herum. Dass sie nolens volens bleiben wird, deutet sich da schon an, am Ende dieses „Tatorts“ ist es gar keine Frage mehr.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Denn da hat sie einen tragischen Fall gelöst und erntet von ihrer neuen Kollegin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) höchste Anerkennung, mit der sie bis eben noch auf Konfrontationskurs war. Kein Wunder, hat Charlotte Lindholm sie am Tatort doch zuerst für eine Putzfrau gehalten. Dann hält sie der Kollegin eine Strafpredigt, die diese mit einer schallende Ohrfeige quittiert, für die sie sich gleich entschuldigt: Sie habe leider Probleme mit der Impulskontrolle, sagt Anaïs Schmitz, Charlotte Lindholm könne sie gerne anzeigen. Dabei hat die gewohnte Alleingängerin, die gern Befehle erteilt, viel mehr Probleme damit, dass sie Anweisungen gibt, die längst befolgt werden – auf Betreiben der kernigen Kommissarin, die sie wohl ihrer Hautfarbe wegen zunächst, wie gesagt, für eine Putzfrau gehalten hat. Für den alerten Gerichtsmediziner Nick Schmitz (Daniel Donskoy) hingegen findet Charlotte Lindholm von Beginn an freundliche Worte, womit sie sich abermals auf gefährliches Terrain begibt (zumal er ihr gleich seine Gäste-Couch anbietet, die allerdings in einem Wohnwagen im Wald steht). Der Mediziner ist schließlich mit der schlagkräftigen Göttingerin verheiratet, die ihr eine verpasst hat.

          Einen Fall haben die Kommissarinnen nebenbei auch zu lösen. Die fünfzehnjährige Julija Petkow (Lilly Barshy) hat in den verdreckten Toilettenräumen einer verlassenen Schulturnhalle ein Kind zur Welt gebracht. Das Baby ist verschwunden, die junge Mutter sucht blutend Schutz bei ihrem Halbbruder Nino (Emilio Sakraya). Die Kommissarinnen fahnden nach allen dreien und versuchen herauszufinden, ob Julija „nur“ ungewollt schwanger oder missbraucht wurde. Verdächtig machen sich Vater Petkow (Merab Ninidze), der Lehrer Johannes Grischke (Steve Windolf), der Drogendealer Tim Bauer (Oskar Belton) aus der zwölften Klasse und der Boxtrainer Ralf Schmölke (Oliver Stokowski).

          All diese Nebendarsteller machen ihre Sache im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten, die ihnen Drehbuch (Franziska Buch, Jan Braren, Stefan Dähnert) und Regie (Franziska Buch) geben, ganz gut, im Gegensatz zu den Protagonistinnen. Maria Furtwängler und Florence Kasumba bleiben weit hinter ihrem Talent zurück. Ihre Figuren sagen lächerliche Sätze auf, in denen sie sich („Ich hatte eine Fehlgeburt vor einem halben Jahr, ich will nicht darüber reden“) den sachlichen Überbau (verdrängte Schwangerschaften, insbesondere bei Minderjährigen) und die Handlung erklären. Sie sind vollends mit sich selbst beschäftigt. Ihr Verhalten kippt von einem Extrem ins andere. Es wird durch nichts beglaubigt, auch nicht durch Charlotte Lindholms Vorgeschichte. Die Kommissarin hatte bekanntlich einen Verdächtigen derart bedrängt, dass der sich das Leben nahm.

          Das ist Fernsehen vom Reißbrett, aufgesetzt, plakativ (auch in den Bildern) und unglaubwürdig in dem Versuch, aus einem Krimi mit einer Alphafrau einen mit zweien zu machen. Florence Kasumba hätte man im vermeintlichen Königinnenfach des deutschen Fernsehens einen besseren Einstand als „Tatort“-Kommissarin gewünscht, Maria Furtwängler eine adäquate Fortentwicklung ihrer Figur, um die sich bis dato alles drehte und die zuletzt komplett auseinandergenommen wurde. Sie habe ein „Problem mit Kollegen, die nicht auf meinem Niveau ermitteln“, sagt Kommissarin Lindholm dem Team in Göttingen zu Beginn. Wenig später zahlt Anaïs Schmitz es ihr mit gleicher Münze zurück. Ein gewisses Niveau muss der „Tatort“ mit den beiden aber erst noch erlangen.

          Der Tatort: Das verschwundene Kind läuft am Sonntag, 3. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten.

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